Jubiläumsgottesdienst 50 Jahre Thomaskirche, 24. 9. 2023

Liebe Festgemeinde,

es ist vor allem das Zeltdach der Thomaskirche, das schon vor 50 Jahren bei der Einweihung diese Kirche architektonisch zu einer interessanten machte. Vermutlich nicht nur aus baulichen Gründen. Jede Kirche weist ja durch ihre Architektur über sich hinaus. Ist steingewordene Botschaft. 

Die Zerstörung der Stadt hatte den Neubau etlicher Kirchen nötig gemacht – vor 50 Jahren ahnte man, dass die Thomaskirche der letzte Kirchenbau in Pforzheim sein könnte, da – so die Pforzheimer Zeitung – der Zug in Richtung Gemeindezentrum mit Sakralraum zu gehen schien. In der Tat waren die 70er Jahre ja die Hochzeiten der Gemeindehäuser. Allesamt großzügig und auf Zuwachs gebaut. 
Abschluss und Aufbruch lagen nah beieinander bei der Einweihung der Thomaskirche gestern vor 50 Jahren. 
Auch sonst war es ja ein einschneidendes Jahr. 1973.

Im Herbst kam es zur 1. Ölkrise weltweit – in unserem Land versuchte man mit autofreien Sonntagen und einem temporären Tempolimit zu reagieren. Die USA wurden von der Watergate-Affäre erschüttert und Deutschland nahm erstmals diplomatische Beziehungen mit Ungarn und Bulgarien auf. 
Am 3. April 1973 wurde das erste Mal ein Telefongespräch über ein Mobiltelefon geführt, einen Tag später wurde das World Trade Center in New York eröffnet. Helmut Kohl wurde zum Parteivorsitzenden der CDU gewählt, der Geldautomat wurde patentiert und in Sydney wurde die Hardrock-Band AC/DC gegründet. Flächendeckend wurden die Notrufnummern 110 und 112 eingeführt. Papst Paul VI. schaffte die bei den Mönchen seit dem 6. Jahrhundert übliche Tonsur – also den speziellen Haarschnitt – ab. Beim Kirchentag in Düsseldorf feierten 24000 Menschen unter dem Motto „Nicht vom Brot allein“ Abschlussgottesdienst. 
Und auf dem Leuenberg bei Basel war im März ein für unsere Kirche entscheidender Schritt gegangen worden: Lutherische Kirchen, reformierte und unierte, sowie die Waldenser und die Böhmischen Brüder haben in der Leuenberger Konkordie festgehalten, dass die Gemeinschaft der reformatorischen Kirchen größer ist als das, was sie trennt. Seit 50 Jahren gibt es die Gemeinschaft der evangelischen Kirchen in Europa und die gegenseitige Anerkennung von Abendmahl und Ordination. Bis dahin war das undenkbar. Vor 50 Jahren hat sich gezeigt: Kirchen können sich bewegen, auch aufeinander zu. Das gibt mir immer noch Hoffnung auch für das Miteinander mit unseren katholischen Geschwistern. 
Bewegliche Kirche und auf dem Weg sein – das ist das Bild, das die Pforzheimer Thomaskirche seit 50 Jahren vermittelt. 

Ein Zeltdach gibt Schutz vor hitzigen Momenten und allzu großen Stürmen – aber durch ein Zelt weht mitunter auch kräftig der Wind. Wer zeltet, geht besser mit leichtem Gepäck und versteht es, minimalistisch zu leben. Bei Campern ist es der Gaskocher mit nur einer Flamme, auf dem die Büchse Ravioli warmgemacht werden kann. Beim Volk Israel in der Wüste gab es eben gerade so viel wie sie brauchten, das als Manna, als Himmelsbrot ihnen zufiel – und die Orientierung gab die Wolken- und Feuersäule, die ihnen nachts und tags den Weg wies. Für das Ende aller Tage ist uns die „Hütte Gottes bei den Menschen“ verheißen – so steht es im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes.

Und hier in der Thomaskirche unter dem eindrücklichen Zeltdach ist alles ist beweglich, was an Einrichtungsgegenständen drin steht, Stühle, Altar, Orgel – alles kann da seinen Platz finden, wo es passt. Wenn schon die Stühle beweglich sind – um wieviel mehr können dann die Menschen hier in den Gottesdiensten in der Thomaskirche in Bewegung gesetzt werden und sich von der Bewegung Gottes mitreißen lassen. Nur das Kreuz steht immer an der gleichen Stelle. Das Kreuz Christi, der Kern unseres Glaubens bleibt – auch wenn sich sonst alles bewegt und verändert. Wir sind nicht im wilden Taumel unterwegs, sondern haben einen Orientierungspunkt. Den Ort, an dem die Abgründe der Menschheit und die tiefen Wunden Gottes und der Menschen ebenso sichtbar werden wie die unbändige Hoffnung darauf, dass wir durch Christi Wunden geheilt sind. Dass es gegen allen Anschein Hoffnung geben muss für die Menschen in Bergkarabach und in Libyen, in der Ukraine und auf der Balkanroute. Dass Gott sich diese Welt und seine Kirche nicht nehmen lässt – auch wenn wir um eine gute Perspektive ringen. Dass das Kreuz in aller Bewegung feststeht – das ist nicht nur hier in der Thomaskirche so, sondern immer und überall. 

