Predigt beim Kantatengottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe, 04.02.2024

Liebe Gemeinde, 

Den Jahresanfang kann man immer setzen. Auch im Februar. Ich habe in diesem Jahr aus der Not eine Tugend gemacht und den Kalender, den ich an meine Freund*innen verschenkt habe im Februar beginnen lassen. Er wurde einfach nicht rechtzeitig fertig. Jetzt beginnt er im Februar und geht bis Januar 2025 – und schafft so schon gleich Entspannung für die kommende Weihnachtszeit. 

Neujahr und neuer Anfang, Neuausrichtung und erfrischtes Losgehen – das geht immer und es geht auch heute. Mit der Kantate zum Neujahrstag, die Johann Sebastian Bach mit seinen Thomanern am 1. Januar 1729 in Leipzig uraufgeführt hat. Jedenfalls höchstwahrscheinlich. 
Damit beginnt das Jahr, in dessen Herbst er seine Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ schreiben wird und an dessen Anfang Gotthold Ephraim Lessing auf die Welt kommt. Einer, der irgendwann einen großen Namen haben wird. Und doch nicht so groß, wie der Name, um den sich alles in der Kantate Johann Sebastian Bachs dreht.

Dem großen Namen Gottes entspricht sein Ruhm bis ans Ende der Welt, weit wie die Wolken des Himmels. Am Anfang des Jahres ist der Horizont weit und der Himmel offen. Der eigentliche Name ist der Name Jesu. Das ist der wahrhaft klingende Name, in dem alles Resonanz hat.
Meine Ruh‘, mein Trost auf Erden. Der Name Jesu steht für das, was Halt gibt in haltlosen Zeiten, für Zuflucht, wenn ich verfolgt werde – von anderen Menschen oder zerstörerischen Gedanken. Sein Name steht für Leben und Licht und für Beistand, wenn es gefährlich wird. 
Der Name Jesu ist nicht einfach nur Etikett. Wenn wir ihn aussprechen, ändert sich unsere Welt und wir gehen anders ins Jahr. Das erste Wort am Anfang des Neuen soll Jesus sein, so haben wir es in der Sopran-Arie gehört. Und wir tragen ihn im Munde und auf dem Herzen, das ganze Jahr über und mit der Aussicht auf die letzte Stunde unseres Lebens. Der Name Jesu ist mehr als Schall und Rauch. Er ist Halt und Zuversicht und Weggeleit. 
Auf den Namen kommt es an. Auf Jesu Namen und auf die Namen derer, die wir in diesen ersten Wochen des Jahres besonders vor Augen haben. Die kleinen Menschenkinder, die neu geboren wurden und die, die wir zu Grabe tragen mussten. Die Namen und Gesichter der Menschen, bei denen wir das erleben, was der Name Jesu verheißt: Halt und Beistand, Zuflucht und Trost, ein Geschenk im neuen Jahr. Und auf die Namen derer, die seit Wochen in Geiselhaft sind. Die unzähligen Namen derer, die im Gaza-Streifen zu tausenden sterben. Und die Namen derer, deren schmerzhafte Leid-Geschichte uns mit der Veröffentlichung der Studie zu sexualisierter Gewalt uns genauso deutlich vor Augen stehen wie die Strukturen und Leitbilder in unserer Kirche, die möglich gemacht haben und möglich machen, dass solche Gewalt geschieht. Es sind keine Fallzahlen, sondern Menschen mit einem Namen, mit Wunden auf der Seele, mit jahrelangem verzweifelten Kampf um Anerkennung durch die Kirche. 
Auf die Namen kommt es an – und auf jeden und jede von uns mit aufrechter Verantwortung, genauem Hinhören und Hinsehen anstatt vorschnell Wegwischen und Übersehen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Auf die Namen kommt es an – die Zahlen sind nur ein armseliges Zeichen tausendfachen Versagens.

Ganz anders die Bedeutung der Zahlen in der Kantate. Sie ist durchzogen von Zahlensymbolik, die kundige Menschen wie Michael Kaufmann aufschlüsseln können. Dann finden sich so faszinierende Entdeckungen wie die 33 Takte im A-Teil des Eingangschors, die den Lebensjahren Jesu entsprechen und wie den 281 Tönen der Trompeten und Pauken, die als Primzahl mit der Quersumme 11 für all das steht, was das Maß übersteigt. Und in der Sopran-Arie wird der entscheidende Satz – „Jesu soll mein erstes Wort in dem neuen Jahre heißen“ – mit 23 Tönen gesungen und erinnert so an die Zuversicht aus Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte – mir wird nichts mangeln. Immer wieder spielt die 23 eine Rolle. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir. Da steht hinter der Zahlensymbolik eine ganze faszinierende Theologie. Durchzogen von dem, was über allen Werken des großen Thomaskantors steht: Soli Deo gloria! Allein Gott gebührt die Ehre. Und von ihm können und sollen wir alles erhoffen und erbitten – in Jesu Namen.

In Jesu Namen sollen wir bitten – daran erinnert uns das Bass-Rezitativ – und auf Gottes Ja und Amen hoffen. 
Das sind nicht nur wohltemperierte Töne und auch nicht nur wohltemperierte Gebete. Angesichts dessen, was uns in diesen Tagen so erschütternd vor Augen steht tun wir, wozu das Bass-Rezitativ uns auffordert: „So flehen wir, Du Heiland aller Welt, zu dir: Verstoß uns ferner nicht. Behüt uns dieses Jahr – vor Feuer, Pest und Kriegsgefahr.“ 
Selten lag mir das Flehen mehr auf den Lippen wie in diesen Tagen. Verstoß uns nicht, Gott. Sieh an, was wir an Leid und Gewalt in unserer Mitte angerichtet haben, welche Wunden Menschen tief in der Seele tragen, weil Vertrauen missbraucht wurde. 
Verstoß uns nicht, Gott – mit all unserem Versagen und unserer Not. Und behüte uns in diesem Jahr. 
1729 ist nicht 2024. Aber der Schlusschor taugt auch zum Auftakt für uns in diesen ersten Wochen. Mit der Bitte um einen Geist des Zusammenhalts und der Menschenrechte und Menschenwürde gegen Hetze und Polarisierung. „Gib Fried‘ an allem Ende, gib unverfälscht im Lande dein seligmachend Wort.“ Auf die Worte kommt es an. Wie wir reden, miteinander und übereinander. Es braucht so dringend seligmachende Worte, heilsame Worte, Klartext ohne Gewalt. Klartext ohne Diffamierung. Klartext um des Friedens und Segens willen – und darum, dass in diesem Jahr nicht Hass und Hetze gewinnen, sondern Demokratie und Vielfalt, ein Miteinander in Respekt und mit dem Wissen darum, dass jeder Mensch und alle Namen hier in dieses Land gehören. Die Michaels und die Mustafas, die Selinas und die Sibels, die Lamyas und die Luises, die Mathildes und die Murats. Jeder Name der Name eines geliebten Gotteskinds. Mit einem Platz hier in unserer Mitte. 

Nur einer allein heißt der Ewige. In seinem Namen gehen wir weiter in das noch neue Jahr, im Fluge unsrer Zeiten – und bitten: bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.

So sei es. So werde Frieden. Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.