Friedensethik herausgefordert – gerechter Frieden in Zeiten des Krieges?

Statement auf der Herbsttagung der Landessynode (25.10.2022)

Hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder,
 
herzlichen Dank für die angeregten Diskussionen. Auch in Sachen des Friedens ist es die große Herausforderung, einen kühlen Kopf zu bewahren – und dabei nicht die Leidenschaft zu formulieren.

In diesem Sinne trage ich gern ein Statement bei zu unserem Nachdenken darüber, was es heißt und wie das gehen kann, in Zeiten des Krieges vom gerechten Frieden zu reden. 

Die Friedensethik ist durch den Angriffskrieg auf die Ukraine angefragt und muss sich anfragen lassen. Nicht etwa, weil plötzlich nicht mehr gilt, was einmal getragen hat, sondern weil ethische Positionierungen und kirchliche Haltungen immer wieder daraufhin befragt werden müssen, ob sie noch angemessen sind und angesichts der konkreten Situationen und Kontexte Bestand haben und begründbar sind. Die Situation steht uns in ihrer Komplexität vor Augen. Sie ist komplex, weil die Akteure im Krieg in der Ukraine mehr sind als Russland und die Ukraine. Sie ist vor allem auch deswegen komplex, weil die Spannungen mit Händen zu greifen ist. 

Die Herausforderung, vor der wir stehen, sehe ich in Folgendem: 

Wie kann es gelingen, dass wir uns am umfassenden Frieden – dem Shalom, von dem die biblischen Texte sprechen - orientieren, diesen in seiner wirklichkeitsverändernden und orientierenden Kraft ernst nehmen – und zugleich auch in unserer Positionierung dem Rechnung tragen, dass die Aufrichtung des Shalom nicht unsere, sondern Gottes Sache ist.

Wir brauchen auch in Sachen des Friedens die Kraft der Unterscheidung. Dazu gehört der Blick auf den Bereich unserer Verantwortung – und die Grenzen desselben. Zugleich ist unser Auftrag, in dieser Gesellschaft und dieser Welt von den Verheißungen zu reden, die über das hinausgehen, was wir machen können.

Mit anderen Worten: der weite Horizont, in dem wir als Kirche unterwegs sind und von dem her wir auch unsere friedensethische Positionierung formulieren, bedeutet, dass wir realistisch und bescheiden sind auch in der Begrenztheit unserer Bemühungen und im Scheitern auch der verheißungsvollsten Ansätze. 

Das bedeutet nicht, dass wir uns aus der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung zurückziehen. Es bedeutet aber sehr wohl, dass wir ehrlich und selbstkritisch unsere Haltung, unsere Sprache und unsere Überzeugungen daraufhin überprüfen, wo sie zur Ideologie zu werden drohen. 

Wir setzen auf die Kraft des Gesprächs – und erleben doch auch dessen Grenzen.
 
Am vergangenen Montag (17.10.2022) hat der noch amtierende Generalsekretär Ioan Sauca den putintreuen Patriarch Kyrill in Moskau besucht. Fernando Enns hat darauf Bezug genommen. Sauca verband mit dem Besuch die Absicht, auszuloten – ich zitiere aus dem Pressetext des ÖRK – „what we can do together to build bridges of peace and reconciliation and stop the bloodshed and the danger of nuclear conflagration.” Dabei hat er an den Putin-nahen Moskauer Patriarchen appelliert, dass dieser klar zu einem Ende des Blutvergießens aufrufen solle und den Weg von Frieden und Versöhnung einschlagen. Bemerkenswert ist, dass sich auch der Moskauer Patriarch durchaus klar dazu bekannt hat, dass Krieg nie heilig sein kann. 
Seine Äußerungen dazu, dass „die Zeiten schwierig sind“, dass jedoch die Schwierigkeiten und Gefahren ausschließlich aus dem politischen Kontext kommen und vor allem seine Äußerung, dass es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht zur Selbstverteidigung gäbe („But when one has to defend oneself and his life or to give his life for the life of others.“), ist angesichts der konkreten Konstellation mehr als problematisch, weil es den Angriffskrieg zur Selbstverteidigung stilisiert. Gesprächskanäle offen zu halten muss auch bedeuten, unmissverständlich Stellung zu beziehen und geschehendes Unrecht klar zu benennen. Ob das am vergangenen Montag in Moskau geschehen ist, kann man bezweifeln.

Ob in den Äußerungen des Moskauer Patriarchen oder in anderen Äußerungen: neben den konkreten Gefahren des Krieges und der Waffengewalt ist in den Debatten um den Krieg und den Reaktionen auf das, womit wir nicht erst seit dem 24. Februar 2022 konfrontiert sind immer wieder auch eine Form der Ideologisierung zu beobachten, die Resonanzen auf verschiedenen Ebenen hat. 