Als die Thomaskirche gebaut wurde, waren sich der Pfarrer und die Ältesten einig, dass die Zahl der Gemeindeglieder der Gemeinde, die damals von der Ebersteinstraße bis zum Tannhoferweg ging, im Lauf der kommenden Jahre wachsen werde. Der Jugendgottesdienstraum wurde für 100 Plätze konzipiert. Jetzt könnte man seufzen und den Rückgang der Zahlen beklagen. Aber das wäre nicht die Leichtigkeit, die unter dem Dach des Zeltes und am Lagerfeuer der Hoffnung einer Gemeinde mit leichtem Gepäck angesagt ist. Dass immer alles mehr und größer wird und die Kurven nach oben gingen – das war schon in den 70er Jahren sehr optimistisch gedacht. 
Noch wichtiger aber ist: immer schon ging es um Bewegung von Gottes Gemeinde hinaus aus den Mauern, um die Wanderschaft durch die Zeiten, auf denen das Volk Gottes unterwegs ist – und zugleich um die Geborgenheit, die Zelte und Hütten und erst recht Kirchen bieten. In dieser Spannweite sind wir auch aktuell als Landeskirche unterwegs – mit der Frage danach, welche Gebäude es als Räume der Begegnung und Orte der Geborgenheit braucht und wie es uns besser gelingt, rauszugehen – aus den Mauern und auch aus manch eingefahrener Gewohnheit. Beides liegt ja nebeneinander – obwohl es so klingt, als wäre es ein Widerspruch. Allemal hier in der Nähe des Hauptfriedhofs. In Sichtweite zu dem Ort, an dem das spürbar wird – dass unser Weg hier eine begrenzte Dauer hat. Das können wir in der Theorie wissen und sollten es auch – aber wenn der Tod und der Abbruch ins Leben einbricht, dann erwischt es uns immer kalt. Dann hilft es nur wenig zu sehen, dass andere vor uns diese Wege auf dem Hauptfriedhof auch schon gegangen sind – wenn wir sie selbst gehen müssen und Abschied nehmen, dann ist das schmerzhaft. Immer stellt sich die Frage: was bleibt? Was bleibt von einem Leben? Was trägt und was gibt Hoffnung? 

Der Jünger, nach dem die Kirche benannt wurde ist ein Zeuge dafür, dass der Trauer und Glaube handfest und konkret sind, dass sich Hoffnung begreifen lässt, auch wenn Wunden bleiben. Als der auferstandene Jesus seinen Jüngern erscheint, kann Thomas das nicht fassen. Jesus fordert ihn auf, seine Wunden zu berühren. Zu begreifen, dass das alles nicht nur ein schlechter Traum ist. Dass seine Trauer einen Grund hat – aber noch viel mehr seine Hoffnung darauf, dass die Wunden und der Tod ihre zerstörerische Macht verlieren. Auch diesen Erfahrungen und dieser Botschaft gibt die Thomaskirche Raum. Abschluss und Aufbruch. Seit 50 Jahren. Genauso lang wie die Trennung zwischen den evangelischen Kirchen überbrückt ist. Immer schon mit der Aussicht auf die Leichtfüßigkeit des Glaubens unterwegs – und mit dem sehr realistischen Blick von Thomas, der die Finger in die Wunden legt und genau da den Glauben begreift. So kann er weitergehen. So kann diese Gemeinde weitergehen – die Friedensgemeinde, die Menschen, die sich immer schon mit der Thomaskirche verbunden wissen und die, die diese Kirche neu für sich entdecken – die, deren Tränen auf dem Rückweg vom Hauptfriedhof gerade erst trocken und die, die leichtfüßig und dankbar für das Geschenk des Lebens hier den Segen Gottes erbitten. 
Er wird seine Kirche nicht verlassen – er ist ihre Zukunft und unsere Hoffnung. Er wird es auch weiter mit Strömen der Liebe aus dem Himmel regnen lassen. Nicht nur in den nächsten 50 Jahren. Sondern von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Über uns und allem liegt ja der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.