Sehr geehrter Herr Bürgermeister Scherer, sehr geehrter Herr Diers,
liebe Frau Groß,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
Haben Sie herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung und die Einladung zur Saisoneröffnung 2023 der Bibelgalerie in Meersburg. Schon als jugendliche Mitarbeiterin in der Konfi-Arbeit habe ich die Bibelgalerie besucht und lange Jahre den selbst gedruckten Psalm 23 sorgsam verwahrt. Wie Sie hier schon seit so vielen Jahren die Bibel und ihre Worte ins Leben ziehen und jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen nahe bringen beeindruckt mich sehr – und ich danke Ihnen, liebe Frau Groß, an dieser Stelle von Herzen für Ihr unermüdliches Engagement. Das allein schon hat Spuren von Hoffnungssturheit und Glaubensheiterkeit. Aber die Bibelgalerie wäre nicht die Bibelgalerie, wenn im Zentrum nicht die Beschäftigung mit dem Buch der Bücher selbst stehen würde.
Kommen Sie also mit auf eine Suche nach Spuren der Hoffnungssturheit und Glaubensheiterkeit in der Bibel. Weniger im Sinne einer archäologischen Suche nach dem, was einmal war – als vielmehr als Suche nach dem, was trägt – heute und morgen und darüber hinaus.
Einstieg: Heike (Ring)
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die immer mit einem Bibelspruch auf den Lippen aufgewachsen sind. Im Gegenteil. Bei der Suche nach meinem Konfirmandenspruch wollte ich einen möglichst politischen. „Selig sind, die Frieden stiften“ ist es dann geworden.
Mit den Jahren hat sich das verändert. Inzwischen lebe ich davon, dass mich bestimmte Worte aus der Bibel tragen. Einige davon trage ich immer an meiner Hand. Zu meiner Ordination habe ich diesen Ring von meinen engsten Freundinnen und Freunden geschenkt bekommen. Er ist von einem jüdischen Silberschmied aus Dortmund gestaltet – und auf ihm stehen Worte aus dem Jesaja-Buch: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“. Diese Worte sind mir seit meinen Studientagen in Leipzig wichtig. Ich habe dort oft in der Thomaskirche die Motette besucht. Unzählige Male habe ich mich in die Klänge von Johann Sebastian Bachs Motette „Fürchte dich nicht“ hineinfallen lassen. Besonders oft, als eine sehr gute Freundin von mir in Leipzig mit einer Krebserkrankung rang. Als ich ordiniert wurde, war sie schon sechs Jahre tot. Aber die Worte Jesajas tragen mich – und der Ring an meiner Hand erinnert mich seit meiner Ordination daran, dass Furcht nicht die Oberhand gewinnen soll und wird, weil Gott mich trägt. Auch in Zeiten, in denen richtig viel Sturheit nötig ist, um die Hoffnung nicht zu verlieren.
Heute bin ich davon überzeugt, dass in den biblischen Texten eine eigene Kraft liegt, die auch damit zu tun hat, dass sie Worte mit einer Geschichte sind. Worte, die schon über so viele Jahrhunderte von Gottes Geschichte mit der Welt zeugen, Menschen trösten und Gebete beflügeln. Und Worte, die ich mir leihen kann, wenn mir die Worte fehlen und die ich mit anderen teilen kann und sie ihnen zurufen kann, wenn es sonst nichts mehr zu sagen gibt. Und manchmal reicht es auch einfach, mich meines Ringes zu vergewissern.
Die Bibel ein Schatz voller Lebens- und Liebesgeschichte Gottes mit dieser Welt und seinen Menschen. Die biblischen Texte erzählen in unterschiedlichen Schattierungen und Tonlagen davon, wie Menschen ihre eigene Lebensgeschichte mit der Geschichte Gottes in ihren Zeiten verschränkt haben.
Da wird erzählt von Konflikten zwischen dem, was Halt und Stabilität gibt – ob es die Fleischtöpfe Ägyptens sind oder die festgefahrenen Vorstellungen der ein wenig besserwisserischen Freunde Hiobs.
Ich denke auch an die Auseinandersetzungen Jesu darüber, ob es um der Menschen willen angezeigt sein könnte, die Tora als gutes Gesetz Gottes in einem weiteren Horizont zu verstehen – und darauf zu beharren, dass das Gesetz für den Menschen da ist und nicht der Mensch für das Gesetz.
Und ich denke an das Neue, das schon Jesaja wachsen sah und das erst recht mit dem Blick Jesu auf das Reich Gottes mit radikalen Umbrüchen in den Blick kam.
