Liebe Gemeinde,
ihr Leben lang hatten meine Großeltern immer Kartoffeln im Keller. Mindestens einen Sack. Erst im Häuschen in der Eisenbahnersiedlung, dann im Schwarzwaldhaus in Böllen. Kartoffeln, mehr als nötig. Sie hatten erlebt, was Hunger heißt und wie schnell der Krieg einem alles nehmen kann. Nie wieder wollten sie Hunger leiden. Wenigstens Kartoffeln sollte es immer geben. Kartoffeln mehr als nötig und jeder Teller wurde bis auf den letzten Krümel aufgegessen und ausgeleckt. Etwas übriglassen oder gar Essen wegwerfen, das wäre für meine Großeltern nie in Frage gekommen. Noch im hohen Alter hat mein Opa jeden krummen Nagel wieder glatt geklopft und ihn wieder verwendbar gemacht. Die Erinnerung an schwere Zeiten und die Erinnerung daran, dass ihr Weg nach dem Krieg – als frisch verheiratetes Ehepaar, nur mit einem Kohlkopf unter dem Arm und ein paar Habseligkeiten im Koffer – gen Westen, aus dem Vogtland ins Ländle, gut gegangen ist und dass sie hier neu anfangen und ein neues Leben aufbauen konnten, hat sie die Kartoffeln und die Nägel, jeden Kanten Brot und geernteten Apfel wertschätzen lassen.
Vor allem aber hatte mein Opa seit seinem Ruhestand und dem Umzug unserer Familie in das kleine Schwarzwalddorf sein eigenes Stück Land, seinen Garten, in dem er Salat und Wirsing, Johannisbeeren und Stachelbeeren und natürlich Kartoffeln anpflanzte. Die Landwirte im Dorf haben sich manchmal amüsiert, wenn er mit großem Ernst sein kleines Fleckchen Land bewirtschaftete. Sie lebten und sie leben von den Hinterwälder Kühen. Milch- und Fleischwirtschaft, an steilen Schwarzwaldhängen gemähtes Heu als Voraussetzung für die Nahrung und dann und wann ein Schwein im Stall für die Metzgete.
Als einer, der sein sächsisches Heimatdorf verlassen musste, war meinem Großvater das Land im Ländle besonders wertvoll. Er war kein frommer Mensch. Mit der Kirche konnte er nichts anfangen und mit der Bibel erst recht nicht. Und doch war sein Leben davon geprägt, dass er wusste: es ist nicht selbstverständlich, dass immer genug Vorräte im Keller sind, dass das Essen reicht, dass Frieden ist und dass es einen guten Ort zum Leben und fruchtbaren Boden zum Bebauen gibt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – hätten die mahnenden Worte, die Mose einst an das Volk Israel gerichtet hat ihm nicht geschadet. Heute sind sie an uns hier auf dem Hof gerichtet und sie gehen so (Dtn 8,7-18):
Der Herr, dein Gott, bringt dich in ein gutes Land.
Dort gibt es Flüsse, Quellen und Seen, in den Tälern und in den Bergen.
Weizen wächst dort und Gerste und Wein. Die Bäume tragen Feigen und Granatäpfel.
Es ist ein Land reich an Oliven und Honig. Dort wirst du nicht armselig dein Brot kauen.
Nichts wird dir fehlen. Dieses Land ist reich an Bodenschätzen.
Im Gestein findet man Eisen, und in seinen Bergen kannst du nach Kupfer graben.
Wenn du isst und satt wirst, dann danke dem Herrn, deinem Gott!
Er hat dir dieses gute Land gegeben. Pass auf und vergiss den Herrn, deinen Gott, nicht!
Übertritt nie seine Gebote, Bestimmungen und Gesetze, die ich dir heute verkünde!
Denn Wohlstand kann gefährlich werden:
Du isst und wirst satt. Du baust dir wunderschöne Häuser und wohnst darin.
Deine Rinder und Schafe vermehren sich. Du häufst Berge von Silber und Gold an
und gewinnst in allem immer mehr. Dann kann dein Herz überheblich werden,
und du vergisst den Herrn, deinen Gott.
Dabei hat er dich doch aus Ägypten geführt, aus dem Leben in der Sklaverei.
Er führte dich durch die große und schreckliche Wüste.
Dort gab es giftige Schlangen und Skorpione, nur Trockenheit und kein Wasser.
