Predigt im Gedenkgottesdienst 80 Jahre Deportation von Sinti und Roma in Stuttgart, 15.03.2023

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
 
es sind seltene Momente, wenn das Grauen der Vergangenheit zu einem Teil meiner Gegenwart wird. 

Einen solchen Moment habe ich vor einigen Jahren erlebt. Wir waren mit einer Gruppe Heidelberger Studierender in Auschwitz-Birkenau. Nicht nur der leise rieselnde Schnee ließ uns fröstelnd durch das Vernichtungslager gehen. Wir waren nachdenklich. Betroffen. Bedrückende Stille lag über uns. 
 
Und doch ist uns das Grauen in seiner ganzen Abgründigkeit zunächst fern geblieben. Aber dann kamen wir an den Ort, wo die Gedenksteine für die Gruppen von Menschen liegen, die in Auschwitz ums Leben gebracht wurden. 
 
Claudia, eine Jura-Studentin aus Rumänien, blieb besonders lange und versunken an einem der Steine stehen. Claudia ist Roma. Sie war aus Sibiu zu uns gekommen. Selbst in Heidelberg hatte sie kaum jemandem erzählt, dass sie Roma war – aus Angst davor, diskriminiert zu werden. 
 
Aber an diesem eiskalten Märztag in Auschwitz stand sie in Tränen aufgelöst an dem Gedenkstein für die ermordeten Sinti und Roma. Sie trauerte um ihre Verwandten, um Anton Guttenberger und all die anderen Sinti und Roma, die in Auschwitz-Birkenau ums Leben gebracht wurden. 
 
Für uns wurden sie in diesem Moment und beim Anblick von Claudias Tränen zu Brüdern und Schwestern. Und von diesem Moment an verbarg Claudia nicht mehr, dass sie Roma ist. Das Schweigen war gebrochen. 
 
Um Schweigen und Reden, um Wegblicken und Wegducken – und um den Blick auf den anderen geht es auch in der Erzählung von Kain und Abel. Kaum ist die Welt geschaffen, kaum ist der Mensch aus dem Paradies vertrieben – schon ist zu lesen, dass der Ackerbauer Kain seinen Bruder erschlägt, den Schäfer Abel. 

Über der Geschichte und in den Zeilen liegt so viel Schweigen, das kaum auszuhalten ist. Kain schweigt. In der hebräischen Bibel steht nichts darüber, was Kain zu seinem Bruder gesagt hat, als sie aufs Feld gehen. Noch nicht einmal dieser Satz stand ursprünglich in der Bibel. Spätere Übersetzer haben das Schweigen nicht ausgehalten. Sie haben die direkte Ansprache Kains an seinen Bruder ergänzt: „Lass uns aufs Feld gehen.“ 
 
Kein Wort fällt zwischen beiden. Nichts ist zu hören von Kains Wut und Enttäuschung, nichts von Vorwürfen. Zwischen den beiden Brüdern ist eisiges Schweigen. Auf die Sprachlosigkeit folgt nackte Gewalt. Kains Schweigen geht in alle Richtungen. Auch mit Gott hat er nicht gesprochen. Er hat ihm gegenüber nicht geklagt. Er hat nicht mit ihm gerungen. Schweigend, zornig, mit gesenktem Blick hat er die Zurücksetzung ertragen. Ein doppelter Abbruch von Kommunikation. Schweigen statt Reden – ewiges Schweigen und Verstummen – so ist der eiskalte Hauch des Todes. 

