Kirche weiter denken. Vortrag in Emmendingen, 08.12.2024
Wie Kirche in Zukunft aussehen kann
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Geschwister,
die Zukunft beginnt hier und heute – und Sie haben in den letzten Monaten viel Kraft und Energie darein gesetzt, den Weg dorthin zu bahnen und zu planen. Das kostet alle Beteiligten viel und dafür möchte ich Ihnen auch meinerseits von Herzen danken!
Wir stehen mit dem Ende dieses Jahres an einer Schwelle – und richten den Blick weiter nach vorne, in die Zukunft. Die Zukunft beginnt hier und heute – und die Kirche der Zukunft blüht aus den Samen von heute oder sogar aus denen von gestern.
Noch entscheidender als der Blick in die Zukunft ist aber der Blick in die Weite. Kirche weiter denken – darum geht es hier und heute und in Zukunft. An wen denken wir, wenn wir „Kirche“ und „Gemeinde“ sagen? Wo und wie findet Kirche statt? Kirche weiter denken – das bedeutet auch, unsere Vorstellungshorizonte zu erweitern und phantasievoll Kirche weit, anders und visionär zu denken.
Sie lieben die Herausforderung hier im Bezirk – dazu gehört auch der Wunsch nach einem Vortrag an dieser Stelle. Ich möchte mit Ihnen einige Überlegungen teilen dazu, was uns trägt und was den weiteren Blick in die Zukunft prägt.
1. Selbstverständlich ist nichts selbstverständlich – schon gar nicht der Glaube
Wer mit offenem Herzen und offenen Augen durch unsere Tage geht, entdeckt: die Haltungen der Menschen zur Kirche sind sehr unterschiedlich. Ich vermute, das würde sich auch ergeben, wenn wir hier bei uns im Saal eine Umfrage machen würden. Und die vor wenigen Wochen veröffentlichte Untersuchung zur Kirchenmitgliedschaft zeigt das ebenfalls sehr deutlich. Es gibt nicht einfach die „Nahen“ und die „Fernen“, sondern es gibt eine große Bandbreite von Nähen und Distanzen zur Kirche.
In allem nehme ich viel Neugier und Offenheit für die Kirchen wahr – ebenso wie Enttäuschung und begrenzte Erwartungen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen sich der Kirche zugehörig fühlen, auch dann, wenn sie als Getaufte zur Kirche gehören. Das ist nun allerdings nicht Ausdruck von Krise oder Gottvergessenheit. Und es gibt gerade auch bei denen, die der Kirche eher distanziert gegenüber stehen die klare Erwartung, dass wir hörbar sind – auch zu gesellschaftlich relevanten Themen. Auch das hat die Befragung im Rahmen der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ergeben.
Selbstverständlich war der christliche Glaube noch nie. Die biblischen Texte erzählen in unterschiedlichen Schattierungen davon, wie Menschen ihre eigene Lebensgeschichte mit der Geschichte Gottes in ihren Zeiten zu verschränken versucht haben.
Da wird erzählt von Konflikten zwischen dem, was Halt und Stabilität gab – ob es die Fleischtöpfe Ägyptens waren oder die festgefahrenen Vorstellungen der ein wenig besserwisserischen Freunde Hiobs.
Ich denke auch an die Auseinandersetzungen Jesu darüber, ob es um der Menschen willen angezeigt sein könnte, die Tora als gutes Gesetz Gottes in einem weiteren Horizont zu verstehen – und darauf zu beharren, dass das Gesetz für den Menschen da ist und nicht der Mensch für das Gesetz.
Und ich denke an das Neue, das schon der Prophet Jesaja wachsen sah und das erst recht mit dem Blick Jesu auf das Reich Gottes mit radikalen Umbrüchen.
Diese Spannungen gehören zum Christentum seit seinen Anfängen dazu. Genau diese Spannung macht den christlichen Glauben aus. Sie ist ein Baustein starker Kirchen.
Kirche heute und morgen ist Kirche zwischen vertrauter Heimat und verrückten Aufbrüchen. Zwischen der tröstenden Kraft altvertrauter Texte und Liedern und peppigen Tönen mit Feuerzeugcharme.
