Liebe Geschwister, liebe Ordinationsjubilar*innen,
selten war für mich so spürbar wie in diesen Tagen, dass zum Kirche sein gehört, auch die widersprüchlichsten Bilder, Erfahrungen und Seiten des Lebens gleichzeitig im Blick zu haben und nebeneinander zu haben.
Während wir hier dankbar zurückblicken auf Jahre und Jahrzehnte im ordinierten Amt und auf den Wegen unserer Landeskirche, blicken die Menschen im Nahen Osten mit angsterfüllten Augen in die nächsten Stunden und Tage.
Und vielen von uns hier geht nahe, was wir von den Menschen aus der Region hören, die uns gut bekannt sind. Im letzten Frühjahr waren wir mit den jungen Synodalen in Israel. Haben auf den Golanhöhen gestanden und nach Syrien und in Richtung Libanon gesehen. Haben die vibrierende Vielfalt der Jerusalemer Altstadt erlebt und die Spannung, die am Jerusalem-Tag schon da in der Luft und über den Gassen lag. Haben Initiativen und Einrichtungen in Bethlehem besucht und berührende Beispiele gesehen, wie Israelis und Palästinenser, Muslime, Juden und Christen zusammen leben und arbeiten, Alltag teilen und um Frieden ringen. Auch wir standen an plötzlich verschlossenen Checkpoints am einen Tag und saßen in der lauen Frühlingsluft am See Genezareth am anderen Tag.
Das ist jetzt alles so unwirklich wie ein gänzlich anderes Bild, das mir dieser Tage wieder einmal begegnete. Ein Gegenbild zu allem. Vielleicht so absurd wie das bedrückende Nebeneinander dieser Tage.
Im geleerten und abrissreifen Becken eines Schwimmbads steht ein Strandkorb. Eine Frau sitzt darin, vor ihr ein Tisch mit Malutensilien. Versunken malt sie auf Glasscheiben. Vor ihr ein Schild: Schlafbootverleih.
2006 hatte die Künstlerin und Theologin Benita Joswig diesen besonderen Verleih auf der Insel Sylt eröffnet. Wer wollte, konnte sich ein solches Schlafboot ausleihen, für eine Nacht. Urlauber, Dorfbewohnerinnen und Kunstinteressierte kamen und nahmen ihr Schlafboot mit, sorgfältig verpackt und mit einem Brief versehen, in dem sie ihre ersten Morgengedanken aufschreiben konnten.1
Für eine Nacht waren die Schlafboote in den Schlafzimmern der Insel zu Gast, haben die Menschen durch die Nacht bis in den Morgen gefahren. Im Schlaf sind wir der Welt entzogen, treiben auf dem Meer zwischen Gestern, Heute und Morgen, das, was an uns zerrt, bleibt auf Abstand. Jedenfalls dann, wenn wir so sicher wohnen wie wir es hier tun.
Im Schlaf treiben wir weg vom strukturierten Ufer, an dem Schreibtisch und Kalender, ipad und Eifer, Waschmaschine und Wegweiser stehen und lassen los.
Für Benita Joswig waren die Schlafboote Körper um den Körper, ein Ort, an dem die Schwerkraft aufgehoben und die Lebenskraft getragen wird.
Das Boot treibt uns weg von den Händen, die unerbittlich nach uns greifen. Manchmal ist das Boot die einzige Chance.
Und damit sind wir wieder am See Genezareth. Vor langer Zeit. Der Evangelist Markus erzählt (Mk 3,7-12):
Und Jesus zog sich mit seinen Jüngern an den See zurück, und eine große Menschenmenge aus Galiläa folgte; auch aus Judäa und aus Jerusalem, aus Idumäa und von jenseits des Jordan und aus der Gegend um Tyrus und Sidon kam eine große Menschenmenge zu ihm, als sie hörten, was er tat.
