Predigt im Gottesdienst an Palmarum im Rahmen der Bezirksvisitation in Niefern, (02.04.2023)

Liebe Gemeinde,
 
sie stehen dicht gedrängt. Manche haben sich richtig früh auf den Weg gemacht, um einen guten Platz zu erwischen. 
 
Sie haben riesige Erwartungen. Die einen hoffen auf scharfe politische Ansagen. 
 
Dass der Wind sich dreht. Dass einer sagt, was Sache ist und nicht nur redet, sondern auch etwas tut.
 
Die anderen sehnen sich nach einem, der die religiösen Traditionen hochhält. Der nicht alles ändert, sondern das lang Bewährte pflegt und weiterträgt. 
 
Wieder andere wollen Aufbruch. 
Neue Schläuche für das Wasser und den Wein des Lebens. 
Mutige Akzente. Offene Türen und Herzen für die, die nur mal so zum Gucken gekommen sind. 
 
Sie alle sind auf den Straßen Jerusalems und bringen ihre verzweifelte Hoffnung zum Ausdruck.
 
Vor mehr als 2000 Jahren.
 
Sie bereiten ihm einen Empfang, der rauschender nicht sein kann. Kleider und Palmzweige legen sie auf die staubige Straße. 
 
Er kommt geritten. Auf einer Eselin. Mit leichtem Gepäck und mit einer Vision. Da gibt es kein Halten mehr. 
 
Hosianna! Gelobt sei der da kommt. 
 
Die Begeisterung ergreift die Menge. Die großen Erwartungen brechen sich Bahn. Im Johannesevangelium ist davon zu lesen. 
 
Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sach 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 
Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.
Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.
 
Sie alle sind auf den Straßen Jerusalems – und bringen ihre verzweifelte Hoffnung zum Ausdruck. In Jerusalem und noch mehr in Tel Aviv. Seit Wochen Tausende.
 
Hoffnung auf den Straßen – das eint die Menschen von einst und jetzt. Hoffnung gegen die, die ihre Macht mit zweifelhaften Methoden und Machtgebaren sichern wollen. Das war schon bei jenem Einzug vor über 2000 Jahren so geplant. Ein Einzug zur säbelrasselnden Machtdemonstration. Wie jedes Jahr kam der römische Statthalter Pontius Pilatus aus Caesarea Maritima, seiner Residenz am Meer nach Jerusalem. Mit Kolonnen von Pferden und Männern in Leder und Eisen. Das gesamte römische kaiserliche Aufgebot an militärischer Macht. Gegen die immer wieder sich ereignenden Aufstände in Jerusalem. Alle in Jerusalem sollten sehen und begreifen, dass jede Form des Widerstandes gegen die römischen Machthaber hoffnungslos war und dass der gesamte militärische Apparat bereit war. Abschreckung als Mittel der Einschüchterung ist keine neue Erfindung. 
 
Die Menschen in Jerusalem standen da und schauten. Manche stumm, andere beeindruckt von dem kolossalen Machtaufgebot. Der ein oder andere mit insgeheim geballten Fäusten. Seit fast 70 Jahren lang beuteten die Römer das jüdische Volk aus. Jetzt saßen sie fester denn je im Sattel. Pontius Pilatus hatte den Tempelplatz durch seine willkürlichen Gemetzel  in ein Schachthaus verwandelt. Genau dort erschien er hoch zu Ross in seiner golden schimmernden Rüstung, mit federgeschmücktem Helm und rotem Umhang. Schnittig, siegreich, unbesiegbar... Dieser Einzug geschah am Westtor, wo der Weg von Caesarea nach Jerusalem ging. 
 
Auf der anderen Seite der Stadt, am Osttor, gab es an jenem Frühjahrstag noch einen anderen Einzug. Die Demonstration von einer ganz anderen Macht. 
Hoffnung für die Verzweifelten. In aller bescheidenen Demut. Leise und gerade so wirksam, immer noch, auch seit mehr als 2000 Jahren.
 
Jesus, der Prophet aus Galiläa hatte seinen Einzug genau auf diesen Tag gelegt. Er zog leise ein, bescheiden auf einem Esel. Genau so wie es der Prophet Sacharja geweissagt hatte: Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.
 
Der stille und bescheidene Widerstand ohne Gewalt setzt jenem anderen Einzug machtvoll etwas entgegen. Das ganze Getöse wird klein und bedeutungslos angesichts der menschlichen und göttlichen Größe, die hier auf dem Esel zu erleben ist.
 
In Jerusalem am Osttor findet kein tosender Kampf der Systeme statt. Keine Eskalation der Gewalt, wie wir sie seit Monaten in der Ukraine und in Aserbaidschan beobachten müssen. Keine Militärparaden wie in China, Russland und Nordkorea.
 