Die Erwartungen und Haltungen von Menschen zur Kirche bewegen sich in einer großen Spannweite. Insbesondere unter den Engagierten in den Gemeinden finden sich Menschen, die mit der Kirche in ihren traditionellen Formen hoch verbunden sind. Sie haben ihre Heimat in ihrer Gemeinde, ihrer Kirche und ihren Gottesdiensten. Oft ein Leben lang.
Daneben stehen Menschen, die nichts gegen die Kirche haben, aber auch wenig für sie. Für die Auseinandersetzung mit wichtigen Fragen des Lebens und für spirituelle Orientierung erwarten sie nicht in erster Linie von der Kirche Impulse, sondern suchen diese primär anderswo. Aber sie sind auf der Suche und sind offen, wenn sie erleben, dass Kirche für sie relevant wird und kirchliche Impulse bei ihnen Resonanz auslösen.
Darüber hinaus begegnen wir Menschen, die die Kirche deutlich, mitunter aggressiv, in Frage stellen und die die kooperativen Schnittstellen von Kirche und Staat (Kirchensteuern, Religionsunterricht, gesetzlich geschützte Feiertagsruhe, ...) als Privilegien kritisieren. Ich denke, wir müssen diese Bandbreite von Haltungen ernstnehmen und sie nicht gegeneinander ausspielen.
Das ist in meinen Augen eine Chance für die Kirche und für die Gestaltung der Welt. Der christliche Glaube hat seit seinen Anfängen polarisierende Reaktionen hervorgerufen.
Schon im Neuen Testament begegnen neben den Jüngern in der Nachfolge und den Frauen, die bis zuletzt bei Jesus blieben, diejenigen, die von Ferne, aber neugierig schauten wie Zachäus, diejenigen, die alles von Jesus erhofften wie der Kranke am Teich Bethesda und die, die überraschend die aufrichtende Zuwendung Jesu erfuhren wie die Frau, die als Ehebrecherin die Steinigung auf sich zukommen sah.
Wir sind als Kirche für alle Menschen da – für die Nahen und die Fernen, die Fragenden und die Gewissen, für die, die punktuell Inspiration suchen und für die, die in der Kirche und den Gemeinden eine Heimat haben. Dafür denken und entwickeln wir die Kirche großräumig – damit weite Horizonte auch ganz konkret in vielfältiger Gemeindearbeit verlässlich spürbar sind.
2. Kirche im weiten Horizont der Hoffnung – was uns trägt
2.1.
Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die die Fenster der Hoffnung aufhalten. Selbst und gerade da, wo alle Hoffnung zu zerbröseln scheint. An den Gräbern erinnern wir daran, dass nichts – weder Hohes noch Tiefes, weder Engel, noch Mächte, noch Gewalten – nichts von dem, was am Leben und in der Seele zerrt, uns trennen kann von der Liebe Christi. Gerade an den Gräbern wird spürbar, dass es Räume für den Zuspruch braucht, die den Blick über das hinausrichten, was Menschen in Verzweiflung stürzt.
Schon die erschrockenen Frauen am Grab Jesu stehen dafür, dass Trost in der Trauer Zeit braucht und dass der Glaube an die Auferstehung das beharrliche Festhalten an der Hoffnung auf den Sieg des Lebens bedeutet.
Der christliche Glaube sieht nicht an der Verzweiflung und Trauer vorbei. Im Gegenteil: Er sieht genau hin und den Realitäten ins Auge, er hilft auszuhalten und lenkt unseren Blick darauf, dass wir unser Leben nicht (nur) in unserer eigenen Hand haben. Wir verdanken uns der Schöpferkraft Gottes. Wir bleiben uns letztlich entzogen. Weder Liebe noch Leben, weder Gesundheit noch Sterben, weder Gelingen noch Vollenden liegen voll und ganz in unseren Händen. Das wird beglückend spürbar in den erfüllenden Erfahrungen von Liebe, von Gelingen, das über das Erreichen von Zielen hinausgeht, von Vertrauen und getragen Sein. Und es wird schmerzhaft spürbar in den Erfahrungen von Gewalt und Krankheit, von Tod, der unerwartet ins Leben einbricht, von abbrechenden Beziehungen und unerwiderter Liebe.