Er aber ließ Wasser für dich hervorquellen aus dem härtesten Felsen.
Er gab dir in der Wüste Manna zu essen, das deine Vorfahren nicht kannten.
So zeigte er dir, wie sehr du ihn brauchst. Er prüfte dich, um dich danach mit Gutem zu belohnen.
Du kannst dir natürlich einreden:
»Meine eigene Stärke und die Kraft meiner Hände haben mir diesen Reichtum verschafft.«
Aber nein, du sollst an den Herrn, deinen Gott, denken!
Er hat dir die Kraft gegeben, damit du reich wurdest.
Er hat sich bis heute an den Bund gehalten, den er deinen Vorfahren geschworen hatte.
In schillernden Farben, bunt wie hier auf dem Erntedankaltar stehen die Schätze des Landes aufgereiht und lassen einem selbst beim Hören das Wasser im Mund zusammenlaufen: Weizen, Gerste, Wein. Feigen und Granatäpfel. Oliven und Honig – und Brot. Das ist kein zufälliges Sammelsurium, sondern es sind die besonderen Früchte des Landes Israel. Sie stehen für die umfassende Ernährung. Es gibt genug davon. Für alle. Das Entscheidende aber ist das Land, das Gott den Seinen gegeben hat. Der Boden, auf dem das Gute gedeihen kann. Wenn der Hunger mit den Früchten gestillt ist, werden die Augen und Ohren offen für das Land, den Boden, auf dem das alles gedeihen konnte. Der Boden ist entscheidend. Und wir erleben, wie fragil die Böden sind.
Wenn bei uns einst fruchtbare Äcker ausgetrocknet und mit Furchen verdorrt sind.
Wenn einst satt-grünes Gras gelb-vertrocknetes Stroh ist.
Wenn Bäume schon im Sommer gelbe Blätter tragen, weil der Boden ausgetrocknet ist.
Und weil in der Ukraine die Aussaatflächen für Winterweizen deutliche zurückgehen, leiden 400 Millionen Menschen weltweit an Hunger. Der Boden ist entscheidend.
Auch bei uns rückt der Umgang mit dem Boden in den Mittelpunkt. Gott zu loben für das Land, das er uns gegeben hat, bedeutet auch, scharf hinzusehen wie mit dem Boden bei uns umgegangen wird. Land und Boden sind nicht nur kostbar, sondern auch teuer. Heute kosten sie mehr als doppelt so viel wie vor 10 Jahren. Und auch die Pachtpreise für den Boden sind stetig gestiegen.
Der Flächenverbrauch in Deutschland ist ebenso rapide gestiegen. Täglich – so das Bundesumweltministerium – verbrauchen wir die Fläche von etwa 76 Fußballfeldern für Siedlung, Verkehr, Wirtschaft und Infrastruktur. Bis 2032 soll das deutlich reduziert werden. Aber es ist so: die Landwirtschaft hat im Wettbewerb um den Produktionsfaktor Boden starke Konkurrenz bekommen. Der harte Wettbewerb um die Böden und die Flächen bringt die Landwirte in Bedrängnis. Und er trifft vor allem die Familienbetriebe, die mit den Preisen nicht mehr mithalten können.
Die Erinnerung daran, dass das Land und die Böden von Gott geschenktes Land und von Gott fruchtbar gemachte Böden sind, wirft darauf ein anderes Licht. Dann geht es darum, die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe zu unterstützen, dafür zu sorgen, dass das Land offen bleibt und die Böden mit Sinn und Verstand nachhaltig bewirtschaftet werden.
Das gute Land und die Böden sind ja nicht nur für die Landwirtschaft relevant. Versiegelung und Zersiedelung gefährden unsere Umwelt und beschleunigen zusätzlich den Klimawandel. Rückzugsräume für die Natur, für die Tierwelt und auch für uns Menschen schwinden, die Speicherung von CO2 und die Produktion von Sauerstoff nehmen ab, Dürreperioden und Überflutungen häufen sich und werden sich auch bei uns häufen. Mit jedem verschwundenen Acker – ob bei uns oder in der Ukraine – und mit jeder Wiese, auf der statt Bäumen Hochhäuser wachsen sinkt die Sicherung der Ernährung.
