Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern,
ein Lied sagt mehr als tausend Worte. Was man gesungen hat, vergisst man nicht. Selbst nach Jahren. Und bei denen von uns, die hier in der Bergkirche irgendwann in den letzten 30 Jahren miteinander in der Mandelzweig-Band musiziert haben, klingen heute morgen die Lieder in den Ohren, die wir Woche für Woche gespielt haben.
Aber auch wenn Sie nicht selbst singen: oft verbindet sich mit entscheidenden Momenten im Leben und mit wichtigen Menschen ein Lied. Das Lied, bei dem Paare feuchte Augen bekommen, weil es sie schon so lang begleitet. Das Lied, das der Opa so gemocht hat und das bei seiner Trauerfeier allen die Tränen in die Augen treibt.
Und ich denke an die Lieder, die sich mit Lebensphasen verbinden und die weit über das hinausweisen, was hier und heute ist. Ich stelle mir die Mutter in den Trümmern der Erdbebenregion an der türkisch-syrischen Grenze vor, die ihr Kind in der zugigen Notunterkunft in den Schlaf singt und die bei jedem neuen Nachbeben Todesängste aussteht. Und die Pianistin aus Kiew, die längst irgendwo bei uns in Deutschland angekommen ist und ihren Klavierschülern die Melodien aus ihrer Heimat beibringt.
Lieder lassen etwas von dem ahnen, was wir mit dem Verstand nur als Stückwerk begreifen, auf jeden Fall nicht ganz erkennen können.
Ohne Lieder ist der Glaube und ist die Kirche für mich nicht zu denken – ob alte Choräle oder neues Liedgut, das inzwischen gar nicht mehr so neu ist. Ob Band oder Orgel. Ob Jazz oder Oratorium. Lieder und Musik berührt Tiefen der Seele, die kein Wort erreicht.
Eines der schönsten Lieder, das sich in der Bibel findet, haben wir in der Lesung gehört: das Hohelied der Liebe aus der Feder des Apostels Paulus. Die Liebe bleibt! Das ist keine Schlagerweisheit, sondern der klare Sinn dafür, dass es die Liebe ist, die in dem, was wir sagen und tun, was wir lassen und wie wir gemeinsam unterwegs sind, den entscheidenden Unterschied macht. Da geht es um weit mehr als um die Liebe, die Liebespaare verbindet.
Die Liebe, die niemals aufhört, ist mehr als menschliche Liebe. Sie ist ein Geschenk des Himmels und sie ist das, was echtes Verstehen unter Freunden ebenso ausmacht wie die Kraft zur Versöhnung in den großen und kleinen Konfliktfällen des Lebens.
Solche Liebe gibt es auch jenseits von Liebesbeziehungen und jenseits von Familie. Sie ist manchmal gerade in tiefster Freundschaft zu finden, oft über viele Jahre und ein Leben lang.
Diese Liebe, die der Apostel Paulus besingt, ist Liebe, die nicht eifert, die nicht mutwillig ist oder sich aufbläht. Liebe, die nicht das Ihre, sondern den und die andere sucht und gelegentlich auch findet und die Kraft, die verhindert, dass die bitteren Erfahrungen im Leben die Seele verbittern lassen.
Sie schärft den Blick für Ungerechtigkeit und nährt das Streben nach Wahrheit.
Die Liebe hört niemals auf, denn Gottes Geist ist das Band der Liebe, das diese Welt und unser Leben durchzieht. Und doch braucht es Zeichen dieser Liebe und Zeichen dafür, dass sie auch in widrigen Zeiten nicht aufhört. Dass das Leben siegt über den Tod.
In besonders düsteren Zeiten wachsen die kraftvollsten Hoffnungstexte. Ein solcher Hoffnungstext, der Jahrzehnte später zum Lied wurde ist das Gedicht „Das Zeichen“ von Shalom Ben-Chorin. Es ist das Lied, das vor ein bisschen mehr als 30 Jahren der Band hier in Schönau den Namen gegeben hat: Mandelzweig. Wir waren kirchentagsbewegt und unterwegs hin auf der Suche nach der Vision von einer Welt, in der Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung keine leeren Worte bleiben. Wir wollten zusammen Musik machen und wir wollten, dass mit der Musik frischer Wind in der Kirche weht. Dass die Idee am Ende einer Konfi-Freizeit auch nach über 30 Jahren noch die Bergkirche hier und andere Kirchen in der Region zum Klingen bringt, hätte wohl keiner von uns seinerzeit gedacht. Das ist irgendwie auch ein Fingerzeig, dass Hoffnungstöne nicht versiegen.
