Sehr geehrte Damen und Herren,
83 Jahre – das ist ein ganzes Menschenleben. Wir denken heute an die fast 7000 jüdischen Menschen, die aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das Lager Gurs deportiert wurden.
Zahlen und geschichtliche Eckdaten können kaum erfassen, wie da Menschen aus unserer Mitte gerissen wurden. Sichtbar wird es an den Spuren ihres Lebens. Hörbar in den Briefen, die sie aus dem Lager geschrieben haben. Die Ängste und die Tränen, die sie bei der Abholung empfunden haben müssen.
Die Briefe der Menschen, die deportiert wurden, sind Zeugnisse von abgebrochenen Leben. Wie die Berge von Koffern, Brillen und Schuhen in Auschwitz. Jeder gehörte zu einem Menschen. Dem kleinen Mädchen, das an der Hand der Mutter die Angst spürte und dessen Kinderleben brutal abgebrochen wurde. Dem Arzt, der seine Patienten bis zuletzt liebevoll versorgt hatte und dessen Koffer mit den letzten Habseligkeiten ihm wie sein Leben entrissen wurde. Auch wenn ich die Menschen nicht persönlich kenne – durch diese Gegenstände werden sie von der Zahl in der Statistik zu Bruder und Schwester.
Wir erinnern uns heute an die Menschen, die aus unseren Dörfern und Städten abgeholt wurden. Herausgerissen bei Nacht und Nebel. Aus der Nachbarschaft und der Gemeinschaft, zu der sie immer gehört hatten.
Die Gedenksteine hier in Neckarzimmern erinnern daran und setzen ihnen ein Denkmal. In Gottes Gedächtnis sind sie nicht verloren.
Heute erinnern wir an die Transporte in den Tod – und sehen mit Entsetzen und Erschütterung die Terrorangriffe auf Israel und die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten. Wieder sehen wir angsterfüllte Gesichter von Kindern und Jugendlichen. Von jungen Menschen, die die Hamas in den Gaza-Streifen verschleppt hat, von Müttern und Vätern, Familien und Jugendlichen, die aus dem Gaza-Streifen fliehen und versuchen, ihr Leben zu retten.
In der Erinnerung liegt Kraft. Sie schafft eine Gemeinschaft über die Zeiten hinweg. Erinnerung geschieht hier und heute.
Das was in der Vergangenheit geschehen ist, hat eine Bedeutung für heute. Die abgebrochenen und ermordeten Leben, das Schweigen hinter den Vorhängen der Nachbarn, die nur zugesehen, aber nicht hingesehen haben.
Hinsehen und nicht nur zusehen – darum geht es auch heute. Wenn die Synagogen bei uns mit Panzerglas ausgestattet werden, damit sie nicht durch Schüsse gefährdet werden können. Es ist ein Skandal und erschüttert mich, dass jüdische Gemeinden bei uns bedroht sind durch die weltweiten Aufrufe zur Vernichtung durch die Hamas. Dass wieder Häuser und Synagogen mit Davidssternen markiert werden. Dass in der letzten Woche ein Brandanschlag auf eine Synagoge in Berlin verübt wurde.
Die Ängste unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger hören wir auch heute. Und wir stehen an ihrer Seite. Die Erinnerung an das, was vor 83 Jahren in Baden geschah, nährt unsere Entschiedenheit, an der Seite der Jüdinnen und Juden in Baden zu stehen. Auch die Erinnerung an die Menschen, die damals jüdische Menschen gerettet haben, die als „Judenretter“ selbst viel riskiert haben ist heute wichtig. Weil es auf jeden und jede einzelne von uns ankommt. Weil jeder und jede einzelne von uns einschreiten kann, wenn auf Schulhöfen und auf den Straßen die Sprache entgleitet und antisemitische Parolen geschrien werden.
Uns eint die Kraft der Erinnerung an Gottes Befreiungstaten. Und die Sehnsucht danach, dass alle Menschen in Frieden und ohne Angst leben können.
Wenn wir uns heute erinnern, dann spüren wir den Schmerz über das Leid und den Tod, der in den erschöpften und angsterfüllten Gesichtern in den Zügen in die Lager zu sehen war. Wir lassen den Schmerz an uns herankommen und lassen uns bewegen dazu, genau hinzusehen: wenn jüdische Menschen in unserem Land angefeindet werden, wenn mal wieder einer findet, dass man „das ja wohl noch sagen darf“ – und unter diesem Deckmantel Hass und Hetze nährt.
Wir hören die Briefe, die zu letzten Zeugnissen wurden. Und wir hören die Erinnerung an die Menschen, die einen Menschen gerettet haben – und damit einen Lichtschein von Menschlichkeit in finstersten Zeiten gesetzt haben.
Wir denken an die vielen Briefe, die nie geschrieben wurden. Weil die, die sie hätten schreiben können, von Gurs nach Auschwitz und in den Tod gejagt wurden.
Ihre Stimmen mahnen uns dazu, alles für den Frieden zu tun und nicht nachzulassen im Gebet für alle Menschen, die von der Fratze der Gewalt bedroht sind.
Unser Gedenken bezeugt, dass kein Mensch bei Gott verloren ist.
Wir erinnern uns an das, was vor 83 Jahren geschah – teilen Schmerz und Tränen und halten die Hoffnung und die Verantwortung dafür wach, dass nie wieder in unserem Land Menschen in Vernichtungslager vor den Toren unserer Dörfer und Städte gebracht werden dürfen. Und dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat – wo auch immer er herkommt.
Erinnern wir uns.
Gedenken wir.
Geben wir der Trauer Raum.
Geben wir Hass und Hetze keine Chance.
