Sehr geehrte Damen und Herren,
ausgerechnet in diesen Zeiten einen Kongress unter der Überschrift „Hoffnung“ zu halten, ist ein eigenes Zeichen von Hoffnung. Wie gut, dass Sie sich dazu versammeln!
Wir brauchen Hoffnungsmenschen, die den Blick immer wieder darauf lenken, dass wir trotz aller Atemlosigkeit und Ratlosigkeit in unserer krisengeschüttelten Zeit guten Grund haben, gelassen, leichtfüßig, ja sogar glaubensheiter in die Zukunft zu gehen. Das hat nichts mit rosaroter Naivität zu tun, schon gar nichts mit frommer Traumtänzerei – aber viel mit der Sturheit, an der Hoffnung festzuhalten, die der Kern des christlichen Glaubens ist.
Als Christenmenschen sind wir Hoffnungsmenschen und Sie alle machen die Orte an denen Sie sind zu Hoffnungs-Orten: Ihre Gemeinden und Kreise, Ihre Bezirke – und auch diesen Kongress.
Hoffnung gehört zum Lebenselixier des Glaubens. Zum Elixier für mutige Schritte in die Zukunft gehört für mich, stur an dieser Hoffnung festzuhalten. Solche Hoffnungssturheit brauchen wir mehr denn je. In den Kirchen und noch mehr in unserer Welt.
Sturheit ist eine eigene Kraft. Eine Mischung aus Trotz und Beharrlichkeit, jedenfalls viel Energie, die es braucht, um an der Hoffnung festzuhalten. Auch und gerade dann, wenn es so aussieht, als würde die Kraft klein und der Frieden brüchig. Wenn der Glaube ins Schwanken gerät, die Liebe dünn wird und wenn es so aussieht als gäbe es kaum mehr Hoffnung.
Dabei brauchen wir mehr denn je Orte und Freiräume dafür, dass es noch anderes und mehr gibt. Mehr als das, was uns bedrückt und bedroht – mehr auch als das, was auf die Schnelle befriedigt und erheitert. Solche Orte und Freiräume sind die Kirchen und die Gemeinden. Sie sind stark, wenn sie die Hoffnung ausstrahlen, von der sie reden.
Es geht um mehr als um den guten Eindruck. Um mehr als um Imagepflege, erst recht um mehr als um Strategie. Es geht darum, dass wir uns neu vergewissern, was trägt, was unsere Hoffnung im Leben und im Sterben ist und, ja, warum es gute Gründe gibt, starken Kirchen etwas zuzutrauen.
Und wir tun gut daran, die Glaubensheiterkeit nicht zu verlieren.
Glaubensheiterkeit weiß darum, dass alles auch ganz anders sein kann als es scheint. Sie bringt im Schmunzeln über Gott und die Welt die Leichtigkeit der Weisheit und den Blick für das Absurde in Senfkörnern, Kamelen in Nadelöhren und weggerollten Grabessteinen zum Strahlen.
Die Kirche Jesu Christi ist die Gemeinschaft derer, die die Fenster der Hoffnung aufhalten. Selbst und gerade da, wo alle Hoffnung zu zerbröseln scheint. An den Gräbern erinnern wir daran, dass nichts – weder Hohes noch Tiefes, weder Engel, noch Mächte, noch Gewalten – nichts von dem, was am Leben und in der Seele zerrt, uns trennen kann von der Liebe Christi.
Hoffnung ist der Motor des Dennoch, die Unruhe, die sich nicht mit dem Vorfindlichen abfindet. Sie nährt das Gefühl und die Überzeugung, dass das, was ist, doch nicht alles gewesen sein kann.
So ist sie auch die Basis für das Eintreten für und das Ringen um konkreten Frieden – im Horizont des Friedens, der höher ist als alle Vernunft. Sie ist die Basis für die konkrete diakonische Arbeit in Pflegeeinrichtungen, Demenz-WGs und Vesperkirchen, weil sie nichts und niemanden verloren gibt. Solche Hoffnung ist nicht der schöne Satz für Kühlschrankmagneten und Postkarten. Sie ist lebendige Hoffnung mit einer sprudelnden Quelle und wächst aus dem Samen, der an Ostern gelegt ist.