Es kommt darauf an – und wir tun alles dafür, dass wir auch in der Zukunft mit weitem Herz so Kirche sind, dass das konkret spürbar wird. Dass Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen und Diakone und ehrenamtliche Gesichter der Kirche verlässlich ansprechbar sind. Dafür arbeiten künftig noch stärker in der Verbindung verschiedener Kompetenzen zusammen – in sogenannten multiprofessionellen Teams und mit der Überzeugung, dass die Vielfalt von Gaben auch bei Ehrenamtlichen unsere Kirche stark macht.
2.2.
Es ist der Kern des Evangeliums und der Hoffnung auf seine Erfüllung, dass wir es eben nicht in unseren Händen haben. Die Wahrheit bleibt uns entzogen, niemand von uns hat sie gepachtet und in der Hosentasche.
Deswegen sind wir als Kirche eine Gemeinschaft, die auf der Suche nach Wahrheit und Gewissheit ist. Das Evangelium liegt nicht in unseren Händen, sondern ist uns von Gott her zugesagt, ist Sache seiner Offenbarung.
Wir haben nicht in der Hand, über wahr und unwahr letztlich zu entscheiden. Das ist und bleibt Sache Gottes. Unheilvolle Melangen von öffentlicher Meinung und Politik lassen sich in der vom Kampf um die Ökonomie der Aufmerksamkeiten geprägten Medienwirklichkeit klarer denn je erkennen. Karfreitag öffnet hier den scharfen und realistischen Blick. Karfreitag schärft den Blick für unheilvolle Mächte und Gewalten, der Blick an das Kreuz Jesu nötigt dazu, den verwundbaren Realitäten des Lebens schonungslos ins Auge zu sehen. Zugleich ist von dort her auch deutlich, dass wir selbst durch Gottes Offenbarung in Frage gestellt sind und uns und unsere Wahrheitserkenntnisse immer wieder neu auf den Prüfstand stellen müssen. Das führt zu Mut und Demut gleichermaßen und zu heilsamer Selbstrelativierung obendrein.
Gerade in den heißen Debatten unserer Tage haben wir Besonnenheit und Klarheit und einen ganz eigenen Ton einzubringen. Der weite Horizont, in dem wir als Kirche unterwegs sind und von dem her wir beispielsweise unsere ethischen Positionierungen formulieren, bedeutet, dass wir realistisch sind auch in der Begrenztheit unserer Bemühungen und im Scheitern auch der verheißungsvollsten Ansätze.
Das bedeutet nicht, dass wir uns aus der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung zurückziehen. Es bedeutet aber sehr wohl, dass wir ehrlich und selbstkritisch unsere Haltung, unsere Sprache und unsere Überzeugungen daraufhin überprüfen, wo sie zur Ideologie zu werden drohen.
Unsere Gemeinden, aber auch die evangelische Landeskirche als Ganze bietet dafür Räume des Gesprächs und Orientierung. Das kann in kirchlichen Räumen geschehen. Es spricht aber auch sehr viel dafür, dass wir auch ganz bewusst in nicht-kirchliche Räume gehen. So wird deutlich, dass wir als Kirche uns nicht hinter unsere Mauern zurückziehen, sondern öffentliche Kirche sind. Kneipen und Marktplätze, Museen und umgewidmete Industrieanlagen – überall können und sollen wir als Kirche hörbar werden. Ich bin davon überzeugt, dass so nicht nur das Evangelium weite Kreise zieht, sondern auch wir als Kirche inspiriert werden zu neuen Ein- und Ausblicken.
2.3.
Wir sind als Kirche eingebettet in etwas, das größer ist als wir selbst.
