Predigt beim Regionalgottesdienst zum Abschluss der Bezirksvisitation im Gemeindeverband ‚Evangelische Kirche Region Bretten‘, 13.11.2022 (Apk 2,8-11)

Liebe Gemeinde,
 
manchmal bleiben nur Fotos. Nein, nicht von den vielen Eindrücken, die wir bei der Bezirksvisitation sammeln konnten und die wir vorhin gesehen haben. Aus den letzten Tagen hier im Bezirk nehmen wir mehr als Fotos mit. Dazu gehört die Gewissheit, dass in der Kirche Erinnern und der ehrliche Blick auf das, was schmerzt, seinen guten Platz hat. Weil es bei Gott seinen Platz hat. Nichts und niemand geht verloren. Erinnern und an das Denken, was abgebrochen ist – das hat heute seinen Platz. Es ist Volkstrauertag.
 
Ich denke an meinen Großvater. Ich kenne von ihm nur das Foto. Im Mai 1945 ist er von einer solchen Granate getroffen worden, wie er sie selbst abgefeuert hat. Da war mein Vater gerade zwei Monate alt. Vater und Sohn haben sich nie kennen gelernt. Es wird erzählt, er habe gut malen können, hat als Graveurmeister in einer Färberfabrik Stoffmuster in Rollen graviert. Eigentlich hatte er Pfarrer werden wollen, aber zum Studium hat das Geld nicht gereicht. 
 
Vor ein paar Jahren habe ich mich mit meinem Vater auf Spurensuche begeben. Wir sind in das niederschlesische Dorf Niwnice gefahren. Wir haben gehofft, eine Spur, vielleicht irgendwo den Namen meines Großvaters zu finden.
 
Wir sind zum Friedenspark in der Nähe von Breslau gefahren. Einem Soldatenfriedhof, auf dem seit 2002 16.000 Kriegstote begraben sind. Unzählige Namen auf Stelen. In einem Buch im Dokumentationszentrum haben wir den Namen meines Großvaters gefunden. Das war ein berührender Moment. Wochen später haben wir die Nachricht erhalten, dass sein Name nicht auf einer Stele erscheinen wird. Er trug zu viel Verantwortung für die Gräuel, die in Niwnice passiert sind.
 
Außer seinem Foto haben wir nichts von ihm. Keine Briefe und keine eigenen Erinnerungen. 
 
Heute am Volkstrauertag und am Ende der Friedensdekade gedenken wir der Briefe, die nie geschrieben wurden. 
Wir gedenken dessen, was hätte sein können.
 
Wir gedenken der Leben, die hätten gelebt werden können, wenn die Kriege sie nicht ausgelöscht hätten – in Deutschland, in Europa, in den Kriegsherden dieser Welt. 
 
Ich sehe das Foto meines Großvaters vor mir und ich frage mich: Was hätte er seinem Sohn, was hätte er seiner Enkelin geschrieben?
 
Ich sehe ein zweites Bild vor mir:
Einen Berg von Schuhen. Hinter einer Glaswand liegen sie auf einem Haufen, große und kleine, gröbere und feinere. Auschwitz. Hinter jedem Paar verbirgt sich eine Geschichte. Mein Blick bleibt an einem Paar Kinderschuhen hängen. Und ich stelle mir ein kleines Mädchen vor, liebevoll zurechtgemacht von der Mutter für die Reise. In der Hand hält es sich an seiner Puppe fest – die musste einfach mit. Mit neugierigen Augen blickt es in seine Welt. 
Briefe, die nie geschrieben wurden.
 