Solches Schweigen bringt die Toten ein zweites Mal zum Verstummen. Viel zu lange haben Christinnen und Christen geschwiegen zu dem, was Sinti und Roma angetan wurde. Erst spät, zu spät hat die evangelische Kirche in Deutschland das Schweigen gebrochen. Am 29. Januar 2023 hat der Rat der EKD erklärt: „Die Abwertung und Ausgrenzung von Angehörigen der Sinti und Roma hat eine Geschichte, die sehr lange zurückreicht. Und nicht nur zur Zeit des Nationalsozialismus und des Völkermordes an Sinti und Roma war die Evangelische Kirche daran beteiligt, Menschen zu verraten und der Verfolgung und Vernichtung auszuliefern. Die Schuldgeschichte erstreckt sich auch über die Jahrzehnte danach, indem begangenes Unrecht und das Leid der Opfer und ihrer Nachkommen nicht wahrgenommen wurden.“ 
 
Wo in unserem Land und in den Kirchen antiziganistische Stereotypen unreflektiert weitergetragen werden, wird die Würde von Sinti und Roma mit Füßen getreten. Bis heute sehen sich Sinti und Roma mit massivsten Vorurteilen konfrontiert, ja, erfahren sie strukturelle Diskriminierung. Jene Diskriminierung, vor der sich auch die Studentin Claudia in Heidelberg gefürchtet hat. Dass das auch heute Realität in unserem Land ist, erfüllt uns mit Scham.
 
Auch in Baden-Württemberg reicht die Verfolgung von Sinti und Roma weit zurück. Seit ihrer Ankunft in Mitteleuropa vor rund 650 Jahren sehen sich die „Menschen vom Indus“ den Vorurteilen der Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt. Sie werden verachtet, verfolgt, gejagt – und ermordet. Die Verfolgungsgeschichte, die im Völkermord an 500.000 Sinti und Roma im von den Nazis besetzten Europa gipfelt, stellt unsere Menschlichkeit und Toleranz, unsere Ethik und christliche Moral grundsätzlich in Frage. 
 
Die Aktenbestände des Badischen Generallandesarchivs in Karlsruhe geben Zeugnis über das Schicksal der seit Jahrhunderten diskriminierten und für vogelfrei erklärten deutschen Minderheit. So wurde in Baden im Jahr 1908 das „Reisen in Horden“ verboten. Das bedeutete, dass bei einer reisenden Familie kein mitreisender Freund oder Bekannter angetroffen werden durfte. Seit 1922 machte sich Baden als erstes deutsches Land das Fingerabdruckverfahren „für die Zigeunerbekämpfung nutzbar“. Schon 11 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten mussten Sinti und Roma ab dem Alter von 14 Jahren ein mit „Z“ gekennzeichnetes Ausweisblatt mit Foto und Fingerabdruck mit sich führen.
 
Abgestempelt. Zur Randgruppe erklärt – und der Diskriminierung anheimgestellt. Die Verbindung zwischen Menschen wurde und wird gekappt, wenn Klischees und Etiketten über die Menschlichkeit gestellt werden. Dann ist der Weg nicht weit, dass aus dem finster auf den Boden und die eigenen Fußspitzen gerichteten Blick mörderische Taten folgen.
 
Als Kain Gottes Handeln nicht versteht und er sich zurückgesetzt fühlt, fällt sein Gesicht. Sein Blick haftet am Boden. Er hat kein Auge mehr für das, was vor ihm liegt, kein Auge mehr für Gott und schon gar nicht für seinen Bruder Abel.
 
Kain – das sind wir alle. Sein Name bedeutet „der Geformte, der Gestaltete“. Wir sind Kains Nachkommen. Geformte Menschen. Menschen, die oft lieber nicht so genau hinsehen. Auch wir müssen den offenen Blick erst mühsam lernen. Auch wir sehen den anderen oft nicht an. Dann geschehen „anonyme“ Morde, anonyme Verfolgung. Dann werden Menschen abgestempelt mit Klischees – anstatt dass wir ihnen ins Gesicht sehen. 
 