Die Auferweckung Christi pflanzt in uns lebendige Hoffnung. Lebendig ist sie, weil sie einen klaren Grund hat – die Auferweckung Jesu von den Toten – und eine ebenso klare Aussicht: unsere Auferstehung aus allem, was abgestorben ist; das Reich Gottes, in dem Recht und Gerechtigkeit, umfassender Frieden und Heilung alles Verwundeten Wirklichkeit werden.
Hoffnung zu haben und stur an der Hoffnung festzuhalten bedeutet zu wissen und daraus zu leben, dass das Beste noch vor uns liegt. Dass es eine Zukunft gibt für diese Welt und für die Kirche – und dass es Gott ist, der für diese Zukunft sorgt.
Die lebendige Hoffnung ist mitunter zart und zaghaft, aber sie hat guten Grund. Das war schon am ersten Ostermorgen so. Die Frauen am Grab sind zwar tapfer, pflichtbewusst und in bester Absicht zum Grab gegangen, aber dann entsetzt und sprachlos zurück. Auch Thomas hat sich nicht mit Worten abspeisen lassen, sondern wollte begreifen, dass ihm in diesem Verwundeten der Auferstandene begegnet (Joh 20,25). Auf dem Weg nach Emmaus geht der Auferstandene mit den resignierten Jüngern mit, die kaum fassen können, dass dieser Fremde den Grund ihrer Traurigkeit nicht kennt. Erst beim gemeinsamen Mahl begreifen sie, wer da mit ihnen geht. Erst im Nachhinein realisieren sie, wie ihnen das Herz brannte, als er ihnen die Schrift auslegte (Lk 24,13ff.).
Hoffnungssturheit und Glaubensheiterkeit sind Geschwister. Der weite Horizont, in dem der Glaube, die Kirche und die Hoffnung aufgehoben sind und an dem sie ausgerichtet sind, macht leichtfüßig und öffnet Räume für die dem Glauben eigene Heiterkeit.
Solche Glaubensheiterkeit ist nicht einfach Allotria und Frohsinn, auch nicht dauerselige Schönfärberei. Glaubensheiterkeit zieht ihre Kraft aus dem klaren Blick für das Leben mit seinen schrägen und absurden Seiten. Ihr Lachen ist das Osterlachen und sie lebt von der Kraft, einen Schritt neben sich zu treten. Darin ist sie dem Humor verwandt, der ein gutes Elixier für alle ist, die mit dem Wandel zu tun haben – in der Gesellschaft und in der Kirche.
Schon die Gleichnisse Jesu durchzieht die Kraft des Humors und der Blick für das Schräge und Absurde. Dass das Reich Gottes ausgerechnet dem Senfkorn und überwucherndem Unkraut gleicht, ist nur eine von vielen verrückten Ideen. Humor ist die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können – und einen Schritt neben sich zu treten. Solchen Humor braucht es auch in der Kirche. Humor macht sich nicht lustig über das, was ist, schon gar nicht macht er es verächtlich, aber er weiß auch, dass alles ganz anders sein könnte.
Hoffnungssturheit bewährt sich in den Situationen mit offenem Ausgang. Und welche wären das nicht. Das gilt im persönlichen Leben mit seinen verletzlichen Unwägbarkeiten, es gilt im Blick auf den Weg der Kirchen in die Zukunft und es gilt für das Wagnis von Glaube, Hoffnung und Liebe in diesen fragilen Zeiten.
Das Beste kommt noch. Nicht nur für die Kirche.
Lassen wir uns nicht irre machen.
Aber bleiben wir ihm beharrlich auf den Fersen, probieren aus, lassen uns locken zum Überraschenden, wagen wir hinaus aus den sicheren Mauern unserer eingespielten Denkmuster, wagen wir es, die Bedenken vom Tisch zu wischen, gehen wir hinaus ins Weite – und lassen uns verwandeln und inspirieren. Auch auf diesem Kongress.