Die biblischen Texte sind hier sehr klar. Immer wieder wird daran erinnert, dass das Land und der Boden Gott gehört. Wir sind die Nutznießer, Pächter und Verwalter, die mit großer Verantwortung mit diesem wertvollen Gut umzugehen haben. Uns ist von Gott viel anvertraut. Wir müssen damit verantwortlich umgehen. Das Land ist uns von Gott gegeben, damit wir alle gut darauf und davon leben können. Wenn du isst und satt wirst, dann danke dem Herrn, deinem Gott! Er hat dir dieses gute Land gegeben. Aus diesen Worten leitet sich im Judentum das Gebet nach jeder Mahlzeit ab. Mit vollem Bauch nicht vergessen, dass Gott der Urgrund und Schöpfer aller Dinge ist. Das ist alles andere als selbstverständlich. Wer sich an Zeiten erinnern kann, in denen das Essen nicht selbstverständlich auf dem Tisch stand, versteht etwas von dem tiefen Dank, der in so einem Gebet zu hören ist. Der tiefe Dank für das, was wir haben, braucht die Demut, die darum weiß, dass wir ohne den Schöpfer nichts tun können. Nicht auf den Weizenfeldern und auch sonst nicht.
Dankbarkeit ist für mich eine Grundhaltung von Christinnen und Christen. Nicht das schnelle Danke. Sondern eine Haltung zum Leben, die weiß: es ist nicht selbstverständlich, was ich habe und was wir ernten konnten. Nichts ist selbstverständlich: nicht mein Vermögen und das, was ich beruflich erreicht habe, nicht meine Beziehungen und nicht, dass ich bis hier und heute bewahrt bin und bei Kräften. Wer dankbar ist, lebt aus den Wurzeln und auf solidem Fundament und mit klarem Blick in die Zukunft. Nichts ist selbstverständlich – davon singt die Dankbarkeit ein Lied. Sie nimmt das, was gelungen ist, was gewachsen ist an Vermögen und an Ernte nicht als Verdienst, sondern als Geschenk. Oft wächst dieses Bewusstsein an den Grenzen des Lebens. Wenn das Ende in den Blick kommt, wenn die Fragilität sich aufdrängt. In einem Brief aus der Haft an seine Eltern hat Dietrich Bonhoeffer das so auf den Punkt gebracht:
„Im normalen Leben wird es einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich viel mehr empfängt, als er gibt, und das Dankbarkeit das Leben erst reich macht. Man überschätzt recht leicht das eigene Wirken und Tun in seiner Wichtigkeit gegenüber dem, was man nur durch andere geworden ist.“ (Brief an Karl und Paula Bonhoeffer, 13.09.1943, DBW 8 (WE), S.157f.)
Nicht vergessen, was Gott uns Gutes getan hat – und dafür dankbar sein. Das macht den Rücken frei, sich auch dafür einzusetzen, dass die Bedingungen für Landwirte fair sind. Zu wissen und danach zu handeln, dass Milch und Fleisch, Getreide und Obst fair und realistisch bezahlt werden müssen. Das Danken gewinnt an Tiefe, wenn so mit Händen zu greifen ist, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass wir genug haben. Deswegen beten wir um das täglich Brot. Bitten darum, dass Gott uns auch heute das schenkt, was wir zum Leben brauchen. Schon Luther wusste: das täglich Brot ist mehr als der Laib im Brotkasten. Das täglich Brot ist alles, was nottut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh und Geld. Dazu kommt für Martin Luther noch „Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Freude, Gesundheit, Ehre, gute Freunde und getreue Nachbarn.“
Mit der Dankbarkeit wächst die Pflege dessen, was uns anvertraut ist. Der Sinn dafür, dass das Land Gottes Land ist und der Boden Gottes Mutterboden für das, was wir aussäen. Es wächst der Sinn dafür, dass weder Geld noch gutes Wetter, weder Besitz noch Gesundheit, weder gute Freundinnen und Freunde noch gute Nachbarn selbstverständlich ist.
Wir brauchen eine Kultur der Dankbarkeit und die Ausbreitung des Bewusstseins, für das die Landwirte immer schon stehen: dass uns das Land und die Äcker anvertraut sind und dass es Gott selbst ist, der uns die Kraft gibt, dass wir auch übermorgen ernten können: Früchte im konkreten und im übertragenen Sinn. An Erntedank richten sich unsere Sinne auf das, was größer ist, was wir erdenken und planen können, größer als das, was wir schaffen und erhalten können.
Alles beginnt mit dem Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
