Impuls zum Luthermahl in der Peterskirche Heidelberg, 21.10.2023

Zur Lage im Nahen Osten 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Geschwister,

als ich mit Prof. Schwier darüber nachdachte, worüber heute zu sprechen sei, waren wir uns schnell einig, dass es gerade vor allem dieses eine Thema ist, das uns bewegt und worauf wir einen Blick oder am besten zwei Blicke werfen sollten. So klar das ist, so fragil und wenig vollmundig ist der Ton, in dem das jedenfalls von meiner Seite aus geschehen kann. Nicht weil nicht klar wäre, wie verabscheuenswürdig und bedrohlich der Terror der Hamas ist – aber welche Themen damit auf unsere Agenda kommen, das ist eine vielschichtige Angelegenheit und eine, die mit vielen Dilemmata zu tun hat.

Ich halte für wichtig, dass wir in unseren Gesprächen und Debatten einen differenzierten und sensiblen Blick einnehmen. Dazu möchte ich im Folgenden ein paar Überlegungen mit Ihnen teilen. Das wird eher eine Anregung zum Gespräch sein als die eine These zum Nahost-Konflikt – aber ich hoffe, dass es für diesen Abend und die Tischgespräche einen Impuls setzen kann.

Vor zwei Wochen haben viele von uns hier den Wechsel im Rektorat der Universität gefeiert. Auch ich habe den Tag in Heidelberg verbracht und bekam irgendwann eine WhatsApp-Nachricht vom epd mit der Frage, was ich zur aktuellen Situation in Israel sagen würde. 

Bis dahin hatte ich nur geahnt, dass die Situation dort bedroht ist, weil ich in den facebook-Profilen von Menschen aus Jerusalem inständige Bitten um das Gebet für Jerusalem gesehen hatte. 

Am Abend haben sich auch bei uns die Nachrichten überschlagen, das Ausmaß des Terrorangriffs der Hamas war zunächst allenfalls zu ahnen. Noch wussten wir nichts von den grausamen Morden an jugendlichen Besucher*innen eines Musikfestivals in der Negev-Wüste. Noch wussten wir nicht, mit welcher bestialischen Grausamkeit die Hamas Babys ermordet hatte und mit welch akribisch geplanter Offensive unzählige Kibbuzim angegriffen wurden. 

Aber schon an jenem Schabbat vor zwei Wochen, an dem zum Ende des Laubhüttenfestes Simchat Tora – ein fröhlicher Feiertag im Judentum – gefeiert wurde, war klar, dass mit diesem Terrorangriff ein Krieg ausgebrochen ist. 
Noch am Abend jenes Samstags habe ich mit dem Propst von Jerusalem, Joachim Lenz, telefoniert, der da schon berichtete, dass der israelische Mann einer Mitarbeiterin an der Erlöserkirche bereits eingezogen wurde und dass sich Israel im Kriegszustand befindet. 

Im Lauf der Woche und bis heute kommen immer neue dramatischen Bilder des Terrors dazu. 
Das Blutbad unter jugendlichen Festivalbesuchern in der Negev-Wüste, die brutalen Entführungen, die unzähligen Ermordeten, die in einem Kibbuz in der Nähe des Gazastreifens gefunden wurden und die entfesselte Gewalt der Terrormiliz Hamas sind verabscheuungswürdig und mit nichts zu rechtfertigen. Der Überfall der Hamas erinnert an dunkelste Zeiten des Judenhasses und ist selbst Ausdruck und Nährboden von einem Angriff auf das jüdische Volk – in Israel und inzwischen auch weltweit. 

Morgen gedenken wir am Mahnmal in Neckarzimmern der Deportation der fast 7000 badischen Jüdinnen und Juden vor 83 Jahren ins Lager nach Gurs, von wo aus dann viele nach Auschwitz gebracht und dort ermordet wurden. 
Bei dieser Gedenkveranstaltung wird wie in jedem Jahr ein neuer Gedenkstein gesetzt – gestaltet von Jugendlichen aus einem badischen Ort, die sich mit der Geschichte der deportierten Nachbarinnen und Nachbarn intensiv beschäftigt haben. In diesem Jahr wird noch deutlicher als in den Jahren zuvor zu spüren sein: Das, was in der Vergangenheit geschehen ist, hat eine Bedeutung für heute. Die abgebrochenen und ermordeten Leben, das Schweigen hinter den Vorhängen der Nachbarn, die nur zugesehen, aber nicht hingesehen haben. 
Die Erinnerung an die Deportationen in den Tod wird begleitet und gewiss auch geprägt sein vom Entsetzen und der Erschütterung über die Terrorangriffe auf Israel und die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten. 