Und das Lied vom Mandelzweig ist aktueller denn je. Shalom Ben-Chorin – der als Fritz Rosenthal 1913 in München geboren wurde und in einem assimiliert-jüdischen Elternhaus aufgewachsen war, war in den 30er Jahren mehreren Verhaftungen und tätlichen Angriffen auf der Straße ausgesetzt. Da er Jude war, musste er noch vor Abschluss seines Studiums der Germanistik, vergleichenden Religionswissenschaft und christlichen Theologie die Universität verlassen und floh 1935 aus Nazi-Deutschland nach Palästina. In Jerusalem arbeitete er zunächst als Journalist und Schriftsteller und nannte sich von da Schalom Ben-Chorin, das heißt wörtlich: „Friede, Sohn der Freiheit“.
Von Jerusalem aus musste er ohnmächtig miterleben, wie sein Volk von den Nazis vertrieben und vernichtet wurde. Zugleich verschärften sich 1942 die Auseinandersetzungen der Palästinenser und Juden mit England, das zu der Zeit das Mandat über die Region Palästina-Israel hatte. In dieser Zeit schrieb er – mit gerade mal 29 Jahren – sein Gedicht.
Er erinnerte sich später gut an die Entstehung und erzählte selbst: Wenn ich an kalten Februartagen auf dem Balkon vor meinem Arbeitszimmer trat, fiel mein Blick immer wieder auf diesen Mandelbaum, der bereits weiß-rosa Blütenblätter zeigte, wenn alle anderen Bäume ringsum noch winterlich kahl blieben … Wenn ich aber sehr verzagt und hoffnungslos dem kommenden Tag entgegenblickte, haben mich der Mandelbaum und seine geflüsterte Botschaft gestärkt. In den düstersten Jahren des Zweiten Weltkrieges und der beispiellosen Verfolgungen hat sich mir dieses Erlebnis zu einem Lied verdichtet.
Shalom Ben-Chorin hat mit diesem Gedicht gegen seine eigene Verzweiflung angeschrieben: "Muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt?" So sagte er selbst.
Paulus und Shalom Ben-Chorin treffen sich in der unbeugsamen Hoffnung darauf, dass die Liebe bleibt. Und mit ihr die Tiefe und der Blick füreinander. Dass nicht die Selbstsucht und die Bitterkeit siegt – sondern die Liebe, die die größte ist im Trio mit Glaube und Hoffnung. Allen Widrigkeiten, aller Grausamkeit, allem Kriegen und Morden und allen Erschütterungen zum Trotz.
Ja, man muss schon ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt.
Der blühende Mandelzweig ist schon in der Bibel ein Zeichen der Hoffnung. Shalom Ben Chorin war in den biblischen Texten zu Hause und er kannte die Worte aus dem Buch des Propheten Jeremia, wo vom Mandelzweig die Rede ist: "Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Einen Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus." (Jer 1,11f). Im hebräischen Urtext steckt darin ein Wortspiel. Denn die Worte für „Mandelzweig“ – schaked - und „wachen“ – schoked - klingen auf Hebräisch fast gleich.
So ist der Mandelbaum ein Fingerzeig und Zeichen dafür, dass Gott über seine Welt wacht, auch dann, wenn wir das fast schon gar nicht mehr wahrnehmen können. In der Weltgegend, die auch in diesen Tagen wieder und immer noch von den Konflikten zwischen Israelis und Palästinensern erschüttert ist, entstand das Lied vom Mandelzweig.
Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.
Dass das Leben auch dann nicht komplett vergeht, wenn unendlich viel Leid und Zerstörung über die Welt geht, ist das Ästchen des Mandelbaums, an das zu halten es sich lohnt. Es ist der Weg der Passion Jesu, den wir in diesen Wochen gehen – hin zum Kreuz. Die Liebe, die Dornen trägt – und die am Ende über den Tod siegt.
Darauf setze ich auch hier und heute meine Hoffnung.
Davon lohnt es sich zu singen. Jahr um Jahr. Und mit dem Blick auf die Jahre – die 30 Jahre, die die Mandelzweigband besteht und die Jahre, die die Spanne unseres Lebens ausmachen – zeigt sich dann beides: das Stückwerk und die Bruchstücke, die nimmermüde Hoffnung, dass das was hier offengeblieben ist einmal vollendet ist.
Im Angesicht der Ewigkeit und vor dem Angesicht Gottes werden wir mit den Augen der Liebe gesehen – erkannt mit allem, was uns ausmacht und befreit dazu, fröhlich zu hoffen, mutig zu glauben und brennend zu lieben. So stimme ich nochmals ein in die Worte des Apostels Paulus und wage den Blick über das Hier und Heute hinaus.
Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Die Liebe bleibt.
Dafür, Freunde, ist der Mandelzweig das Zeichen. Und dafür, dass das Leben siegt. Dass er einzieht – der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