Und er sagte zu seinen Jüngern, man möge ein Boot für ihn bereitmachen, damit man ihn im Gedränge nicht erdrücke. Denn er heilte so viele, dass alle, die von Leiden geplagt waren, sich auf ihn stürzten, um ihn zu berühren. Und die unreinen Geister warfen sich vor ihm nieder, sobald sie ihn sahen, und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Und er schrie zurück, sie sollten ihn nicht offenbar machen. (Mk 3,7-12; Übersetzung der Zürcher Bibel)
Auch für Menschenfischer*innen können Massen von Menschen bedrohlich sein. Sie strömen aus allen Ecken des Landes zu ihm. Sie drängen und drängeln, als sein Rückzugsort bekannt wird. Ihre Begeisterung und ihre Sehnsucht sind grenzenlos. Alles richtet sich auf Jesus.
Auf den, der immer wach war für die Wunden und Krankheiten, der die Mühseligen und Beladenen eingeladen hat, zu ihm zu kommen, damit er sie erquicke.
Jetzt aber ist er müde und sucht den Rückzug. Jetzt aber bekommt Jesus es mit der Angst zu tun. Angst davor, erdrückt zu werden.
Erdrückt von den Hoffnungen, die auf ihn gerichtet werden.
Erdrückt von den vielen Händen, die an ihm zerren und ihn berühren wollen.
Erdrückt von den unzähligen sehnsüchtigen Gesichtern, die von ihm alles ersehnen.
Erdrückt von dem Wissen, dass da jemand ist, der sehnsüchtig auf einen Besuch wartet.
Erdrückt von dem heldenhaften Bild, das sie sich von ihm machen.
Erdrückt von der Menge, die ihm gefolgt war.
Die Masse der Verzweifelten nimmt Jesus den Atem. Er braucht einen Ort, um Atem zu holen. Die Menge hinter sich lassen, die Erwartungen zum Schweigen bringen. Für ihn ist das Boot die einzige Chance. Er schickt seine Jünger los. Das bereitgestellte Boot ist für ihn der Fluchtweg, der Luft verschafft.
Aber er schickt die Menschen nicht weg, er herrscht sie nicht an, dass sie ihn in Frieden lassen sollen, verweist sie nicht an die Kollegin im Nachbarbüro, hält keinen Vortrag über die Work-Life-Balance.
Jesus heilte sie, er heilte viele. Er duckt sich nicht weg, als sie sich auf ihn stürzen, damit er sie berührt. Er tut, was er kann. So gut es eben geht. Trotz allem.
Ich sehe vor mir unzählige Bilder von ausgestreckten Hände, die den besonderen Menschen berühren wollen.
Menschen am Wegesrand in London, wenn die Royals sich mal wieder die Ehre geben.
Die Massen, die auf dem Petersplatz in Rom auf den Papst warten, ihm das Baby hinhalten, dass er es berührt.
Die Menschen auf den Booten im Mittelmeer, die ihre Hände ausstrecken, wenn sie das Rettungsschiff sehen.
Die verzweifelt ausgestreckten Hände der Menschen auf der Flucht aus Bergkarabach und dem Gaza-Streifen.
Die ganze Hoffnung liegt dann in der ausgestreckten Hand. Wer von Leid und Krankheit geplagt ist, für den schrumpft die Welt zusammen. Auf Krankenblätter und Prognosen. Auf die Hoffnung darauf, dass diese Chemotherapie nun wirklich anschlägt. Auf die nächste Weggabelung, die endlich Linderung bringt. Im Tunnel von Leiden und Krankheit kann ich nichts anderes sehen.
Die Menschen um Jesus hatten diesen Tunnelblick. Wenn ich ihn doch nur berühren könnte – und er mich. Heilsame Berührungen sind ein Segen. Die Hand auf der Schulter, die mich spüren lässt: ich bin nicht allein. Die Umarmung, in der meine Tränen ihren Lauf nehmen können, weil ich gehalten bin. Und doch sind da so viele ausgestreckte Hände, die ins Leere greifen. Mütter, deren Kinder nicht vom Musikfestival aus dem Negev zurückkehren.