Wieder sehen wir angsterfüllte Gesichter von Kindern und Jugendlichen. Von jungen Menschen, die die Hamas in den Gaza-Streifen verschleppt hat, von Müttern und Vätern, Familien und Jugendlichen, die aus dem Gaza-Streifen fliehen und versuchen, ihr Leben zu retten. Von Menschen in Israel, die mit Angst am Abend ins Bett gehen und mit der Frage, ob sie in dieser Nacht in den Schutzraum und Bunker gehen müssen.

Hinsehen und nicht nur zusehen – darum geht es auch heute. Wenn die Synagogen bei uns mit Panzerglas ausgestattet werden, damit sie nicht durch Schüsse gefährdet werden können. 
Es ist ein Skandal, dass jüdische Gemeinden bei uns bedroht sind durch die weltweiten Aufrufe zur Vernichtung durch die Hamas. Dass wieder Häuser und Synagogen mit Davidssternen markiert werden. Dass in der letzten Woche ein Brandanschlag auf eine Synagoge in Berlin verübt wurde. 

Seit jenem Samstag des Terrorangriffs ist eine sich zuspitzende Debattenlage auch bei uns zu beobachten. Die Massivität dieses Angriffs und die Reaktivierung des mit dem Beginn des Jom-Kippur-Krieges vor 50 Jahren verbundenen Traumas in Israel spiegelt sich in der Debattenlage bei uns. 
Kaum hatte ich mein erstes, kurzes Statement am Tag nach dem Terrorangriff veröffentlicht – es bestand im Wesentlichen aus dem Ausdruck des Entsetzens und den Worten des 122. Psalms als Gebet um Frieden für Jerusalem und in dem ich von der Sorge um eine eskalierende Spirale der Gewalt sprach, erreichten mich Mails in äußerster Schärfe. Die einen fanden die Überschrift unangemessen eng, in der es hieß, dass wir für Israel beten, die anderen kritisierten scharf die Verwendung des Terminus „Spirale der Gewalt“, durch die sie den Terror relativiert sahen. 

Neben der Erschütterung und dem Entsetzen und den sich täglich verschärfenden Bildern, wird auch die Komplexität der Sicht auf die Situation täglich deutlicher. In der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten kann es nur Verlierer geben. Worin besteht hier unsere Aufgabe in Deutschland, in der evangelischen Kirche, in der Wissenschaft?

Auch hier, so meine ich, besteht unsere Aufgabe darin, genau hinzusehen, noch ein zweites Mal hinzusehen, Terror und Gewalt als das, was sie sind, klar zu benennen und dabei dennoch und in der weiteren Perspektive nicht außer acht zu lassen, dass der Nahost-Konflikt schon vor jenem Angriff vor zwei Wochen sehr deutlich vor Augen führt, wie komplex die Konfliktlage ist und dass wir uns nicht an einem neutralen Ort befinden, von dem aus wir die Schuldfrage neutral beantworten könnten. In theologischer Sicht ist deutlich, dass wir auch mit der Beurteilung schuldig werden können. Das nun soll kein Appell für vages oder gar naives Übersehen von Gewaltzusammenhängen sein – aber doch sehr klar einer dafür, dass es unsere Aufgabe ist, genau hinzusehen und hinzuhören. 