Diese Spannungen gehören zum Christentum seit seinen Anfängen dazu. Genau diese Spannung macht den christlichen Glauben aus.
Die Vielstimmigkeit der biblischen Geschichten ist durchzogen von Spuren der Hoffnungssturheit und Glaubensheiterkeit. Es lohnt sich, diese Spuren zu entdecken und ihnen nachzugehen. Weil mir mit den biblischen Texten der Grund für diese Sturheit begegnet, die weit über das hinausgeht, was ich mir auf meinen eingetretenen Pfaden des Denkens und des Glaubens sagen kann.
Wo kommen Sie, sehr geehrte Damen und Herren, mit biblischen Texten in Berührung? Ist es die Tageslosung im blauen Büchlein auf dem Schreibtisch oder in der App? Gehören Sie zu denen, die sich an biblischen Kalendern, Bibel-Leseplänen oder auf eigenen Pfaden durch die Bibel lesen? Sich im Gottesdienst oder in Andachten, bei instagram oder in Hauskreisen damit beschäftigen?
Es gibt neben den Spuren auch wesentliche Orte für die Begegnung mit biblischen Texten. Kirchenräume und Gottesdienste, Reliunterricht oder Konfiunterricht.
Und natürlich ist auch die Bibelgalerie so ein Ort, der dazu beiträgt, die Menschen mit biblischen Geschichten und Figuren in Kontakt zu bringen. Es ist wunderbar, dass in der Bibelgalerie Menschen zum Entdecken, Erkunden und Eintauchen in die Welt der Bibel eingeladen werden. Dabei können sie in den biblischen Figuren und Geschichten auch Momente der Hoffnungssturheit und Glaubensheiterkeit für sich entdecken.
Hoffnungssturheit zeigt sich daran, dass die Herausforderungen und Bedrängnisse unserer Zeit nicht übersehen werden. Sie kann ein Lied davon singen, dass es mitunter ein ordentliches Maß an Sturheit braucht, um an der Hoffnung festzuhalten – im persönlichen Leben, für die Kirchen und allemal für die Welt.
Und Glaubensheiterkeit weiß darum, dass alles auch ganz anders sein kann als es scheint. Sie bringt im Schmunzeln über Gott und die Welt die Leichtigkeit der Weisheit und den Blick für das Absurde in Senfkörnern, Kamelen in Nadelöhren und weggerollten Grabessteinen zum Strahlen.
Hoffnungsstur und Glaubensheiter in der Bibel: Eine Spurensuche
Begeben wir uns gemeinsam auf Spurensuche:
Hoffnung beginnt meist im Kleinen, im Unscheinbaren. So klein wie ein Senfkorn. Im 13. Kapitel im Matthäusevangelium wird das Reich Gottes mit dem Senfkorn verglichen: „Das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“ So ist es auch mit der Hoffnung. Sie beginnt manches Mal ganz klein – aber aus dem Samenkörnchen überwuchert sie dann alles, im günstigen Fall und ist nicht mehr totzukriegen.
Auch Hiob ist so eine Figur der Hoffnungssturheit. Einer, der alles verliert: seine Kinder, seinen Besitz, seine Gesundheit. Aber er hält unerschütterlich an der Hoffnung und seinem Glauben fest. Allen Widrigkeiten seiner Lage und dem Rat seiner Freunde und Frau zum Trotz. Hoffnunsstur muss ja erst der sein, dessen Hoffnung bedroht ist. Sturheit braucht Energie und einen dicken Kopf und ein beharrliches Herz. Hoffnungssturheit ist keine Schönwetter-Vertröstung, sondern die Haltung des Glaubens, die darum weiß, dass es manchmal ganz schön schwer sein kann, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Das braucht manchmal einen langen Atem. So wie ihn die blutflüssige Frau hatte, von der Markus in seinem 5. Kapitel berichtet. Seit 12 Jahren litt sie an ihrer starken gesundheitlichen Einschränkung. Kein Arzt, keine Therapie, keine Hausmittelchen – einfach nichts konnte ihr helfen. Sie hat eine medizinische Leidensodyssee hinter sich. Aber sie schöpft neue Hoffnung und beharrt darauf, zu Jesus zu gelangen, als sich die Möglichkeit bietet. Hält fest an der Hoffnung, dass er ihr helfen kann: „wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich gesund“. Und tatsächlich, sie wird für ihre Hoffnung belohnt: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“, spricht Jesus ihr zu.