Wir schreiben uns und unsere Lebensgeschichte in die Geschichte Gottes mit der Welt ein, wir leben in und aus der Kraft jahrhundertealter biblischer Texte und machen Lieder zu unseren eigenen, die schon lange vor uns Menschen haben aufatmen lassen. Wir beten und feiern Gottesdienst in Kirchen, in denen schon Generationen vor uns gebetet haben, Gottes Wort gehört und Abendmahl gefeiert haben. Wir sind aufgehoben im großen Horizont der Glaubensgeschichte und machen sie uns zu eigen. Das gilt für das Leben der individuellen Gläubigen und es gilt für die Gemeinschaft der Glaubenden als Ganzer.
Wir stehen als Kirche und als Glaubende ganz und gar in der heutigen Zeit, aber wir leben in und stehen für den weiteren Horizont. Die Einbettung in diesen weiten Horizont zielt nicht auf eine Konservierung des Althergebrachten, sondern sie ist heilsame Begrenzung der eigenen Gegenwart und Öffnung hin zum weiteren Horizont.
So können wir ganz und gar im Hier und Heute mit den Fragen und den Lebenswirklichkeiten von heute umgehen, ohne in ihnen ganz aufzugehen. Wir leben nicht in einer Sonderwelt, aber wir wissen auch: es gibt noch eine andere Welt, nicht erst im Jenseits.
Erst durch die Verankerung im Horizont Gottes gewinnen wir die Kraft, uns auch den abgründigen Wirklichkeiten auszusetzen, hinzuschauen, sie auszuhalten und auf Veränderung hinzuwirken.
Was heißt das konkret?
Bei der Gestaltung, Planung und Strukturierung der kirchlichen Arbeit müssen wir beides klar und ehrlich sehen: die Kraft und die Weisheit, die in den traditionellen Gottesdiensten, in den Kirchenräumen, in den alten Texten stecken. Deswegen dürfen wir sie nicht komplett über Bord werfen. Aber wir müssen auch ehrlich darauf schauen, dass viele, die durchaus offen sind für den christlichen Glauben, sich darin nicht mehr wiederfinden.
Kirche weiter zu denken bedeutet auch: die gottesdienstliche Landschaft weiträumig und vielfältig zu denken. Nicht alles muss an allen Orten stattfinden. Aber Menschen müssen die Möglichkeit haben, in erreichbarer Nähe Gottesdienste zu feiern, die sie trösten, erheben und im Herzen erreichen.
2.4.
Wir sind als Kirchen dann stark, wenn wir um unsere horizonterweiternde Kraft wissen, diese glaubwürdig leben und uns durch die biblischen Texte und die spirituellen Räume aus dem Hier und Heute herausreißen lassen.
Wir sind in all unserem Planen und Konzipieren ausgerichtet auf die Botschaft Jesu vom Reich Gottes. Jesus Christus kommt der Kirche von ihrer verheißenen Zukunft her entgegen.
In diesem weiteren Horizont stehen wir ein dafür, dass menschliches Leben mehr ist als Leistung. Wir sind als Menschen verwundbar, unser Leben bleibt immer Fragment. Es ist offen und auf die Vollendung durch Gott angewiesen.
Wir machen ernst damit, dass unsere Hoffnung größer ist als Prognosen voraussagen können. Das gilt für die Prognosen zur Entwicklung der Kirche nicht weniger als für die Prognosen in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Insbesondere bei einschneidenden Entscheidungen innerhalb der Kirche, aber auch im Blick auf gesellschaftspolitische Perspektiven müssen wir uns immer wieder selbstkritisch fragen, ob wir unsere gegenwärtigen Erkenntnisse und Prognosen verabsolutieren anstatt deren Vorläufigkeit zu sehen. Das ist eine Sache wissenschaftlicher Ehrlichkeit und christlicher Demut.
Das bedeutet, dass wir uns an den Szenarien und Prognosen wie sie beispielsweise die Freiburger Projektion und die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung vorgelegt haben, orientieren und sie als kritisches Korrektiv sehen. Aber auch diese Prognosen haben nur begrenzte Reichweite. Sie dürfen uns nicht lähmen im Schwung, mit dem wir als Kirche dafür unterwegs sind, dass Evangelium mutig und fröhlich zum Strahlen zu bringen.
