Sehr geehrte Damen und Herren,
82 Jahre – das ist ein ganzes Menschenleben. Wir denken heute an die fast 7000 jüdischen Menschen, die aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das Lager Gurs transportiert wurden. 80 Jahre ist es her, dass sie nach Auschwitz deportiert wurden und in den sicheren Tod.
Zahlen und geschichtliche Eckdaten können kaum erfassen, wie da Menschen aus unserer Mitte gerissen wurden. Sichtbar wird es an den Spuren ihres Lebens. Hörbar in den Briefen, die sie aus dem Lager geschrieben haben. In den Briefen sind die Ängste und die Tränen derer, die die Briefe erhalten haben, aufgehoben. Sie sind Zeugnisse von abgebrochenen Leben. Wie die Berge von Koffern, Brillen und Schuhen in Auschwitz. Jeder gehörte zu einem Menschen. Dem kleinen Mädchen, das an der Hand der Mutter die Angst spürte und dessen Kinderleben brutal abgebrochen wurde. Dem Arzt, der seine Patienten bis zuletzt liebevoll versorgt hatte und dessen Koffer mit den letzten Habseligkeiten ihm wie sein Leben entrissen wurde. Auch wenn ich die Menschen nicht persönlich kenne – durch diese Gegenstände werden sie von der Zahl in der Statistik zu Bruder und Schwester.
Wir erinnern uns heute an die Menschen, die aus unseren Dörfern und Städten abgeholt wurden. Herausgerissen bei Nacht und Nebel. Aus der Nachbarschaft und der Gemeinschaft, zu der sie immer gehört hatten.
Die Gedenksteine hier in Neckarzimmern erinnern daran und setzen ihnen ein Denkmal. In Gottes Gedächtnis sind sie nicht verloren. Heute erinnern wir an die Transporte in den Tod – und erleben wieder einen Krieg in Europa.
In der Erinnerung liegt Kraft. Sie schafft eine Gemeinschaft über die Zeiten hinweg. Erinnerung geschieht hier und heute. Das was in der Vergangenheit geschehen ist, hat eine Bedeutung für heute. Die abgebrochenen und ermordeten Leben, das Schweigen hinter den Vorhängen der Nachbarn, die nur zugesehen, aber nicht hingesehen haben.
Hinsehen und nicht nur zusehen – darum geht es auch heute. Wenn die Synagogen bei uns mit Panzerglas ausgestattet werden, damit sie nicht durch Schüsse gefährdet werden können. Wenn Antisemitismus sich wieder breit macht und Hassreden salonfähig werden.
Die Ängste unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger hören wir auch heute. Und wir stehen an ihrer Seite. Die Erinnerung an das, was vor 82 Jahren in Baden geschah, nährt unsere Entschiedenheit, an der Seite der Jüdinnen und Juden in Baden zu stehen.
Uns eint die Kraft der Erinnerung an Gottes Befreiungstaten. Und die Sehnsucht danach, dass alle Menschen in Frieden und ohne Angst leben können. Wenigstens bei uns.
Wenn wir uns heute erinnern, dann spüren wir den Schmerz über das Leid und den Tod, der in den erschöpften und angsterfüllten Gesichtern in den Züge in die Lager zu sehen war. Wir lassen den Schmerz an uns herankommen und lassen uns bewegen dazu, genau hinzusehen: wenn jüdische Menschen in unserem Land angefeindet werden, wenn sich in Klischees und Sprüchen auf dem Schulhof Feindseligkeit ausbreitet, wenn mal wieder einer findet, dass man „das ja wohl noch sagen darf“ – und unter diesem Deckmantel Hass und Hetze nährt.
Wir hören die Briefe, die zu letzten Zeugnissen wurden. Und denken an die vielen Briefe, die nie geschrieben wurden. Weil die, die sie hätten schreiben können, von Gurs nach Auschwitz und in den Tod gejagt wurden.
Ihre Stimmen mahnen uns dazu, alles für den Frieden zu tun.
Unser Gedenken bezeugt, dass kein Mensch bei Gott verloren ist.
Wir erinnern uns an das, was vor 82 Jahren geschah – teilen Schmerz und Tränen und halten die Hoffnung und die Verantwortung dafür wach, dass nie wieder in unserem Land Menschen in Vernichtungslager vor den Toren unserer Dörfer und Städte gebracht werden dürfen. Und dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat – wo auch immer er herkommt.
Erinnern wir uns.
Gedenken wir.
Geben wir der Trauer Raum.
