Predigt beim Gedenkgottesdienst für Johannes Sylvanus am 11.12.22 in der Heiliggeistkirche in Heidelberg

Liebe Gemeinde,
 
unter den Pflastersteinen des Heidelberger Marktplatzes, hier direkt vor der Heiliggeistkirche liegen die Spuren des Unsäglichen. 
 
Heute ist es verborgen. Nicht nur für Kommissar Günda und die glühweinselig schlendernden Weihnachtsmarktkurpfälzer. 
 
Rechthaberei und viel schlimmer: die Unterdrückung von kritischen Fragen haben Unrecht angerichtet und Sylvanus am Ende das Leben gekostet. Dabei hat der Glaube so viel mehr mit leisen Fragen als mit lauten Antworten zu tun. Und mit der Sehnsucht. Nach Trost. Nach dem, was über all das, was hier und heute ist hinausträgt. 
 
Jesaja bringt diese Sehnsucht prophetisch in Worte. 
 
Sie ist heute auch meine Sehnsucht. 
 
Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 
Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden. 
 
Woher kommt Trost? 
 
Auf dem Marktplatz und unter den Pflastersteinen in meinem Leben? Alles beginnt mit dem ehrlichen Blick. 
 
Mit dem Blick auf das, was wir unter den Teppich gekehrt haben und durch die Marktplatzpflastersteine unserer Geschäftigkeit überdeckt.
 
Mit dem Blick auf das, wo wir versagt haben – im Großen und im Kleinen. Dafür braucht es keine Besserwisserei und rechthaberische und beschämende Gardinenpredigten. Nein, dafür braucht es das freundliche Wort. Echte Herzensfreundlichkeit. Einen Raum des Vertrauens, in dem Scheitern zur Sprache kommen kann – und Tränen fließen können. 
 
Wir können und wir müssen es nicht selbst halten und heilen. So vieles in dieser Welt und in unserem Leben schreit mit jeder Faser nach Trost, nach Heilung, nach radikalem Neuanfang.
 
Nach Herzenswärme und Wärme für den Leib. Bei uns und erst recht in der Ukraine. Tausende Wärmestuben sollen die Menschen über den Winter bringen. 
 
Die Sehnsucht danach, dass sich das Blatt wendet, dass Recht über Unrecht siegt, Liebe über Hass, Verständigung über Rechthaberei, Frieden über Krieg – sie ist in diesen Wochen besonders stark.
 
In die Kälte hinein, auf die Marktplätze und das, was wir tunlichst über die Jahre zugedeckt haben und deckeln, ist die Stimme zu hören. Die prophetische Stimme, die uns neu ausrichtet auf das und auf den, auf den wir warten. 
 
Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! 
 
Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet. 
 
Die Wege, auf denen Gott in diese Welt kommt, sind Wüstenwege. In den Wüsten der Einsamkeit und der Verzweiflung, in den Wüsten der abgebrochenen Beziehungen und der bedrohlichen Diagnosen, in den Wüsten, in denen die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird – in diesen Wüsten bereiten wir dem Herrn den Weg. Genau dahinein wird er kommen. 
 
Wo alles dürr und verdorrt ist. 
 
Wo die Augen leer und die Hoffnung müde ist wie bei so vielen in den Erstaufnahmeeinrichtungen und noch mehr in den Flüchtlingslagern unterwegs. 
 
Wenn Gott sich seinen Weg in diese Welt und in mein Leben sucht, bleibt nichts wie es war. Dann werden die finsteren Täler der Tränen und Verzweiflung erhöht und die Sonne der Gerechtigkeit wieder spürbar. Und die Berge und Hügel dessen, was wir auf der Seele und aufeinander aufgetürmt haben werden eben werden. 
 
Dann wird der Frieden werden, der heute so unerreichbar scheint. Und die Entrechteten bekommen Recht. 
 
Das Recht, das von Gerechtigkeit und Shalom singt – nicht das Recht der Rechthaber, die Johannes Sylvanus zu Fall gebracht haben. 
 
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. 
 
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! 
 
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. 
 
Das, was mich tröstet, kann ich mir nicht selbst sagen. Ich brauche den und die andere. Die ermutigende WhatsApp zwischendurch. Einen guten Gedanken zwischendurch – oder in der Stille einer Kirche. 
 
Und wenn ich sehe und mich daran festhalte, was uns verheißen ist, dann sehe ich noch klarer, was hier verdorrt und abgestorben ist. 
 