Jesus, der König der Ehren, zieht nicht auf dem hohen Ross und Kriegspferd ein, sondern auf einer Eselin. Auch der Jubel der Menge erscheint in schlichtem Kleid. Es sind keine organisierten Claqueure. Sondern Menschen, die alles von ihm erhoffen. Sie streuen ihm Palmzweige auf den Weg und legen ihre Kleider hin. Statt des roten Teppichs entsteht ein Weg aus dem, was den Menschen am nächsten ist: ihre bunten Kleider. 
 
Ihre Hosianna-Rufe, ihr Hoffnungsjubel speist sich aus der Erinnerung an das, was ihnen die alten Worte der Verheißung ins Herz geschrieben haben, was schon lange trägt. Hosianna! Gelobt sei der da kommt.
 
Aber schon hier, beim Einzug ist das Bild bei genauerem Hinsehen ein gebrochenes Bild. 
 
Die Nächsten, seine Jünger, die Hochverbundenen – sie haben die Verheißungsworte nicht verstanden. Sie sind getrieben davon, dass sie genau zu wissen meinten, was nun angesagt wäre. In ihrer religiösen Hochstimmung sehen sie nicht, dass unser Glaube unter dem Kreuz steht. Das macht sie taub für das, was überraschend auf sie zukommt. Ihre Vision eines Umsturzes war klar, ihr Plan für den Weg des Messias war klar. Und dann kommt er auf einem Esel!
 
Die entscheidende Bewegung kommt von denen, die weiter weg waren. Die Namenlosen, die eher von Ferne gesehen hatten, was Jesus getan hat. Die schon offen waren für das, was Jesus bewegt, aber die sich nur langsam anpirschten. Sie haben das Entscheidende gesehen: dass Jesus den Lazarus von den Toten auferweckt hat. Davon haben sie erzählt. In unverstellten Worten. Nicht in geschliffenen Predigten, sondern in knappen und dürren Worten. Aber ohne Zweifel, dass das passiert ist. 
Dass Jesus dem Tod die Stirn geboten hat und Lazarus herausgerissen hat aus der Hölle des Todes.
 
Dass Jesus die Verzweifelten herausreißt aus der Hölle der Selbstzweifel.
Dass Jesus die Verwundeten herausreißt aus der Hölle der nicht heilen wollenden uralten Wunden. 
 
Dass Jesus die Sehnsüchtigen herausreißt aus der Hölle der Aussichtslosigkeit. 
 
Das haben sie gesehen und das hat sie in Bewegung gesetzt. Nicht um Versprechungen und plakative Leitsätze, auch nicht im Visitationsziele ging es, sondern darum, dass Jesu Wirken gegen den Tod bezeugt wird. Das ist die Antwort auf die Hoffnung der verzweifelten Menge. Leben gegen den Tod. Gegen den Tod am Ende. Und gegen den Tod mitten im Leben. Daraufhin sind wir unterwegs. 
 
Als sie das sehen, beugen sich selbst die Pharisäer. Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet – alle Welt läuft ihm nach, sagen sie einander. Die Rechthaber müssen sich vor der Macht des Geistes der Auferstehung beugen. 
Ihre Bedenken und ihre Rechthaberei kommen an ein Ende. 
 
Auch das ist die Bewegung dieses Einzugs in Jerusalem: dass die Erinnerung an Gottes Aufstand gegen den Tod die Hoffnung darauf nährt, dass Gott uns auch in Zukunft überraschen wird. Dass Steine von Gräbern weggerollt werden, dass Hoffnung sich mit Macht durchsetzt – ganz ohne das Gebaren von Macht. Nicht unbedingt in Hochglanz, aber mit dem Strahlen des Geistes.
 
Auf der Welle von Begeisterung und hohen Erwartungen reitet es sich leichtfüßig. 
Aber die Begeisterung in Jerusalem ist zerbrechlich. Nur kurz nach den Hosianna-Rufen kippt die Stimmung. Aus den Jubelrufen der Massen wird der Ruf: „Kreuzige ihn!“ 

Wo geschrien wird, bleibt wenig Raum für Zwischentöne. So oder so. 
Wir sind auf dem Weg in die Karwoche. Mit ihren spannungsreichen Tönen aus unbändiger Hoffnung und abgrundtiefem Fanatismus, mit dem Mut der Verzweifelten und der Verzweiflung der Entmutigten. 
All das gehört zusammen. Und es macht unseren Glauben und die Kirche aus. 
Der Glaube redet nicht schön, sondern sieht klar – und ist genau so kräftige und nicht totzukriegende Hoffnung, selbst dann wenn die Mächte des Todes um sich greifen. 
Er bringt die Hoffnung auf die Straße. Aber er weiß auch, dass das Heil nicht von markigen Versprechungen kommt, sondern vom Herrn der Kirche und vom Heiland meines Lebens: Jesus Christus.
Lassen wir unserer Hoffnung Beine machen und eilen ihm nach. 
Beflügelt vom Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.