Die vielen um Jesus greifen nicht ins Leere. Es geht über seine Kräfte hinaus, aber er hört nicht auf, sie zu heilen. Wie er geheilt hat dort am See, erfahren wir nicht. Keine Rede von Spucke, die er dem Blinden auf die Augen gestrichen hat. Keine Rede von der Frage an den Kranken: willst Du gesund werden? Keine Reden von Menschen, die ihren Freund zu Jesus tragen und durchs Dach nach unten lassen. Davon ist hier am See keine Rede.
Er heilt viele. Ohne viel Aufhebens. Seine heilsamen Kräfte sind so stark, dass die unreinen Geister sich vor ihm niederwerfen und weichen. Sie verlieren die Macht.
Die Wunden der Vergangenheit, die unvermittelt die Seele überfluten mit Angst, Panik und Scham – sie verlieren die Macht.
Die Stimmen, die mir einflüstern, dass es nicht genügt, was ich mache und bin – sie verlieren die Macht.
Der schwarze Schatten, der sich auf die Seele legt und alles verdunkelt, dass schon das Aufstehen am Morgen unmöglich wird – sie verlieren die Macht.
Die bangen Fragen, wie es alles werden wird in der Gemeinde, in unserer Kirche, mit den Menschen, die uns anvertraut sind – sie verlieren ihre Macht.
Sie verlieren die Macht, sie kämpfen nicht mehr, sie schreien es heraus: Jesus, du bist der Sohn Gottes! Jetzt erst wird Jesus laut und ungehalten. Er schreit zurück und bringt sie zum Schweigen. Sie sollen ihn nicht offenbar machen. Die unreinen Geister werden ganz und gar entmachtet. Weder sie noch die anderen sollen die Deutungsmacht darüber haben, vor wem der Messias offenbart wird.
Das Segensreiche, das passiert, ist Zeichen genug. Nicht Gutes tun und darüber reden, sondern schweigen. Jesus entzieht sich auch der Zuschreibung der unreinen Geister.
Und das Boot? Wir erfahren nicht, ob er in das Boot einsteigt und sich entfernt. Auch nicht, ob die Jünger es bereit gestellt haben.
Das Entscheidende ist, dass es ein Boot geben könnte. Dass auch die, die Menschen heilen und Segen geben, die Seelsorger und Predigerinnen dann und wann den Rückzug brauchen, Stille und die Geborgenheit eines Bootes.
Dass wir das Ufer mit der Menge an Erwartungen und Hoffnungen auch mal verlassen müssen, ins Offene, ins Ungeschützte, aufs Wasser, das zugleich trägt und schwankt.
Fünf Jahre nachdem sie die Menschen auf Sylt in die Schlafboote eingeladen hat, kämpfte Benita mit dem Krebs. Hofft auf Heilung und schreibt: „Das Gift tropft in den Körper. Es wird Nacht. Der Tod durchsucht das Gepäck. Der Tod hält sein Versprechen nicht ganz. Wir streiten. Die Zellen atmen um die Wette. Meine Lungenflügel, Mantas, Reisegefährten mit Geschwüren, denen das Gift gilt. Sie schweben – lautlos.“2 Ausgestreckte Hände und verzweifelte Hoffnung. Und wieder die Sehnsucht nach dem Boot: „Das Boot wartet. Wir steigen in das Boot, die Grenzmitte ist der Fluss. Wir passieren mit den falschen Pässen – eine Handvoll Grasbüschel. Die Landkarte ist der Körper. Um einen guten Ruf geht es nicht. Der Tod hat die Krankheit im Arm und verabschiedet sich. Du wolltest noch leben, sagt er.“3
Ein Jahr später starb sie. Wir Freundinnen und Freunde nahmen Abschied am offenen Sarg und sangen: ... der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
Er wird Wege finden für meinen Fuß: Wege gegen die unseligen Geister, Wege gegen die Hoffnungslosigkeit, Wege, die in die Weite führen und atmen lassen. Und ein Boot.
Und über allem der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
1 http://benitajoswig.de/pdf/schlafboot_jungekirche.pdf (zuletzt abgerufen am 16.08.2020).
2 Aus: Benita Joswig, Wortflügel. Briefe eines langen Abschieds, hrsg. v. Bärbel Fünfsinn u.a., Berlin 2015, 101.
3 A.a.O., 102.
