Predigt beim Ordinationsgottesdienst in Hockenheim, 17.09.2023

Liebe Ordinandinnen und Ordinanden, liebe Gemeinde,

jeder und jede von Ihnen hat seine ganz eigenen Wege und Umwege genommen bis zur Ordination hier und heute. Es hat mich sehr bewegt, als wir das miteinander auf der Ordinationsrüste geteilt haben. 

Irgendwann gab es in oft sehr anders geplanten Lebenswegen den Punkt, an dem klar war: der Weg ins Pfarramt ist mein Weg. Nicht als pausbäckig formulierte Fanfare, sondern manchmal durchaus auch mit zögernden Schritten. Auch mit schmerzhaften Erfahrungen und viel Ringen. Wie könnte es anders sein! Es ist ja eine große Aufgabe, für die Sie sich heute ordinieren lassen – aber auch eine große Verheißung, unter der Sie mit allem, was Sie sind und mitbringen – und mit allem, was Sie ringen lässt getrost in dieses Amt und in Ihre Verantwortung für die Kirche gehen können.
Die große Verheißung und das Erstaunen darüber, dass Gott genau uns Menschenkinder braucht – und dass er uns manchmal ziemlich überrascht, die zieht sich durch die Bibel von allem Anfang an. 

Für diesen Sonntag Ihrer Ordination sind Worte aus dem 15. Kapitel des 1. Buches Mose der Predigttext. Auch da hören wir von einer großen Verheißung, göttlichen Überraschungen und einem, der sich rufen lässt – allen Fragen und allen Enttäuschungen auf dem bisherigen Weg zum Trotz.
Dort heißt es (Gen 15,1-6):

Nach diesen Ereignissen kam das Wort des Herrn in einer Vision zu Abram: 
»Fürchte dich nicht, Abram! Ich selbst bin dein Schild.
Du wirst reich belohnt werden.«

Abram erwiderte: 
»Herr, mein Gott! Welchen Lohn willst du mir geben?
Ich werde kinderlos sterben, und Elieser aus Damaskus wird mein Haus erben.«
Weiter sagte Abram:
»Du hast mir keinen Nachkommen gegeben,
deshalb wird mich mein Verwalter beerben.«

Da kam das Wort des Herrn zu Abram:
»Nicht Elieser wird dich beerben,
sondern dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein.«
Dann führte er Abram nach draußen und sagte:
»Betrachte den Himmel und zähle die Sterne – wenn du sie zählen kannst!«
Er fügte hinzu:
»So zahlreich werden deine Nachkommen sein.«

Abram glaubte dem Herrn,
und das rechnete ihm Gott als Gerechtigkeit an.

Abram erwartete schon lange nichts mehr. Er hatte die Hoffnung auf Nachkommen aufgegeben und darauf, dass es jemanden geben wird, dem er das weitergeben und vererben kann, was ihm zeit seines Lebens wichtig war. 
Wenn er in die Zukunft blickt, dann sieht er Abbruch, das, was nicht mehr sein wird und dass das, wofür er stand und was er an Spuren gelegt hat, ins Leere laufen wird. Er sieht, dass ein anderer und andere in eine für ihn ungewisse Zukunft gehen. Erwartungen hat er längst aufgegeben. Nicht mehr an die Zukunft und erst recht nicht an Gott. Wozu soll das alles schon gut sein? Welchen Lohn wirst du mir geben, Gott? 

Sein ganzes Ringen, seine Skepsis und sein banger Blick in die Zukunft – das ist die Antwort auf Gottes Verheißung. Sie wirkt auf ihn erstmal wie Hohn. Wie eine Schönwetterdurchhalteparole, die die harten Herausforderungen mit Blick auf die Zukunft kleinredet. Die den Schmerz und die Enttäuschung nicht ernstnimmt, wie weh das tut, wenn so viel abbricht.

Aber sie fällt nicht völlig unerwartet vom Himmel, sondern Gott spricht zu Abram nach all diesen Geschichten. Es gibt eine Vorgeschichte und es gibt eine Nachgeschichte. Die Zukunft ist herausfordernd. Für Abram und für Sie und uns alle. 
Darüber steht der Satz, der in der Bibel so oft wie kein anderer steht: „Fürchte dich nicht!“ Es mag Bedenken geben – und Abram jedenfalls hatte viele, aber es gibt mehr Grund, sich nicht zu fürchten. Am Ende wird es sich lohnen. Dem Abram sagte Gott zu, dass er selbst das Schutzschild sein wird und der Lohn. Er sagt ihm zu, dass das Eigentliche von außen kommt, dass Abram sich das nicht erarbeiten und in strukturierten Plänen ersinnen muss. 

Als Pfarrerinnen und Pfarrer werden sie sich manchmal fragen: lohnt sich das alles? Lohnt sich der Aufwand, wenn am Ende nur 15 Leute kommen? Lohnt sich all das Ringen und Kämpfen, wenn an den realen und virtuellen Stammtischen doch immer nur über die Kirche hergezogen wird? Ja, mitunter werden Sie ein Schild, eine dicke Haut brauchen – beim Blick ins E-Mail-Postfach oder in den Auseinandersetzungen. 