Ich sehe vor mir das Bild eines lutherischen Theologiestudenten aus Belarus, Mikhail Shavelski. Vor ein paar Monaten, im Frühjahr hat er geschrieben: " ... Die Hoffnung und der Glaube, dass ich in mein Heimatland zurückkehren und der Kirche dienen kann .... Aber heute ist dieser Glaube unter den Ruinen der friedlichen ukrainischen Häuser begraben. Und die Hoffnung wird unter dem Gewicht der russischen Panzer im Schlamm zermalmt. Ich weiß nicht, wie ich in das Land zurückkehren soll, das zum Protektorat Russlands geworden ist. Ich weiß nicht, wie ich den ukrainischen Brüdern in die Augen sehen soll, und ich entschuldige mich dafür, dass es mir nicht gelungen ist, Lukaschenko im Jahr 2020 zu stürzen." Er konnte es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, weiterhin in Polen zu studieren, während seine Heimat als eine Plattform für die Angriffe auf die Ukraine missbraucht wurde. Er zog in den Krieg, um ukrainische Soldaten zu unterstützen. Als er im Oktober als Sanitäter einen Verwundeten retten wollte, ist er selbst ums Leben gekommen.
 
Briefe, die nie geschrieben wurden. 
 
Weil die, die sie hätten schreiben können, der grauenvollen Wirklichkeit des Todes ins Auge gesehen hatten und dabei umgekommen sind. 
 
Bedrängnis, Armut und Todesangst – das bedrückt auch die kleine Versammlung von Christinnen und Christen zur Zeit des Sehers Johannes. Sie sind in Smyrna, dem heutigen Izmir. Eine blühende Stadt. Nicht nur an den prächtigen Gebäuden war die Macht des römischen Imperiums mit Händen zu greifen. Der Kult um den Kaiser blühte. Wer nicht staatskonform war, wer sich dem Führer des Imperiums verweigerte, dessen Leben war von der Staatsmacht bedroht. Das galt auch für die Christinnen und Christen der ersten Generation. 
 
Auch hier ein Brief. Einer der geschrieben ist – mit Empfänger und Absender und mit einer Verheißung. Wir finden ihn in der Offenbarung des Johannes, im 2. Kapitel (Apk 2,8-11):
 
Dem Boten der Gemeindeversammlung in Smyrna schreibe: Dies sagt der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig wurde. 
 
Ich kenne deine Bedrängnis und Armut – aber reich bist du – und ich kenne die Gotteslästerung derjenigen, die sich als Gottesfreunde ausgeben, ohne es zu sein, sondern eine Versammlung des Satans sind. 
 
Fürchte nichts, was du erleiden wirst! Siehe, der Teufel will einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet. Ihr werdet zehn Tage lang Bedrängnis haben. 
 
Sei treu bis zum Tod, und ich werde dir den Kranz des Lebens geben!
 
Wer Ohren hat, höre, was der Geist den Gemeindeversammlungen sagt! Wer sich nicht unterkriegen lässt, wird vom zweiten Tod nicht angetastet. 
 
(nach der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache)
 
In Zeiten von Gewaltherrschaft und Krieg sind offene Worte unmöglich. Wer heute in Russland das Wort „Krieg“ in den Mund nimmt, muss mit Gefängnis oder Schlimmerem rechnen. In Zeiten der Gewaltherrschaft blühen Geheimsprachen, die nur die verstehen, an die sie gerichtet sind. Wer Ohren hat, der höre. 
 
Die Texte der Offenbarung des Johannes sind solche Texte. Sie entlarven das Unrecht, decken auf, wo Leid, Schmerz und Geschrei das Leben prägen. Aber sie reden nicht einer blinden Hoffnung und Vertröstung das Wort. Sie reden Klartext – auch wenn der nur für die Kundigen zu entschlüsseln ist. 
 
In der Offenbarung des Johannes finden sich Widerstandstexte gegen den übermächtigen römischen Staat. Das Unrecht zu sehen und das Unrecht aufzudecken, bedeutet Widerstand zu leisten und es gerade nicht einfach als – womöglich gottgegebenes Schicksal – hinzunehmen. 
 
Gott selbst hat in Christus dem Grauen ins Gesicht gesehen. Christus, der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig wurde, kennt das Leid der Seinen. Er kennt die Bedrängnis und die Armut, die der Gemeinde in Smyrna vom römischen Imperium drohten. 
 
