Liebe Geschwister, Chéres amies,
Töne für die ganze Welt und Töne, die zu Herzen gehen – was für bewegende Musik und bewegende Töne hier und heute in Strasbourg! Trost und Nahrung für die Seele. Unverwüstliche Hoffnung darauf, dass Gottes Segen sich wie ein Klangteppich auf diese geschundene und zerrüttete Welt legt.
Ich kann sie heute nicht anders hören und singen als mit jenen Tönen im Ohr, von denen wir seit einer Woche in erschütternder Weise hören.
Verängstigte Menschen in Schutzbunkern in Israel, die über sich die Raketen zischen hören und die krachenden Einschläge, Sirenen, die durch die Stadt hallen, flehende Gebete um Frieden – im Nahen Osten, in Armenien, bei uns; aber auch hasserfülltes Geschrei auf den Straßen im Iran und in Berlin-Neukölln. Weinende Kinder, klagende Mütter und Geschwister, verzweifelte Freundinnen und Freunde, jüdische Menschen hier bei uns, die Angst vor antisemitischen Angriffen haben.
Mit wem auch immer ich in den letzten Tagen aus dem Nahen Osten Kontakt hatte – immer spielten die so unterschiedlichen, aber allesamt bedrückenden Töne eine Rolle, um zu beschreiben, was geschieht.
Bei instagram scrolle ich durch Videos von Solidaritätskundgebungen weltweit. Mit trotzig anschwellenden Tönen erklingt „Hatikva“ – die israelische Nationalhymne als Hoffnungslied. Bei der Zeile „od lo avhdah tikvateiun“ erklingt ein mächtig-trotziges Crescendo. „Unsere Hoffnung ist noch nicht verloren.“ Die Hoffnung auf ein Ende von Terror und Gewalt.
Und in mir klingt noch eine andere Hoffnung mit: die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben aller Menschen im Nahen Osten. Die Hoffnung darauf, dass unsere Geschwister in Bethlehem ebenso frei leben können wie die Geschwister in Tel Aviv.
Unter dem Getöse der Bomben im Gaza-Streifen höre ich das verzweifelte Weinen der Zivilbevölkerung. Brutal als menschliche Schutzschilde instrumentalisiert von der Hamas.
Töne, die in mir klingen in diesen Tagen.
Umso wichtiger, was wir gerade gesungen haben:
Lasst die Musik in Euch klingen – grenzenlos in alle Herzen. Jene Musik, die immer wieder zusammenläuft in „Dona nobis pacem“. Jene Musik, die aus unbeschwerten Kindermündern erklingt, die auf eine Zukunft ohne Bomben und in Würde hoffen. Im Nahen Osten, in der Ukraine und Russland, in Armenien und Bergkarabach.
Grenzenlos in allen Herzen soll es klingen: Du bist Gottes geliebtes Kind. Du hast unbedingte Würde.
Diese Töne will ich mir zu Herzen gehen lassen. Und die Kraft aus dem gemeinsamen Singen mitnehmen. Hier in Strasbourg, mitten in Europa, wo spürbar ist, welche Kraft wachsen kann, wenn aus Feind*innen Freund*innen werden. In dieser Region links und rechts des Rheins, von der die Welt lernen kann, wie Versöhnung gelingen kann.
Wie sich viele und vielfältige Stimmen und Sprachen in einer Melodie vereinen können. In einer Melodie, die über diese zerschundene Welt und die Wunden im Großen und im Kleinen schwebt und neu aufatmen lässt.
In der Musik und beim Singen hat alles seinen Platz. Die Bibel hat den Psalmen und diesen gesungenen Gebeten ein ganzes Buch gewidmet. Flehentliche Bitte um Versöhnung und Friede, Klage über das, was wir nicht fassen können und was das blanke Entsetzen auslöst, Lob für Gottes Beistand in all dem – und Dank dafür, dass es die Erfahrung von tragender Gemeinschaft gibt über alle Grenzen hinweg. Wie hier auf dem Chorfest, in Strasbourg.
Und dann wird und soll unser Mund voll Lachen sein – und unser Herz erfüllt von Liedern, die uns für den Frieden stärken, die die Friedenszeit näher kommen lassen – und die künden von jenem Frieden, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