3. Verletzliche Kirche werden
Ich bin davon überzeugt, dass uns als Kirche der Mut zur Verletzlichkeit gut zu Gesicht steht. Es ist unsere Stärke und unsere Aufgabe, die Komplexitäten des Lebens realistisch und klar zu benennen und sensibel zu sein für die Verletzlichkeit des Lebens. Die Kirche als Leib Christi stellt einen Raum bereit, in dem auch diese Erfahrungen aufgehoben sind. So wird relevant und spürbar, dass das Reden und Handeln der Kirche in den Hoffnungshorizont auf das Reich Gottes hin ausgerichtet sind.
Ob in der Debatte um assistierten Suizid oder den §218, ob im Blick auf den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Kirche, in der Friedensfrage oder im Blick auf den Umgang mit Krankheit – wir sind als Kirche glaubwürdig und stark, weil und wenn wir aus theologischen Gründen die Komplexitäten des Lebens realistisch und klar benennen.
Dazu gehört die Bereitschaft zum zweiten Blick. Dieser ermöglicht beispielsweise die Horizonterweiterung hin auf die Grenzlagen zwischen Leben und Tod, die sich einfachen schwarz-weiß-Alternativen entziehen. Dazu gehört der differenzierte Blick auf die Macht von Scham und Verletzung, von Schuld und Versagen und auf komplexe Mechanismen der Schuldumkehr im Blick auf den Umgang mit sexualisierter Gewalt.
Wir sind als Kirche verletzlich, weil wir der verletzliche Leib Christi sind. In Jesus Christus macht Gott sich für die Welt und die Menschen berührbar, geht in sie ein und transformiert sie durch die Kraft der Auferstehung. An Kreuz und Auferstehung Christi wird die transformative Kraft der Verletzlichkeit offenbar.
Im Kreuzestod Christi ist der Same für die Auferweckung des Gekreuzigten gelegt. Verletzlich zu sein bedeutet, affizierbar und berührbar zu sein. Das gilt für Christus, den Menschen und die Kirche. Die konstitutive Offenheit und Berührbarkeit für das, was von außen auf Christus, den Menschen und die Kirche zukommt, machen Resonanz, Lernen, Vertrauen, Kommunikation, Glaube und Liebe möglich. An Karfreitag und Ostern, an Kreuz und Auferstehung Christi wird deutlich: in der Verletzlichkeit liegt eine verwandelnde Kraft. Sie ist die fundamentale Offenheit für das, was uns widerfährt: Liebe und Vertrauen, Krankheit und Gewalt, aber auch die Erfahrung der Beziehung zu Gott.
Diese fundamentale Offenheit ist die Voraussetzung dafür, dass wir als Kirche offen sind für das, was uns von Seiten der Gesellschaft und der Sozialräume, in denen die Kirche existiert und wirkt, entgegenkommt, und für den auch die Kirche verändernden Geist Gottes. Wir sind als Kirchen dann stark, wenn wir uns weder als Institution noch als Organisation abschließen gegen die, die mit uns ins Gespräch gehen wollen.
Verletzliche Kirche zu sein bedeutet auch, auszuhalten, dass es etliche Menschen gibt, die weder etwas für noch etwas gegen die Kirche haben und es bedeutet, mit den Leisen und den Lauten auszuhandeln, wo die Kraft in dieser Verletzlichkeit liegt. Wir müssen offen und ansprechbar bleiben und uns ehrlich in Frage stellen lassen. Verletzliche Kirche zu sein bedeutet damit auch die Demut, von denen zu lernen, die nicht unser Sprachspiel spielen und die die Institution in ihren Abläufen heilsam unterbrechen – durch kritische Fragen zur rechten Zeit, durch konstruktive und kreative Impulse und durch den Blick auf ungewohnte Wege.
Verletzliche Kirche zu sein bedeutet, dass die Kirche darum weiß und daraus lebt, dass ihr das Wesentliche und ihre Zukunft von Gott her zuwächst und dass sie zugleich mit Geistesgegenwart die Wege in die Zukunft der Organisation und Institution Kirche gestalten kann – mit der Kraft, die in der Schwachheit mächtig ist.