Er kennt die Bedrängnis der Frauen im Iran. Er kennt die Ängste der Menschen in der Ukraine und in Russland, in Taiwan und im Jemen. 
 
Christus kennt die Bedrängnis der Menschen, die von Gewalt und von Machtmissbrauch bedroht sind – und die Seelenqualen derer, die die Macht der Scham zum Schweigen gebracht hat. 
 
Jesus Christus hat am eigenen Leib erfahren, das Religion auch gefährlich sein kann. Die Mächte und Gewalten haben ihn Namen von Macht und Religion ans Kreuz geschlagen. 
 
Wo Religion zur Ideologie wird geschieht Gewalt im Namen der Religion. Die lange Geschichte der Gotteslästerung derjenigen, die sich als Gottesfreunde ausgeben, ohne es zu sein, zieht ihre blutige Spur von den Kreuzzügen über Auschwitz bis nach Moskau. 
 
Mit der Offenbarung des Johannes blicken wir heute am Volkstrauertag in die Abgründe dessen, was Menschen Menschen antun. Aber wir sind nicht allein gelassen beim Blick in den Abgrund. Gott selbst steht neben uns und sieht die Abgründe, die uns bedrohen. 
 
Er sieht auch die Abgründe in meinem eigenen Leben. Er sieht sie und hört unsere Klagen und Gebete – auch die, die zu sprechen wir zu schwach sind. Er steht neben uns. Ihm können wir unsere Wege anbefehlen und anvertrauen – und darauf bauen, dass er es wohlmachen und zu einem guten Ende führen wird. Im Großen und in meinem ganz persönlichen Leben. Wenn das Abgebrochene und Unerfüllte sich in meine Seele spült. Wenn die Trauergeister sich meiner bemächtigen.
 
Gott liest auch in den Briefen, die nie geschrieben worden sind. 
 
Gott hört die Seufzer, wenn die Worte zum Beten fehlen.
 
Fürchte nichts, was du erleiden wirst! 
 
Fürchte dich nicht! 
 
Solange wir auf dieser Welt leben, gibt es Leid und Schmerz, Krankheit und Ängste, ja, die Macht des Bösen. Gott kennt die Bedrängnis und hört die Schreie. Darauf setze ich – auch dann, wenn es schwer fällt, das zu erkennen. Der Boden unter den Füßen wird uns auch dann nicht weggezogen, wenn wir das Gefühl haben, dass alles ins Wanken gekommen ist. 
 
Das übermächtige Imperium Roms und die Imperien unserer Tage mögen Macht über Tod und Leben haben, letzte Macht aber hat der, der Anfang und Ende ist, der diese Welt erschaffen hat und sie erhält. 
 
„Sei treu bis zum Tod, und ich werde dir den Kranz des Lebens geben.“ Am Anfang steht Gottes Treue. Am Anfang aller Anfänge hat Gott mit den Menschen einen Bund geschlossen. Als nach der zerstörerischen Sintflut der Regenbogen am Himmel stand, hat Gott sein Versprechen gegeben, die Erde nie mehr zu zerstören. Gott hat sich an uns Menschen gebunden und ist uns treu. Daran halte ich mich fest. Ganz persönlich und für den Weg unserer Kirche in die Zukunft. 
 
Volkstrauertag – wir gedenken der Briefe, die nie geschrieben wurden.
 
Briefe von Hoffnung, Briefe von Freude, Liebesbriefe, Briefe, die von einem ganz normalen Alltag mit seinen Höhen und Tiefen erzählen. 
 
Wir trauern um die Menschen – Männer, Frauen und Kinder –, die durch die Abgründe, die Menschen Menschen antun, aus dem Leben gerissen wurden – durch Gewaltherrschaft und Fanatismus, durch die Kriege auf dieser Welt.
 
Ihr Leid und das Leid derjenigen, die sie zurücklassen und die vergeblich auf ihre Briefe warten sei uns allen Mahnung, kräftiger, mutiger und brennender für den Frieden einzustehen. Hier bei uns im Kleinen und in der Verantwortung für die Welt.
 
Dafür stärke uns der Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.