Meine Lieblingsfigur in Sachen Hoffnungssturheit ist die bittende Witwe. Im 18. Kapitel des Lukasevangeliums wird davon erzählt, dass sie Tag für Tag zu dem ungerechten Richter kommt und in schlicht und ergreifend, mit dem Mut der Verzweiflung und mit sturer Hoffnung bittet: Schaffe mir recht! Immer wieder. Bis er so genervt davon ist, dass er ihr Recht schafft.
Oder der Mann am Teich Betesda (Joh 5). Seit 38 Jahren – ein ganzes Leben lang - ist er krank, versucht immer und immer wieder an den heilenden Teich zu kommen, aber er ist erfolglos. 38 Jahre lang. Dann stellt Jesus ihm die Frage, ob er gesund werden will. Jesus sieht ihn an und hört ihn an – und sieht in ihm den Menschen. So richtet er ihn schließlich auf. 38 Jahre sture Hoffnung laufen nicht ins Leere.
Zahllose Heilungsgeschichten in der Bibel erzählen von Menschen, von denen man denken könnte, dass sie mit ihrer Hoffnung am Ende sind. Menschen, die dennoch unermüdlich daran festhalten, dass Jesus ihnen helfen kann und wird. Ich stelle mir vor, dass viele dieser geheilten Menschen am Ende der Begegnung mit Jesus und nach der wundersamen Heilung heiter und lächelnd nach Hause gegangen sind. Durch ihre unermüdliche Hoffnung heiter und gestärkt im Glauben.
Die Spuren der Hoffnung aus der Bibel leuchten weiter und brauchen Menschen, die von ihnen hören und von ihnen erzählen. In der Bergpredigt erinnert Jesus daran (Mt 5,14): „Ihr seid das Licht der Welt“. Wir sollen in die Welt hinausgehen und von dieser Hoffnung erzählen. Wir sollen das Evangelium zum Strahlen bringen und das heitere Strahlen unseres Glaubens als Licht in die Welt tragen.
Von Weihnachten bis Ostern, hören wir: Fürchtet euch nicht. Von den Engeln auf dem Feld und von Jesus an die Frauen am Grab: Fürchtet euch nicht. Habt Mut, habt Hoffnung. An Ostern wissen wir: das Kreuz ist nicht das Ende, sondern im Gegenteil: es wird Zeichen der Hoffnung und Symbol dafür, dass unsere Hoffnung nicht ins Leere läuft.
Wie diese Spuren uns zur „lebendigen Hoffnung“ werden – was hat das alles für uns heute zu bedeuten?
Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die die Fenster dieser Hoffnung aufhalten. Selbst und gerade da, wo alle Hoffnung zu zerbröseln scheint. An den Gräbern erinnern wir mit Paulus daran, dass nichts – weder Hohes noch Tiefes, weder Engel, noch Mächte, noch Gewalten – nichts von dem, was am Leben und in der Seele zerrt, uns trennen kann von der Liebe Christi. Gerade an den Gräbern wird spürbar, dass es Räume für den Zuspruch braucht, die den Blick über das hinausrichten, was Menschen in Verzweiflung stürzt.
Schon die erschrockenen Frauen am Grab Jesu stehen dafür, dass Trost in der Trauer Zeit braucht und dass der Glaube an die Auferstehung das beharrliche Festhalten an der Hoffnung auf den Sieg des Lebens bedeutet. Der christliche Glaube sieht nicht an der Verzweiflung und Trauer vorbei.
Im Gegenteil: Er sieht genau hin und den Realitäten ins Auge, er hilft auszuhalten und lenkt unseren Blick darauf, dass wir unser Leben nicht (nur) in unserer eigenen Hand haben. Dass wir uns der Schöpferkraft Gottes verdanken, dass wir uns letztlich entzogen bleiben und weder Liebe noch Leben, weder Gesundheit noch Sterben, weder Gelingen noch Vollenden voll und ganz in unseren Händen liegen. Das wird beglückend spürbar in den erfüllenden Erfahrungen von Liebe, von Gelingen, das über das Erreichen von Zielen hinausgeht, von Vertrauen und getragen Sein. Und es wird schmerzhaft spürbar in den Erfahrungen von Gewalt und Krankheit, von Tod, der unerwartet ins Leben einbricht, von abbrechenden Beziehungen und unerwiderter Liebe.