4. Gastliche Kirche werden – und so auch weiter denken
Wie gehen wir mit dem und den Anderen um?
Mich hat vor einigen Jahren ein Erlebnis in Südafrika nachdenklich gemacht. Auf einer Reise besuchte ich den Gottesdienst einer schwarzen Gemeinde. Ich kannte dort niemanden und niemand kannte mich. Aber mein Begleiter und ich fielen dadurch auf, dass wir die einzigen Weißen waren. Ganz selbstverständlich wurden wir in die erste Reihe geleitet, dafür mussten sogar einige Kinder weichen. Mir war das mehr als unangenehm. Sehr viel lieber hätte ich in einer der hinteren Reihen Platz genommen. Aber für die Gemeinde dort war klar: Wer zu Gast ist, hat einen Ehrenplatz – und der ist vorn. Während des Gottesdienstes, von dem ich nicht viel verstand (schon gar nicht die Sequenz, in der in Zungen geredet wurde), ging mir durch den Kopf, was wohl in einer vergleichbaren Situation bei uns passieren würde. Zwei unbekannte Menschen mit dunkler Haut kommen in den Gottesdienst. In den meisten Fällen würden sie wohl eher neugierig beäugt, vielleicht – hoffentlich – freundlich begrüßt, aber dann würden sie sich irgendwo verschämt einen Platz suchen.
Nicht nur eine Kultur der Gastlichkeit lässt sich von Gemeinden in anderen Ländern lernen. Die Ökumene macht die Spannung zwischen der Beheimatung und dem weiten Blick deutlich. Der Glaube stärkt Menschen an den Orten, an denen sie zu Hause sind, vertraute Rituale, Lieder, Sprache und Worte stärken Menschen in unübersichtlichen Zeiten. Zugleich richtet der christliche Glaube den Blick und die Sinne hin auf die Geschwister im Glauben, die unter so ganz anderen Bedingungen Christsein leben. Das gilt für die unterschiedlichen Frömmigkeitsstile in unseren Breiten und es gilt noch viel mehr für die christlichen Gemeinschaften weltweit.
Sich als Gastgeber zu verstehen bedeutet auch, sich verwundbar zu machen. Das ist so, wenn ich Gäste zu mir einlade und das ist auch so für die Kirche, die sich als einladende und gastliche versteht. Davon spricht schon das Gleichnis Jesu vom großen Abendmahl (Lk 14,15-24). Da geht es um die nicht angenommene Einladung des Gastgebers. Der Gastgeber, genauer der Einladende, wird durch die Absagen der Eingeladenen seines Gastgeberseins beraubt und wird darüber zornig. Der Auftrag an den Knecht, alle ins Haus zu führen, die er finden kann, ist – neben der eschatologischen Dimension, auf die dieses Gleichnis vor allem zielt – ein Ausdruck der Verwundbarkeit des Gastgebers. Mit der Einladung exponiert er sich und kann zugleich nur dann Gastgeber sein, wenn es Gäste gibt, die der Einladung folgen. Der Gastgeber ist angewiesen auf die Gäste, auf die, die seiner Einladung folgen.
Kirche weiter denken – das bedeutet auch und vor allem, die Türen weit offen zu halten.
Offen und gastlich zu sein für alle, denen wir begegnen. Sensibel dafür, wo unsere enge Gemeinschaft andere ausschließt.
Und unsere Räume und unser Reden so offenzuhalten, dass daraus spürbar wird, wie lebendig der Geist Gottes unter uns wirkt.
Ein kurzes Schluss-Wort: Gerade im Advent ist deutlich: wir sind als Kirche immer unterwegs in Gottes Zukunft und warten darauf, dass Gott uns entgegen kommt und diese Welt und unsere Kirche hell und licht macht. Die Verheißung dieser Tage ist: er kommt, der Himmel bleibt nicht verschlossen. Machen wir die Türe hoch und die Tore weit. Herzlichen Dank!
