Predigt beim Festgottesdienst der EfiD, 6.10.2023

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, die da ist und der da kommt. Amen.
 
Liebe Geschwister, 
 
„Die Hände zum Himmel“ – aufgerichtet und aufrecht. Das haben wir gerade leiblich erfahren – und eben von Mose gehört. 
So geht Durchatmen, so geht Kraft schöpfen – und so geht Segen. 
Solch ein Segen sind Sie als Präsidium der Evangelischen Frauen in Deutschland. Sie, die Sie heute verabschiedet werden – und Sie, die sich neu oder wieder in die Verantwortung nehmen lassen. 
Ich hoffe sehr, dass Sie Ihre Aufgabe nicht nur als Kampf und Schlacht empfunden haben und empfinden. Aber wir alle hier wissen und können Lieder davon singen, welche großen und kleinen Kämpfe es zu kämpfen gibt. In unserer Gesellschaft, für die Frauen weltweit – und auch in unseren Kirchen. Räume für Segen offen zu halten – und den Blick zu schärfen dafür, wie die Situation und die Herausforderung von Frauen ist, darum geht es. 
Hinsehen und hinhören, beistehen und aufmerksam machen – und noch ein zweites Mal genau hinsehen. Ob nun der Blick theologisch geschärft wird mit dem Fernstudium Feministische Theologie oder ob zu den heißen Eisen und drängenden Klärungen in der Gesetzgebung die evangelische Stimme hörbar gemacht werden soll. Als Evangelische Frauen in Deutschland nehmen Sie diese Stimme wahr. 
 
Von Mose auf dem Berg mit Aaron und Hur geht eine ganz eigene Kraft aus. Solange er seine Hände gen Himmel gehoben hat, hat Israel Kraft zum Überleben – wenn er sie sinken ließ, sank auch die Widerstandskraft seines Volkes. Das ist mal Segenskraft
Der Blick auf Mose und seine erhobenen Hände zeigt keinen Einzelkämpfer, auch wenn von ihm alles abhängt. Aber er ist nicht allein auf dem Berg. Schon gar nicht ist er unermüdlich dort oben. Auch er wird irgendwann müde, auch ihm sinken irgendwann die Arme. Als Mose die Arme schwer werden, leisten Aaron und Hur konkrete Hilfe. Sie legten einen Stein hinter ihn, damit er sich setzen konnte und stützen seine Arme. Einer rechts, einer links. Eine ziemlich stabile Angelegenheit. 
Niemand von uns kann auf Dauer aus eigener Kraft die Arme hochhalten – und auch nicht die Stimme erheben. Es braucht die Gemeinschaft der anderen, der Schwestern mit auf dem gemeinsamen Weg. Es braucht die, die im richtigen Moment einen Stein herbeiholen und sagen: setz dich hin. Deine Kraft sinkt und die Arme werden müde. 
Solche Solidarität ist die Stärke der Evangelischen Frauen in Deutschland. Einander Stütze sein, gerade dann, wenn es schwer und herausfordernd wird. Dafür muss man sich zugestehen, sich zu setzen – erst dann können andere die Arme stützen. Sich setzen und hinsehen, wo es brennt. 
Auf die Situation von Frauen, die mit einer Schwangerschaft hadern – und die Unterstützung brauchen in der Frage, wie es weitergehen soll und kann. 
Wir stehen ein für den Schutz der Schwachen und Verletzlichen in unserer Gesellschaft – und das heißt zuallererst: sehen, wer diese Schwachen sind. Diejenigen, die Gewalt erfahren haben – oder das Leben, das langsam wächst? Nie und nimmer lässt sich das pauschal beurteilen. Es geht darum, die einzelne Frau zu sehen, ihre Geschichte, die Steine, die sie mit sich trägt, die Unterstützung, die sie braucht. 
Und hinsehen und hinhören auf die Menschen, die trans* oder inter* oder non-binär durchs Leben gehen. Sensibel und aufmerksam dafür werden, wo sie in unseren Strukturen und in unserem Reden, in unserem kirchlichen Handeln unsichtbar gemacht werden. Jeder Mensch ist ein geliebtes Geschöpf Gottes, Ebenbild des Schöpfers und Ausdruck ihrer Geistkraft. 
Die Situationen von Frauen in der Kirche und in unserer Gesellschaft sind so vielfältig wie das, was das wandernde und müde gewordene Volk Israel durch die Wüste geschleppt hat. Im Herzen und in den Händen. 
Es ist längst nicht mehr ungewöhnlich, dass Frauen Leitungs- und Führungsverantwortung haben – hier im Präsidium sowieso, aber auch an anderen Stellen. 
Und doch gibt es noch immer die subtilen Mechanismen, die Frauen auf die Rolle, der empathischen Beobachterin statt der entschieden Führenden festlegen. Und es gibt die Bilder und die lange eingeübten Sätze in uns selbst, die die Arme und den Mut sinken lassen. Nur nicht anecken. Immer freundlich sein. Nicht zu dominant sein. Keinen vor den Kopf stoßen. Die Angst vor der eigenen Courage – und die Müdigkeit, die Arme sinken lässt. 
Wie gut, wenn es dann Geschwister gibt, die sich hinter uns setzen. Die stützen und mitwirken am kräftigenden und stärkenden Handeln. Wir reisen ja gemeinsam. Immer noch und immer wieder. Mal müde auf langen Wüstenwegen, mal mit freudig und jubelnd gen Himmel gerissenen Händen. 
Vor allem aber ist es nicht allein unsere Kraft, die wir weitergeben und die uns trägt. 
Es war nicht die Macht des Mose, die das Volk hat überleben lassen. 
Es ist nicht einfach die wohltuende Berührung, die den Segen wirksam sein lässt. Sondern es ist das Handeln Gottes. Wir geben die Kraft weiter, die wir empfangen haben. Wir sind gestärkt und inspiriert von Gottes Geist – und können so andere begeistern. Und dann geschieht das, was keine von uns vermutet hatte. 
Wir werden aufgerichtet und können durchatmen. 
Wir stehen da und wir stehen ein – für uns und für andere.
Und wir bekommen die Kraft, die es braucht, um mit und in unserer Kirche auf den Weg in die Zukunft zu gehen. 
Mit denen, die im Rampenlicht der Geschichte stehen– wie Mose, Aaron und Hur – und mit denen, die auch noch dabei sind – aber nicht weniger bedeutsam sind -, wie Mirjam und Sara, Hagar und Debora und all die anderen, die unter Gottes Segen seine Verheißung tragen und weitertragen. 
Möge Ihnen im Präsidium der Evangelischen Frauen in Deutschland diese Kraft zuwachsen und der Segen ihnen die Hände zum Himmel heben lassen. Gestützt und getragen, gesegnet und ermutigt.
Gehalten vom Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.