Der Psalmbeter in Psalm 37,5 ermutigt dazu, dem Gott allen Lebens die Wege anzubefehlen – denn er wird’s wohlmachen. Dabei sieht Psalm 37 nicht an dem vorbei, was ganz konkret die Hoffnung schwermacht. Er weiß um Hunger und soziale Ungerechtigkeit, um Bedrängnis und Bedrohung und setzt darauf, dass Recht aufgerichtet wird. Ich lese Psalm 37 als einen Psalm der Hoffnungssturheit. Er steht für eine Haltung, die denkbar klar und nüchtern sieht, was das Leben und die Hoffnung bedrängt und hält unerschütterlich an der Hoffnung fest, dass Gott es am Ende gut machen wird. Erinnern Sie sich?
(Psalm 37)
[…]
Hoffe auf den Herrn und tue Gutes,
bleibe im Lande und nähre dich redlich.
Habe deine Lust am Herrn;
der wird dir geben, was dein Herz wünscht.
Befiehl dem Herrn deine Wege
und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen
und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht
und dein Recht wie den Mittag.
Sei stille dem Herrn und warte auf ihn.
Entrüste dich nicht über den, dem es gut geht, der seinen Mutwillen treibt.
Steh ab vom Zorn und lass den Grimm,
entrüste dich nicht, dass du nicht Unrecht tust.
Denn die Bösen werden ausgerottet;
die aber des Herrn harren, werden das Land erben.
Noch eine kleine Zeit, so ist der Gottlose nicht mehr da;
und wenn du nach seiner Stätte siehst, ist er weg.
Hoffnung ist der Motor des Dennoch, die Unruhe, die sich nicht mit dem Vorfindlichen abfindet. Sie nährt das Gefühl und die Überzeugung, dass das, was ist, doch nicht alles gewesen sein kann.
So ist sie auch die Basis für das Eintreten für und das Ringen um konkreten Frieden – im Horizont des Friedens, der höher ist als alle Vernunft. Sie ist die Basis für die konkrete diakonische Arbeit in Pflegeeinrichtungen, Demenz-WGs und Vesperkirchen, weil sie nichts und niemanden verloren gibt. Solche Hoffnung ist nicht der schöne Satz für Kühlschrankmagneten und Postkarten. Sie ist lebendige Hoffnung mit einer sprudelnden Quelle und wächst aus dem Samen, der an Ostern gelegt ist. Der 1. Petrusbrief spricht von ihr: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Christi von den Toten. (1Petr 1,3).
Die Auferweckung Christi pflanzt in uns lebendige Hoffnung. Lebendig ist sie, weil sie einen klaren Grund hat – die Auferweckung Jesu von den Toten – und eine ebenso klare Aussicht: unsere Auferstehung aus allem, was abgestorben ist; das Reich Gottes, in dem Recht und Gerechtigkeit, umfassender Frieden und Heilung alles Verwundeten Wirklichkeit werden.
Hoffnung zu haben – und noch mehr: stur an der Hoffnung festzuhalten – bedeutet zu wissen und daraus zu leben, dass das Beste noch vor uns liegt. Dass es eine Zukunft gibt für diese Welt und für die Kirche – und dass es Gott ist, der für diese Zukunft sorgt. Dieser Bogen von dem, woher wir kommen, hin auf das, wohin wir gehen, ist mit der Auferstehung Christi gespannt. An seiner Auferstehung entdecken wir, was uns einmal blüht. An seiner Verkündigung des Reiches Gottes, die den Finger darauflegte, dass es zu entdecken ist im Hier und Jetzt und doch auch noch aussteht, dass es angebrochen ist, wenn Blinde gehen, Lahme gehen, Aussätzige rein werden und Armen das Evangelium gepredigt wird, bildet sich diese Spannung für die Welt als Ganze ab.
Es ist Gottes Zukunft, auf die wir zugehen. In diesem großen Horizont ist alles Konzipieren, Strukturieren, Planen und auch unser Scheitern aufgehoben. Die Macht von Prognosen und die Bedeutung von Vorsorge haben hier ihre heilsame Grenze.
Lebendige Hoffnung ist mehr als Erinnerung im erhöhten Ton. Sie ist nach vorne gerichtet. Gerade da, wo der Ausgang ungewiss ist, brauchen wir die Orientierung an der lebendigen Hoffnung. Sie hat ihren Grund im Ostermorgen und ihren Realismus in Karfreitag. Von Ostern her speist sich die Aussicht darauf, dass etwas Neues lebendig wachsen kann – selbst da, wo es so aussieht als würde alles nur kleiner, schwächer und weniger.