Friedensethik und theologische Reflexion – und auch unsere kirchlichen Stellungnahmen - haben die Aufgabe, solche Ideologisierungen aufzudecken und mit dem scharfen und zweiten Blick auf die Komplexitäten, die Dilemmata und auch auf die Ratlosigkeit zu sehen und ihr einen Raum zu geben. 

Das gilt auch für die Rede von der Zeitenwende. Im Blick auf diese Rede halte ich es durchaus für theologisch geboten, den ideologischen Gehalt deutlich zu kritisieren.
Mit der Rede von der Zeitenwende hat der Bundeskanzler eine radikale Neuorientierung der deutschen Sicherheits- und Außenpolitik gefordert. Auch von Seiten der theologischen Ethik wurde der Begriff immer wieder aufgenommen, ergänzt um die Einschätzung, dass die Friedensethik insgesamt und die Orientierung einer am Primat friedenslogischer Optionen orientierten Haltung „gescheitert“ sei. 

Zugleich begegnet in den politischen Argumentationsmustern immer wieder die Rede von einer „Verteidigung der westlichen Werte“. Eine solche Ideologisierung ist für eine sachliche Debatte nicht hilfreich. 

Aus friedensethischer Sicht kann nicht die Frage sein, welches Wertesystem „gewinnt“. Vielmehr muss unsere Frage sein: Wie kann es gelingen, dass Frieden und Versöhnung ein Zusammenleben in einer diversen und pluralen, demokratischen Gesellschaft ermöglichen. Dessen Stärke zeigt sich darin, dass unterschiedliche Wertesysteme in konstruktiven Streit miteinander eintreten und dass um zukunftsfähige Antworten auf gegenwärtige Fragen gerungen wird. 

Die eigentliche Zeitenwende ist mit Jesus Christus geschehen und hat sich längst ereignet. 
 
Dem Gedanken eines „Scheiterns“ der bisherigen Friedensethik liegt die Vorstellung zugrunde, als müsse Friedensethik (wie auch andere ethische Relevanzfelder) sich siegreich durchsetzen – oder eben scheitern. Das übersieht, dass auch und gerade das Arbeiten am Frieden sich in tastenden, mutig experimentierenden und auf langatmige Prozesse setzenden Wegen vollzieht.

Zwischen „Nie wieder Krieg!“ und „Nie wieder Faschismus!“ liegen die Optionen der ethischen und politischen Debatten. Auch die Dilemmata liegen je länger je mehr vor unseren Augen. Klar ist: Der Bruch des Völkerrechts und die brutale Missachtung der Menschenrechte durch Russland dürfen keinen Erfolg haben. Ebenso klar ist: Die militärische Gewalt bringt jeden Tag neuen Tod und Zerstörung und schafft keinen Frieden. 

Über der Abschlusserklärung der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Karlsruhe zum Frieden steht ein Vers aus dem Lukas-Evangelium: „Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden dient! Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen.“ (Lukas 19, 42) 

Wir brauchen den Mut zur Demut

In den gegenwärtigen Dilemmata bleiben auch Kummer, Verzweiflung und Ohnmacht, die uns seit dem 24. Februar begleiten. Es geht darum, die Schrecken der Kriege (in diesem Dokument geht es nicht nur um den Krieg Russlands gegen die Ukraine) wahrzunehmen, hinzusehen und nicht mit Argumenten das Unfassbare zu fassen zu versuchen. Trauer und Angst, Rache und Hass, Ohnmachtsgefühle und Allmachtsphantasien – all das gehört zu dem, was wahrzunehmen ist im Angesicht des Krieges. 

Das schärft den Realismus auch der Friedensethik, zu dem auch gehört, entschieden an der Option für Gewaltfreiheit festzuhalten. 

Friedensethik ist stark, wenn sie Dilemmata nicht vorschnell auflöst, sondern benennt. In einer Bedrohungssituation wie der, die wir erleben, stellt sich die Frage, ob der Einsatz militärischer Gewalt zur Abwehr der russischen Aggression moralisch gerechtfertigt ist. 

Damit verbunden ist das zweite Dilemma: Ist es moralisch gerechtfertigt und wenn ja, in welcher Form, den Abwehrkampf durch ausländische Regierungen zu unterstützen. 

Schließlich besteht das dritte Dilemma darin, ob die Kirchen aus moralischen Gründen das militärische Handeln unterstützen oder sich auf diplomatische Friedensbemühungen und zivile Hilfe für in Notlage geratenen Menschen konzentrieren. 

Der Blick auf die Dilemmata macht die Friedensethik nicht einfacher, aber er bereitet den Boden dafür, dass wir ausgerichtet sind auf den Schalom, den umfassenden göttlichen Frieden. 

Was ist der Auftrag der Kirchen? Welchen Ton bringen wir spezifisch in die Debatten ein – und worin liegt unsere Aufgabe heute?