Dann wird aus lauem und laxem Schulterzucken die Leidenschaft für den Glauben, die Johannes Sylvanus angetrieben hat. 
 
Es hat ihm keine Ruhe gelassen. So ist der Glaube. Er lässt mir keine Ruhe. Wer so mit sich und dem Glauben ringt, wer die unbequemen Fragen stellt, der ist unbequem. 
 
Da dauert es nicht lang, bis die auftauchen, die das Urteil sprechen. Die Klimaaktivist*innen einseitig als Kriminelle darstellen – oder als Held*innen. Die schnell Halbsätze aus dem Zusammenhang gerissen in die digitale Welt posten und Shitstorms provozieren. 
 
Die als Hüter der religiösen Wahrheit andere zu Fall bringen. Auf unseren Marktplätzen wird heute nicht mehr aus religiösen Gründen gemordet – aber die öffentlichen Hinrichtungen im Streit darum, wer Recht hat, die gibt es auch heute noch. 
 
Dabei sind wir als Kirche unterwegs in einer großen Hoffnungsgemeinschaft – und einer Gemeinschaft auf der Suche nach Wahrheit und Gewissheit. Wir sind gemeinsam unterwegs auf den Wegen durch die Wüsten, auf den Trümmern der Vergangenheit und mit ungewisser Zukunft. 
 
Krankheit und Tod, Krieg und Flüchtlingsströme, steigende Heizkosten und Energiepreise… Nichts bleibt, wie es ist. Unser Lebensstandard ist nicht selbstverständlich. Gesundheit, Glück, Wohlstand. Wir können sie nicht halten. Das Leben zerrinnt uns in den Händen. Und es zerreißt uns das Herz, wenn wir sehen, wie viele Menschen bei uns nicht nur diesem Winter und nicht nur aus der Ukraine Halt und eine sichere und warme Unterkunft suchen. 
 
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. 
 
Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; 
 
siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. 
 
Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.
 
„Woher weiß ich, was ich glaube?“ – das war vorhin die Frage. Nicht leicht. 
 
Aber es gibt Halt in allem, was verdorrt und verwelkt: 
 
Gottes Zuwendung und sein Wort. Nicht immer höre ich es raus aus den vielen Worten, die um mich herum gesprochen werden. Und dann geschieht es doch: dass ich ungeplant und unvermutet einen Ort des Zaubers und der Stille für mich finde. In einem Kirchlein oder einer Kathedrale. Wenn ich mich finden lasse. Von einem anderen Menschen, von Worten und Tönen, die mich im Innersten berühren, von Gott und seinen Überraschungen für mein Leben. 
 
Es braucht Zwischenräume und Zwischentöne, um die Stimme der Freudenbotin auf dem Berg zu hören. 
 
Und ein Gespür für das, was unter den Pflastersteinen der Marktplätze und meines Lebens verborgen liegt. 
 
Gott kommt wie ein Hirte. Er achtet besonders auf die Kleinen, Schutzlosen, Kranken. Die Lämmer liegen ihm am Herzen. Die, die unter die Wölfe geraten sind. Die, die überrollt werden. Die, die sich nicht selbst helfen können. Die Mutterschafe führt Gott mit sicherer Hand. 
 
Geborgenheit und Vertrauen, leise Töne und Nachdenklichkeit – und die nicht endende Sehnsucht auf den Retter der Welt in diesen Tagen – das ist auch dann ein Grund zur Freude, wenn Schuld und Scham sich breit machen, wenn die Rechte von Andersdenkenden mit Füßen getreten werden und Rechthaberei zur Waffe wird. 
 
Sylvanus und die vielen anderen Menschen, die im Namen von Religion und Rechthaberei ums Leben gebracht wurden mahnen uns heute dazu, dass wir uns nicht im Konzert der Rechthaberei verlieren. 
 
Sondern mutig und demütig auf den Spuren Gottes unterwegs sind, sie suchen – und manchmal aushalten, dass wir nicht wissen, was wir glauben und doch spüren, dass da einer ist, der uns trägt. 
 
Er wird uns tragen. Diese Welt wird nicht dunkel bleiben. Die Nacht ist vorgedrungen. Gott will im Dunkel wohnen – und auf den Marktplätzen und unter dem Schutt unseres Lebens.
 
Es ist sein Friede, auf den wir warten – der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.