Und doch und gerade jetzt: ja, es lohnt sich! Diese Welt, wir alle brauchen gerade jetzt die Verheißung Gottes, dass wir gehalten sind und aufgehoben in seiner großen Geschichte. 

Es lohnt sich, sich von der Ungeduld der Klimaaktivist*innen ebenso anstecken zu lassen wie von den kritischen Fragen derer, die mit der Kirche unzufrieden sind – und sie in einen weiteren Horizont zu stellen. 
Es lohnt sich, die freudige Überraschung von Brautpaaren und Tauffamilien ernstzunehmen, die Ihnen an der Kirchentür sagen: „Das hätten wir nicht gedacht, dass Kirche so frisch und munter ist.“ – und zu sagen und zu wissen: ja, Kirche kann auch frisch und munter sein und ist es auch. 
Es lohnt sich, sich mit Kolleginnen und Kollegen auf den Weg zu machen, die Kirche noch einmal ganz anders, ganz neu, frech und frisch denken wollen – und dabei mit denen weiter unterwegs zu bleiben, die das, was schon immer war, lieben und schätzen und darin ihre Heimat haben – und zu wissen, dass beides zusammengehört und wir genau in dieser Vielfalt gut miteinander in der Kirche unterwegs sein können.

Und es lohnt sich, dass Sie Ihre Fragen und Zweifel ebenso ernstnehmen wie Ihre große Motivation und Lust darauf, Kirche für heute und morgen zu gestalten – und diese mit anderen zu teilen. Mit Kolleginnen und Kollegen, auch mal mit dem Prälaten oder der Prälatin.
Auch das gehört zum Amt in der Kirche: Sie tragen es nicht allein, sondern sind mit anderen unterwegs. Sie müssen nicht nur geben, sondern dürfen auch nehmen. 
Denn das alles und wir alle sind ja eingebettet in den weiteren Horizont von Gottes Verheißung. 

Gott führt Abram und uns nach draußen und richtet den Blick nach oben in den Sternenhimmel. Zähle die Sterne – wenn du kannst. Der bestirnte Himmel über uns – der hat nicht nur den Philosophen Kant und den Neue-Deutsche-Welle-Sänger Hubert Kah in den 80er Jahren fasziniert, sondern der lässt auch Abram staunen. Überbordende Weite und nicht zähl- und messbarer Segen sprechen aus dem Sternenhimmel. Bezauberndes Leuchten in der Dunkelheit. 
Ihm sind so viele Nachkommen verheißen. Unzählbar. Darin steckt die Botschaft: es wird weitergehen. Ihr seid nicht die letzte Generation. Es wird weitergehen. Gut und gesegnet. Auch dann, wenn wir das manchmal kaum glauben können. 
Wenn ich in den Sternenhimmel blicke, dann beschleichen mich mehrere Gefühle gleichzeitig: das Gefühl, ganz klein zu sein – und die Erhabenheit, in diesen Kosmos eingebettet zu sein. Manchmal auch Melancholie und das Schmunzeln darüber, dass selbst bei klarer Sicht in den übervollen Himmel nicht alle Sterne zu sehen sind. Auf jeden Fall ist es überwältigend. 
So überwältigend wie diese Begegnung mit Gott für Abram war. Sein Ringen und Resignieren kam unmittelbar an ein Ende. 
Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete ihm Gott als Gerechtigkeit an. 
Der Blick in den Sternenhimmel hat die Perspektive verändert. Es gibt diese Momente, in denen das Wort ankommt, in denen sich das rechte Wort zur rechten Zeit als Gottes Wort erweist – und wir als Pfarrerinnen und Pfarrer dürfen daran mitwirken. 
Abram geht weiter – er ist noch längst nicht angekommen. Er nimmt die Verheißung ernst und lässt sich nicht verdunkeln. Das ist der Glaube, den Gott ihm als Gerechtigkeit anrechnet. 
Darauf wird es auch in Ihrem Amt als Pfarrerinnen und Pfarrern ankommen: dass Sie den Raum für die Verheißung Gottes offenhalten – in der Kirche und in Ihrem Herzen. Dass Sie sich den Blick in den Himmel und das Leuchten der Hoffnung nicht verstellen lassen – oder sich hinausführen lassen, wenn Ihnen selbst die Kraft dazu fehlt. Und dass Sie andere hinausführen, Sie ermutigen, den Blick zu heben und darauf zu bauen, dass Gott mit dieser Welt noch einmal ganz neu anfangen wird. Dass sich die Leuchtspur des Segens Gottes weiter ausbreiten wird durch Sie. Ihr sollt ein Segen sein! Auch das gehört ja zu seit Abrahams Ringen mit den Verheißungen Gottes dazu. Aber das ist eine andere Geschichte. 
Gehen Sie Ihren Weg als Pfarrerinnen und Pfarrer getrost und gesegnet – und lassen Sie den lieben Gott walten. Er wird Sie wunderbar erhalten in allem, was auf Sie zukommt. 
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
Amen.