Mit Karfreitag bleibt der scharfe und realistische Blick auf das, was das Leben und den Glauben gefährdet. Und der kritische Blick auch auf gefährliche Dimensionen von Religionen, wenn sich öffentliche Meinung, Politik und Religion zu einer unheilvollen Melange verbünden. Das wird am Kreuz Christi sichtbar, ist aber nicht darauf beschränkt. Wo Religion sich nicht der Kritik durch ihren Inhalt stellt – das Wort Gottes, die Sache Jesu, die Offenbarung – jedenfalls das, was dem christlichen Glauben vorgegeben und der Handhabbarkeit entzogen ist, besteht die Gefahr der Ideologisierung. Solche Ideologisierung kann im säkularen Gewand daherkommen und im äußerst frommen.
Es ist der Kern des Evangeliums und der Hoffnung auf seine Erfüllung, dass wir es eben nicht in unseren Händen haben. Dass uns die Wahrheit entzogen bleibt und wir deswegen als Kirche wahrheits- und gewissheitssuchende Gemeinschaft sind und bleiben. Das Evangelium liegt nicht in unseren Händen, sondern ist uns von Gott her zugesagt, ist Sache seiner Offenbarung. Wir haben nicht in der Hand, über wahr und unwahr letztlich zu entscheiden. Das ist und bleibt Sache Gottes. Unheilvolle Melangen von öffentlicher Meinung und Politik lassen sich in der vom Kampf um die Ökonomie der Aufmerksamkeiten geprägten Medienwirklichkeit klarer denn je erkennen. Karfreitag öffnet hier den scharfen und realistischen Blick. Aber auch dessen Wahrnehmung ist dem Vorbehalt der Bewahrheitung durch Gott anheimgestellt. Karfreitag schärft den Blick für unheilvolle Mächte und Gewalten, der Blick an das Kreuz Jesu nötigt dazu, den verwundbaren Realitäten des Lebens schonungslos ins Auge zu sehen. Zugleich ist von dort her auch deutlich, dass wir selbst durch Gottes Offenbarung in Frage gestellt sind und uns und unsere Wahrheitserkenntnisse immer wieder neu auf den Prüfstand stellen müssen. Das führt zu Mut und Demut gleichermaßen und zu heilsamer Selbstrelativierung obendrein.
Es wird darüber hinaus darauf ankommen, dass wir nüchtern und realistisch die Verwerfungen und das Leid im Großen wie im Kleinen sehen, benennen und nicht vorschnell einordnen oder gar wegwischen. Erst dann wird die Hoffnung kraftvoll. Sie ist lebendig und kraftvoll, wenn sie auch angesichts von Leid und Schuld, an Gräbern und auf Schlachtfeldern das große Dennoch wachhält.
Die lebendige Hoffnung ist mitunter zart und zaghaft, aber sie hat guten Grund. Das war schon am ersten Ostermorgen so. Die Frauen am Grab sind zwar tapfer, pflichtbewusst und in bester Absicht zum Grab gegangen, aber dann entsetzt und sprachlos zurück. Auch Thomas hat sich nicht mit Worten abspeisen lassen, sondern wollte begreifen, dass ihm in diesem Verwundeten der Auferstandene begegnet (Joh 20,25). Auf dem Weg nach Emmaus geht der Auferstandene mit den resignierten Jüngern mit, die kaum fassen können, dass dieser Fremde den Grund ihrer Traurigkeit nicht kennt. Erst beim gemeinsamen Mahl begreifen sie, wer da mit ihnen geht. Erst im Nachhinein realisieren sie, wie ihnen das Herz brannte, als er ihnen die Schrift auslegte (Lk 24,13ff.).
Wenn die Trauer groß und die Resignation tief ist, ist es schwer zu sehen, wo es eine gute Perspektive geben könnte. Dann hilft es, zu teilen – Brot und Wein, Erinnerungen und Hoffnungen, manchmal auch Ärger und Enttäuschung. Und es braucht den Blick auf das, was trägt – schon lange oder ganz neu – und die Bereitschaft, beides zu sehen und nicht gegeneinander auszuspielen.
Hoffnungssturheit und Glaubensheiterkeit sind Geschwister. Der weite Horizont, in dem der Glaube, die Kirche und die Hoffnung aufgehoben sind und an dem sie ausgerichtet sind, macht leichtfüßig und öffnet Räume für die dem Glauben eigene Heiterkeit.