Und doch müssen wir uns der Vergangenheit stellen. Müssen den Blick heben – weg von der eigenen Fußspitze und den eigenen Vorurteilen, weg von den Stereotypen und Vorurteilen. Und dann sehen wir im anderen Menschen den Bruder und die Schwester, ja das Angesicht Christi. Und wir hören die Geschichten von Menschen wie Claudia in Heidelberg und Anton Guttenberger im Transport nach Auschwitz. Wir lassen uns die Geschichten der Menschen zu Herzen gehen, die der Verfolgung ausgesetzt waren und sind. Wir hören die Namen der Ermordeten und wir sehen die Menschen, die sie waren. Die Namen reißen die anonymen Toten aus der Vergessenheit. 
 
An der Gedenkstätte am Nordbahnhof wird das Schweigen aufgebrochen. Es wird gebrochen an der Wand der Namen, die an der Gedenkstätte errichtet wurden. So wird dem Leid der am 17. März 1943 deportierten 261 Sinti und Roma ein Name gegeben. 

Im Gedenken wird das Grauen der Vergangenheit zum Teil meiner Gegenwart. Die Kirche kann eine Schwester sein, die den Bruder sieht und das Schweigen bricht. Sie soll es sein. Wir alle sollen es sein. Wir stehen an der Seite der Verwundeten und Bedrängten, weil Christus ein Verwundeter und Bedrängter ist und an ihrer Seite steht. Wir sehen einander - in unserer Verwundung, in unserer Geschichte, in unserem Anderssein. So können wir als Kirche auch unserer Brüder und Schwestern Hüterin sein, Hüter derer, die Opfer sind und Opfer werden können. 
 
Aber auch die Täter sind von Gott gesehen - auch Kain wird von Gott gesehen. Nur einer überlebt von den beiden Brüdern. Kain, der Brudermörder. Er ist schuldig, und Gott zeichnet ihn. Und doch bleibt er Mensch. 
 
Gott verliert auch den Täter nicht aus dem Blick. 
 
Er klagt Kain an, er begegnet Kains zynischer Ausrede „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ mit dem Schweigen dessen, der weiß, dass der Täter die Antwort kennt. Ja, du sollst deines Bruders Hüter sein! Daran bist du gescheitert, Kain, an deiner Unfähigkeit, von dir selbst abzusehen. Zur Würde des Menschen gehört auch, dass Schuld nicht vorschnell weggewischt wird, sondern bekannt und zur Sprache gebracht wird. 

Manchmal wird ein neuer Anfang möglich. Umkehr. Einsicht in die Schuld durch die Täter ist die Voraussetzung dafür. Gott bietet einen Ausweg aus der Schuld an. Gott sieht und liebt – und zeichnet uns mit dem Zeichen des Segens. 
 
Gott segnet uns – so können wir den Blick heben. 
 
Gott lässt sein Angesicht leuchten über uns – so wird unser zerfallenes und zerfurchtes Angesicht heil. 
 
Gott schenkt uns Frieden – so bekommen wir die Kraft und den Mut zur Umkehr. 
 
Als Gesegnete begegnen wir Gott von Angesicht zu Angesicht. Wir heben den Blick und sehen auf. Begegnen einander von Angesicht zu Angesicht. Als Menschen, denen Gott sagt und nun die Kraft gibt zu sagen: Ich sehe dich an. Du bist in meinen Augen geachtet und einzigartig. 

Wir sind Geschwister. Sind unseres Bruders, unserer Schwester Hüter. Wir leben jenseits von Eden - als Täter und Opfer, als Opfer und Täter. 

Die Menschen, die von hier aus vor 80 Jahren in den Tod transportiert wurden bleiben unsere Geschwister. Ihrer gedenken wir voll Scham und Schmerz. Ihre Namen sind und bleiben bei Gott geborgen. Das Grauen der Vergangenheit ist heute Teil unserer Gegenwart. 
Und wir setzen auf eine Zukunft, in der wir einander ansehen und in der wir miteinander das Leben teilen: Sinti und Roma und alle, die hier heute verbunden sind – auf Augenhöhe. Von Angesicht zu Angesicht. 
Amen.