Das bewegt sich auf unterschiedlichen Ebenen.

Wir brauchen den Mut für eine neue Kultur der Ratlosigkeit. Sie würde einer verletzlichen Kirche gut zu Gesicht stehen, weil damit neue Zwischenräume für einen realistischen Blick auf die Komplexität der Lage entstehen. 

Damit meine ich nicht, dass wir schulterzuckend schweigen. 
Aber ich meine, dass eine theologisch begründete Kultur der Ratlosigkeit den Raum und Realismus dafür schaffen würde, dass politische Entscheidungen unter dem konkreten Handlungsdruck immer auch Entscheidungen bleiben, die nicht frei von Schuld sind. 

Dahinter steht die Überzeugung, dass wir auch in den Gesprächen in der weltweiten Ökumene und in der kritischen Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Ideologisierungen jeder Couleur gelernt haben, dass der eigene theologische, kirchliche und persönliche Standpunkt sich einem Kontext verdankt und damit notwendig begrenzt ist. 
 
Die Wahrheit – auch das, was moralisch richtig ist – liegt nicht vollständig in unserer Hand. Wir entdecken sie, wir suchen nach ihr und ringen um sie – z.B. in synodalen Beratungen – aber sie ist immer größer als wir selbst. 

Die konkreten Herausforderungen angesichts des Krieges in der Ukraine und die Spannung zwischen Hilfe für die von Gewalt Bedrohten und Betroffenen und dem Festhalten an der Kraft gewaltloser Konfliktlösungen – und die damit verbundenen Dilemmata lassen sich nicht schwarz-weiß auflösen. Es könnte unser Beitrag als Kirche und als Christinnen und Christen sein, zu dieser Unauflöslichkeit zu stehen – dennoch nach Kräften das Friedensdienliche zu tun – aber eben auch der Ratlosigkeit Raum zu geben. Auch das wäre ein Verzicht auf die gewaltvolle Durchsetzung der eigenen Überzeugungen.
Es geht um die Perspektive, von der aus formuliert wird, was dem Frieden dient. Die Forderung nach Gewaltlosigkeit und die vorrangige Option für die Gewaltfreiheit ist ein starkes Signal, wenn sie von denen kommt, die von der Gewalt unmittelbar betroffen sind. 
Sofern wir nicht unmittelbar betroffen sind, kann die Aufgabe der Kirche und der Friedensethik nicht darin bestehen, den Bedrohten Gewaltlosigkeit nahezulegen und ihnen das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen. Aber der Fokus muss darauf liegen, die Kräfte zu stärken, die dem Frieden dienen, die Gewaltlosigkeit wagen und die sich auf Schritte der Versöhnung machen. Im Blick auf die Formulierungen in der Beschlussvorlage halte ich die Rede von „vermeintlichen Opfern“ für problematisch. Wir haben es mit unterschiedlichen Gewaltkonstellationen zu tun, die wir als Kirche in den Blick nehmen müssen. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass es tatsächliche und nicht nur „vermeintliche“ Opfer von Gewalt gibt. Wir stehen an der Seite von Opfern von Gewalt.

Unsere Aufgabe als Kirche ist es, am Überschuss der Hoffnung festzuhalten und diesen Ton mit in die gesellschaftliche Debatte hineinzubringen. 
Dabei halte ich ethischen und theologischen Realismus für zentral.
Es geht darum, realistisch, differenziert und nüchtern hinzusehen, wo himmelschreiende Gewalt geschieht – und realistisch zu sehen, wo die Grenzen unserer Verantwortungs- und Machtsphäre liegen.

Realismus im theologischen Sinn bedeutet aber auch, darum zu wissen, dass das, was uns trägt größer ist als unsere Vernunft, unsere Erkenntnis und unsere Verantwortung.

Worin besteht nun unsere Aufgabe als Kirche?

Wir sollten selbstbewusst und klar Stellung beziehen – dies aber im Bewusstsein tun, damit eben nicht alle Dilemmata aufzulösen und nicht das letzte politische Wort zu sprechen. 

Es geht darum, zu wissen, dass wir den umfassenden Frieden nicht schaffen werden. Es gibt keine direkte Linie von der Vision des umfassenden Friedens zu Aktionen im Sinne eines Maßnahmenkatalogs. Aber unsere konkreten Schritte in unserem Verantwortungsbereich sind an der Vision von Frieden und Gerechtigkeit orientiert. 

Unsere Aufgabe ist es, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Gesprächskanäle offenzuhalten, denen, die um friedliche Lösungen ringen den Rücken zu stärken, konkrete humanitäre Hilfe zu leisten, Traumatisierten und Geflüchteten sichere Räume und Zuflucht zu gewähren und so den Boden dafür zu bereiten, dass Wege der Versöhnung zu suchen. 

Damit es eine Zeit nach dem Krieg gibt, in der der Friede eine Chance hat.