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT formuliert Heinrich Wefing das aus meiner Sicht sehr überzeugend. Er schreibt:
 
„In dem Bodenkrieg in Gaza, der in den nächsten Tagen, vielleicht schon in den nächsten Stunden beginnen könnte, gibt es nur zwei Gewissheiten. Israel hat, das ist die eine Gewissheit, jedes Recht, sich gegen den mörderischen Überfall der Hamas zur Wehr zu setzen, auch durch einen Einmarsch in Gaza. Die andere Gewissheit ist: jedes Leben zählt gleich viel. Das ist das Fundament des Konzepts der Menschenrechte. Jedes menschliche Opfer ist eines zu viel. Das Leben jedes Kindes in Israel hat ebensolches Gewicht wie jedes Leben eines Kindes in Gaza. Wer sich nur für israelitische Opfer interessiert oder nur für palästinensische, der interessiert sich in Wahrheit überhaupt nicht für menschliches Leben.“
(ZEIT, Nr. 44, S. 3).

Über die „Evangelische Mission in Solidarität“ (EMS) stehen wir als Landeskirche in engem Austausch mit Menschen in der gesamten Region, denen wir verbunden sind. Das, was wir hören, geht uns nahe. 
Die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit ist drängender denn je. Wir stehen an der Seite der von Gewalt, Willkür und Terror Betroffenen und fordern die internationale Gemeinschaft auf, die Situation zu deeskalieren. Die Grundsätze des humanitären Völkerrechts müssen eingehalten und die Menschenrechte gewahrt werden.

Wir haben verschiedene Gesprächspartner*innen im Heiligen Land. Dazu gehört auch Sally Azar. Sie wurde unter Mitwirkung von 120 meist leitenden Geistlichen aus aller Welt im Januar als erste Frau der „Evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land“ ordiniert. Sie hat in Deutschland studiert und in der anhaltinischen Landeskirche Vikariat gemacht und ist jetzt Pfarrerin in Jerusalem. In einem Interview in der letzten Woche hat sie die bedrückende Situation der palästinensischen Christ*innen auf den Punkt gebracht und gesagt:
 
„Wir spüren wenig Unterstützung, wenn jetzt die Solidarität mit uns in Frage gestellt wird, ohne dass man mit uns gesprochen oder bei uns nachgefragt hätte. Wir sind Teil einer Kirche, die auch hier im Land ist und auch betroffen ist. Wir verstehen auch, dass die Kirchen in Deutschland mit Israel stehen. Aber ihr vergesst, dass es unter den Palästinensern auch Christen gibt. Es gibt hier eine Kirche, die Unterstützung braucht! Wer einfach gegen alle Palästinenser spricht, der spricht auch gegen unsere Kirche, uns als palästinensische Christen. Bald werden keine Christen mehr hier sein, wenn es so bleibt.
Die Situation für die palästinensischen Christen ist derzeit bedrohlich. Wenn es so weitergeht, werden noch mehr Menschen als jetzt schon überlegen, ob sie nicht auswandern sollten. Aber da ist natürlich die große Frage: Wo sollen wir denn hin? Und wer bleibt hier? Bald werden keine Christen mehr hier sein, wenn es so bleibt. Es geht darum zu unterscheiden, dass wenn man mit Palästina steht, es nicht sofort zu Antisemitismus gemacht wird. Es geht um Menschenleben.“
 
Immer wieder habe ich mich in den letzten beiden Wochen gefragt, warum die palästinensischen Christ*innen, mit denen wir ja über viele Kontakte und Projekte verbunden sind es nicht deutlich auf den Punkt bringen, dass sie den Terror der Hamas verdammen. Sie haben deutlich gesagt (in einem Statement von Bischof Ibrahim Azar), dass sie auch weiterhin auf friedliche Konfliktlösungen setzen, aber noch deutlichere Worte fehlen bislang. 

Der Propst an der Erlöserkirche, der dort als offizieller Repräsentant der EKD im Heiligen Land wirkt – mitten in der Jerusalemer Altstadt, nahe der Grabeskirche und dort, wo das arabische und das christliche Viertel zusammenkommen, berichtete in der letzten Woche von einer bedrückenden Atmosphäre in der Stadt und davon, dass die arabischen Christen und ihre Repräsentanten bedrückt und verzweifelt sind, dass sie gemeinsam für den Frieden beten und doch auch irgendwie in die Knie gezwungen wirken. 
Im von Raketen teilweise getroffenen Ahli-Krankenhaus im Gaza-Streifen wurde die Onkologiestation getroffen – jener Teil, den der Lutherische Weltbund und das Auguste-Victoria-Krankenhaus in Jerusalem mit betreiben. Noch am Nachmittag hatten sie in einer Zoomsitzung über die Frage beraten, wie man das Krankenhaus in seiner Arbeit unterstützen könne. 
Täglich geht der Propst meist allein in die Erlöserkirche, läutet die Glocken, spricht ein Friedensgebet und singt „Verleih uns Frieden gnädiglich.“ 