Solche Glaubensheiterkeit ist nicht einfach Allotria und Frohsinn, auch nicht dauerselige Schönfärberei. Glaubensheiterkeit zieht ihre Kraft aus dem klaren Blick für das Leben mit seinen schrägen und absurden Seiten. Ihr Lachen ist das Osterlachen und sie lebt von der Kraft, einen Schritt neben sich zu treten. Darin ist sie dem Humor verwandt, der ein gutes Elixier für ausstrahlungsstarke Kirchen ist. Solche Glaubensheiterkeit beflügelt eine experimentierfreudige Kirche, die dadurch stark ist, dass sie ihre eigenen Formen und Haltungen mit Selbstkritik und Distanz gelegentlich auf den Prüfstand stellt, vor allem aber aus der Leichtigkeit lebt, dass das Evangelium auf sehr unterschiedliche Weisen zum Strahlen gebracht werden kann (und muss).
Schon die Gleichnisse Jesu durchzieht die Kraft des Humors und der Blick für das Schräge und Absurde. Dass das Reich Gottes ausgerechnet dem Senfkorn und überwucherndem Unkraut gleicht, ist nur eine von vielen verrückten Ideen. Humor ist die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können – und einen Schritt neben sich zu treten. Humor macht sich nicht lustig über das, was ist, schon gar nicht macht er es verächtlich, aber er weiß auch, dass alles ganz anders sein könnte.
Wir sind als Christinnen und Christen eingebettet in etwas, das größer ist als wir selbst. Wir schreiben uns und unsere Lebensgeschichte in die Geschichte Gottes mit der Welt ein, wir leben in und aus der Kraft jahrhundertealter biblischer Texte und machen Lieder zu unseren eigenen, die schon lange vor uns Menschen haben aufatmen lassen. Wir beten und feiern Gottesdienst in Kirchen, in denen schon Generationen vor uns gebetet haben, Gottes Wort gehört und Abendmahl gefeiert haben. Wir sind aufgehoben im großen Horizont der Glaubensgeschichte und machen sie uns zu eigen. Das gilt für das Leben der individuellen Gläubigen und es gilt für die Gemeinschaft der Glaubenden als Ganzer.
Wir stehen als Glaubende ganz und gar in der heutigen Zeit, aber wir leben in und stehen für den weiteren Horizont. Die Einbettung in diesen weiten Horizont zielt nicht auf eine Konservierung des Althergebrachten, sondern sie ist heilsame Begrenzung der eigenen Gegenwart und Öffnung hin zum weiteren Horizont.
So können wir ganz und gar im Hier und Heute mit den Fragen und den Lebenswirklichkeiten von heute umgehen, ohne in ihnen ganz aufzugehen. Wir leben nicht in einer Sonderwelt, aber wir wissen auch: es gibt noch eine andere Welt, nicht erst im Jenseits.
Erst durch die Verankerung im Horizont Gottes gewinnen wir die Kraft, uns auch den abgründigen Wirklichkeiten auszusetzen, hinzuschauen, sie auszuhalten und auf Veränderung hinzuwirken.
In der regelmäßigen Begegnung mit biblischen Texten, werden wir in unserer Hoffnungssturheit und Glaubensheiterkeit gestärkt und so entwickeln diese Texte immer wieder aufs Neue Strahlkraft für unser Leben. Die biblischen Geschichten und Figuren lassen uns Hoffnung und Heiterkeit im Glauben immer wieder neu entdecken, erfahren und erleben. Hier und Jetzt. An diesem Ort. Und auch: dank diesem Ort.
Abschluss
Es braucht die Menschen, die mich erinnern, an das, was mich trägt. Ich denke dankbar an Situationen, in denen mir ein Mensch im richtigen Moment das richtige biblische Wort mit auf den Weg gegeben haben. Der sehr gute Freund, der spürte, dass es gerade schwer ist und mir unermüdlich – und ganz jenseits von Engelkitsch – per WhatsApp schreibt: vergiss es nicht – Ps 91,11: er hat ja seinen Engeln befohlen!
Und die Kollegin, die ich zufällig auf der Urlaubsinsel traf, die extra zum Zug kam am Abfahrtstag, um mir eine Karte mit Segensworten mitzugeben.
Spuren von Hoffnungssturheit und Glaubensheiterkeit, die sich aus dem reichen Schatz an biblischen Spuren finden lassen.
Ich wünsche allen, die in diesem Jahr die Bibelgalerie besuchen, dass sie solche Spuren verfolgen – und Ihnen allen, die dafür Verantwortung tragen, dass sie sich selbst gelegentlich überraschen lassen, von altbekannten Worten oder von neunen Entdeckungen. Herzlichen Dank!
