Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem
Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Geschwister,
seit zwei Wochen ist die Welt eine andere. Der Terrorangriff der Hamas auf Israel und die unsägliche Eskalation der Gewalt im Nahen Osten bedrängen und bedrücken auch uns. Inzwischen sind wir längst auch bei einem Krieg der Bilder angekommen. Videos, die im Netz kursieren von schrecklichen Gräueltaten, Angriffe, die in der medialen Maschinerie zur Propaganda werden. Nicht immer ist es leicht, da nicht selbst zum Teil zu werden. Unübersichtliche Zeiten und bedrückende Zeiten. Die Zeitungen und Kundgebungsbühnen sind voller Deutungen und Erklärungsversuche dessen, was unfassbar ist.
Zeiten, in denen es mehr Fragen als Antworten, mehr Unsicherheit als Gewissheit gibt, sind nicht neu. Schon die Zeitgenossen des Propheten Micha waren verunsichert und orientierungslos.
Mitten in die Fragen seiner Zeit hinein spricht der Prophet. Er spricht die Worte, die heute auch zu uns sprechen und über der kommenden Woche und der Tagung der Landessynode stehen.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts anderes als Gottes Wort halten und Liebe üben und besonnen mitgehen mit deinem Gott.
In den verzweifelten Suchbewegungen ist schon der erste Satz des Wochenspruchs tröstlich: es ist dir gesagt, Mensch…. Es ist dir gesagt, was gut ist. Die Tora, die guten Worte Gottes zum Leben sind dir gegeben von alters her. Sie sind mehr als ein Wertekanon. Erst recht mehr als ein Leitbild, auf das man sich geeinigt hat. Das Entscheidende ist uns gesagt – und wird uns immer wieder neu gesagt. Dabei ist das Entscheidende, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was ich sage und was wir uns erarbeiten und erdenken und dem, was uns gesagt ist durch Gottes Wort. Da bleibt immer ein Unterschied. Wer diesen Unterschied verwischt und die eigene Haltung zum Wort Gottes stilisiert, der öffnet dem Fanatismus die Tür. Auch Gotteskrieger meinen ja sehr klar zu wissen, was Gott ihnen sagt.
Das Entscheidende sagen wir uns aber nicht selbst. Das Entscheidende hören wir – wenn wir beten und uns in Frage stellen lassen, wenn wir Gottesdienst feiern und unser Leben und unsere Fragen Gott hinhalten – auch am Anfang dieser Woche und der Synode.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist – und was der Herr von dir fordert. Unsere Antwort auf das, was wir hören und was uns mit Gottes Wort ins Herz gelegt ist, ist gefragt.
Gottes Wort halten – wenn man das wörtlich übersetzt, wird deutlich, was das konkret heißt: Gottes Wort halten, das bedeutet, das Recht zu tun und gerecht zu handeln. Nicht, sich in eine fromme Nische zurückziehen, sondern nach Gerechtigkeit streben.
Recht und Rechtssicherheit gehören untrennbar zusammen. Jede und jeder kann sich auf dieses Recht berufen. Es hat ganz besonders für diejenigen Bedeutung, auf die sonst keiner hört.
Recht tun – das heißt, den Rechtlosen zu ihrem Recht verhelfen. Die Verbindlichkeit des Rechts bewährt sich in der Verbundenheit mit den Schwachen. Recht tun und Gottes Wort halten, das hat etwas damit zu tun, dass denen, denen Unrecht widerfahren ist, Recht geschaffen wird.
Und dass wir nicht müde dabei werden, kritisch und selbstkritisch darauf zu sehen, wo unsere Rechtsverfahren gescheitert sind darin, verletzten und traumatisierten Menschen Recht zu schaffen oder ihnen wenigstens zu vermitteln: Du bist gesehen und angesehen!
Das ist nicht einfach eine großherzige Geste. Es trifft mitten ins Evangelium. Das, was ihr einem oder einer von denen getan habt, die zu den Geringsten gehören – das habt ihr mir getan, sagt Jesus. Am Umgang mit den Verletzten und Marginalisierten, am Umgang mit den Schwachen und Diskriminierten entscheidet sich alles. Es ist entscheidend, dass wir in diesen Tagen für alle beten – für die um ihr Überleben fürchtenden israelischen Kinder und für die um ihr Überleben fürchtenden palästinensischen Kinder. Für die Jüdinnen und Juden in unserem Land, die in einer neuen Dimension bedroht sind durch antisemitische Parolen und Hass. Die sich in einer Situation wiederfinden, die so gefährdet ist, dass selbst eine Veranstaltung wie das Gedenken am Mahnmal in Neckarzimmern heute mit Polizeischutz stattfinden musste.
Und dann: Liebe üben. Kann man Liebe üben? Micha meint: ja. Man kann Liebe üben, indem man Treue und Güte liebt. Indem man Rücksicht nimmt, auf den, der mir eigentlich auf den Nerv geht. Und auch mit der spricht, die mich Kraft kostet.
Mitgehen mit dem, der mich um seine Hand bittet. Den stützen, der sein Stück Weg nicht allein gehen kann. Dazu braucht es Kraft, die wir aus uns selbst heraus nicht haben. Kraft, die Gott uns schenkt.
Recht tun und Liebe üben – das können wir, indem wir uns auf den dritten Pfeiler des Wortes von Micha stützen: besonnen mitgehen mit deinem Gott.
Besonnen mitgehen mit Gott – das ist das Entscheidende. Augen, Ohren und Herzen aufmachen für den Weg, den Gott mit uns Menschen geht. Aufmerksam sein für die Zeichen am Wegrand, die uns Orientierung geben.
Es ist uns gesagt, was gut ist. Aufmerksam dem Lebensdienlichen und der Liebe folgen. Besonnen und ruhig, aber entschlossen und klar. Gott geht seinen Weg mit uns, er lässt diese Welt nicht allein – auch nicht in den dunklen Stunden des Unfriedens.
Gott geht seinen Weg mit dieser Welt und in dieser Welt – aber nicht alle Wege, die Menschen gehen sind auch Gottes Wege.
Gott geht die schweren Wege der Opfer von Gewalt und Krieg mit, er nimmt sie an der Hand, auch dann, wenn sie von allen fallengelassen sind.
Gott geht uns voran Wege in eine neue Zukunft, in ein neues Land, wo Recht und Gerechtigkeit Wirklichkeit sind, wo Friede und Gerechtigkeit sich küssen.
Und ich hoffe und bete und ringe darum, dass Gott auch die Menschen im Nahen Osten nicht allein lässt. Dass er bei denen ist, die als Geiseln in Angst und Schrecken sind. Dass er mit denen geht und sie stärkt, die die Hoffnung nicht aufgeben darauf, dass einmal die Menschen auch im Nahen Osten in Frieden zusammenleben können.
Gott geht neben uns her – zugewandt und mit offenen Händen. Und manchmal legt er den Arm um unsere Schultern und seufzt einfach mit. Was wir einander tun und wie wir miteinander unterwegs sind, das tun wir Jesus Christus an und so sind wir mit ihm unterwegs.
In die großen Fragen unserer Zeit und in die quälenden Fragen unseres Lebens, in unser Nachdenken und Ringen als Synode ruft der Prophet Micha uns zu: es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts anderes als Gottes Wort halten und Liebe üben und besonnen mitgehen mit deinem Gott.
Dafür stärkt uns der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