Ob in Jerusalem oder hier bei uns: vielleicht ist es überhaupt nur im Gebet möglich, das Leid der verschiedenen Menschen nebeneinander zu nennen, die humanitäre Katastrophe in den Blick zu nehmen und vor Gott zu bringen und zugleich die Erschütterung über den Terrorangriff glasklar zu benennen. 

Anders als politische oder journalistische Erklärungsversuche, die die komplexe Situation zu verstehen suchen und wo der breite Blick aktuell Gefahr läuft als einseitige Parteinahme für die einen oder die anderen wahrgenommen zu werden, ist ein solcher Blick in die verschiedenen Dimensionen im Gebet angemessener, aber auch unabdingbar. Das Leid und die Gewalt, die zu beklagen sind, bedrohen menschliches Leben als menschliches Leben – das lässt sich nicht gegeneinander ausspielen. 

Es sind ganz verschiedene Eindrücke, die ich aus Jerusalem höre. Sie stehen nebeneinander und sie sagen viel über die bedrückende Situation dort. 

Die Sehnsucht jedenfalls aus Sicht der evangelischen Kirche in Deutschland nach einem klaren Wort der palästinensischen Christen gegen den Terror der Hamas steigt. 

Auf der Pressekonferenz nach der Zerstörung von Teilen des Ahli-Krankenhauses sagt ein sichtlich niedergeschlagener anglikanischer Bischof: „Wir stehen für die Christen, die es hier seit 2000 Jahren gibt. Wir wären nicht hier, wenn wir Angst hätten.“

Der ansonsten immer zuversichtliche und klar sich artikulierende lateinische Patriarch geht mental in die Knie, auch er findet nicht die Worte, die wir uns in großer Klarheit wünschen. Aber er sagt öffentlich, dass er bereit ist, sich als Geisel austauschen zu lassen, wenn dafür Kinder befreit werden.

Und in Ramallah vor der deutschen Vertretung finden seit dem Besuch von Bundeskanzler Scholz in Israel und seit seiner klaren Solidaritätsadresse Kundgebungen gegen die deutsche Regierung statt. 

Die Bilder sind vielfältig und vielschichtig. Der Blick darauf hat nichts mit Relativismus zu tun, schon gar nicht mit dem inzwischen seinerseits als rhetorische Figur eingespielten „ja-aber“. 
Ich bin überzeugt, dass es unsere Aufgabe ist, uns nicht in die Logik der Kriegsparteien einwickeln zu lassen. Nicht mit Blick auf den Nahen Osten und genauso wenig mit Blick auf andere Kriegsherde dieser Welt. 

Dass seit mehr als einer Woche auch auf deutschen Straßen in pro-palästinensischen Demonstrationen antisemitische Parolen geschrien werden, ist unerträglich. 
Ebenso unerträglich wäre der Verzicht auf jegliche Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten. Wir werden ihn nicht von hier aus schaffen. Aber wir können und müssen dafür stehen, dass Terror und Gewalt nicht das letzte Wort haben dürfen. 

Wir geben die Hoffnung auf Frieden und ein Leben in Sicherheit für alle im Nahen Osten nicht auf. Deswegen werden wir auch künftig mit allen im Gespräch bleiben, die an einem Miteinander in Frieden und an gerechten Beziehungen arbeiten. 

Selten lagen mir die Worte des 122. Psalms so sehr auf den Lippen, wie in den letzten beiden Wochen:

Wünschet Jerusalem Frieden!
Es möge wohlgehen denen, 
die dich lieben!
Es möge Friede sein in deinen Mauern 
und Glück in deinen Palästen!