Liebe Geschwister,
erst hatte man nur gerüchtehalber davon gehört.
Irgendwo in einem Zelt auf der Marktmeile der Möglichkeiten an der Karlsruher Schwarzwaldhalle gäbe es eine besondere Aktion. Das Gerücht lief um während der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen, die im letzten Jahr in Karlsruhe stattfand. Vor lauter Gewusel im Vollversammlungstrubel auf dem Festplatz blieb es für mich eine ganze Weile Gerücht.
Aber dann ist das Projekt ins Zentrum gerückt. In der Schwarzwaldhalle kam man nicht mehr daran vorbei: Wolf Helzles mobile Fotostation. Er hatte sich vorgenommen, aus vielen Gesichtern ein Gesicht zu machen. Faces of the assembly. Natürlich habe ich mich auch angestellt. Kurz die Haare zurechtgewuschelt. Mich vergewissert, dass es nicht entscheidend ist, besonders zurechtgemacht zu sein, weil mein Gesicht am Ende eh umgeben ist von anderen Gesichtern.
Im Gegenteil: auf dem schlichten Hocker face to face, vis-à-vis vom Fotographen gab es nur eine Aufgabe: schnürchengeradeaus zu schauen. Der Linse und dem Fotographen entgegen.
Es war schön zu beobachten, wie alle Menschen auf dem Hocker unweigerlich lächelten. Freundlich, natürlich, manche etwas unbeholfen, andere routiniert, weil man ja ohnehin laufend Selfies machte.
Und am Ende der Tage gab es das Bild, das Sie in den Händen halten. Die faces of the assembly auf großen Plakaten. Und alle miteinander ein eindrücklicher Widerschein der vielen Gesichter Gottes. Da war schon im Karlsruher Altweibersommer Weihnachten.
Kein extra Puder. Kein besonderes Outfit. Einfach nur Gesicht zeigen. Viele Gesichter. Die Gesichter der Welt. Wenn Sie genau hinsehen, dann ist die Vielfalt der Nationen zu sehen.
Unverhüllt. Im Vorübergehen kurz auf den Hocker gesetzt. Und dann doch irgendwie anders weitergegangen.
Aus der Neugier war die Bewegung hin zu einem großen Gemeinschaftswerk geworden, das Kreise zieht. Unbeschriebene Blätter – wie die Karte, die Sie in den Händen halten. Eben unverhüllt.
Bei Paulus im 2. Brief an die Gemeinde in Korinth lese ich:
Wir alle sehen die Herrlichkeit des Herrn mit unverhülltem Gesicht wie in einem Spiegel. Dabei werden wir selbst in sein Ebenbild verwandelt. Wir bekommen immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit – so wie der Geist des Herrn bewirkt.
Die Gesichter, in die ich schaue, machen einen Unterschied.
Es macht einen Unterschied, ob ich im Büro oder auf der Straße, hier beim Treffen der Lions oder im Wartezimmer einem bekannten Menschen begegne oder an der Kaffeemaschine unverhofft von einem Kollegen angelächelt werde.
Und manchmal verändert der Blick in das Gesicht des anderen die Welt – oder jedenfalls meine Welt.
Wenn Augen nicht nur strahlen, sondern flirten.
Wenn verweinte Augen und Tränen wieder trocknen.
Wenn ich spüre: hier sieht mich jemand an ohne Hülle, ohne Fassade und ohne Berechnung, sondern einfach mit offenen Augen, klar und ehrlich.
An Weihnachten zeigt Gott Gesicht.
Auf die Begegnung von Gott und Mensch gehen wir in der Advents-Zeit zu.
Aus der Krippe lächelt mich der menschgewordene Gott an. Der Blick in das Gesicht Christi verändert mich und dich.
Die Herrlichkeit Gottes liegt in der Krippe. Unverhüllt und unverstellt. Nahbar und nackt. Mit verwandelnder Kraft.
Selbst mit unverhülltem Gesicht und offenen Augen, selbst mit all unserem Engagement, selbst in unseren Abbrüchen, mit den Falten im Gesicht und den Schrammen auf der Seele sehen wir die Herrlichkeit Gottes wie in einem Spiegel.
Irgendwie nah und fern zugleich. Bescheiden und tastend. Unwirklich und doch in großer Klarheit. Und das ändert etwas. Manchmal verwandelt es mich sogar. Immer mehr bekommen wir Anteil an etwas Größerem.
Der Apostel Paulus sagt der Gemeinde in Korinth: wir bekommen immer mehr Anteil an Gottes Herrlichkeit. Nicht weil wir schöner und strahlender werden, schon gar nicht weil wir besser, effizienter und erfolgreicher werden, sondern weil der Geist uns in Bewegung setzt. Hin zu Gott. Zieht und zerrt. Vorsichtig stupst und manchmal auch ein bisschen deutlicher tritt.
Und beim Blick auf die assembly faces sehe ich, wie immer mehr die vielen einzelnen Gesichter zu einem Gesamtbild verschmelzen. Alle schauen in dieselbe Richtung, sie sehen mich und die Betrachter an – und verändern so die Welt, mit einer gemeinsamen Vision.
Diese Welt wird eine andere, wenn ich in den Gesichtern der anderen das Gesicht Christi entdecke. Wenn ich mich wage, hinzusehen und hinzuhören – und wenn ich wage, mich zu zeigen. Unverstellt und ungeschminkt. Hinter dem Gesicht von jedem verbirgt sich noch etwas anderes. Mehr, Tieferes, Ungeahntes.
Wie wäre es, wenn wir unser Zusammensein gleich im Anschluss an den Gottesdienst dazu nutzen, dieses Andere und Ungeahnte zu entdecken.
Am Eingang haben Sie eine blanco-Karte bekommen mit den Gesichtern Christi. Eine Weihnachtskarte der anderen Art.
Ein unbeschriebenes Blatt und eine unbeschriebene Innenfläche. Mit Platz für das, was Sie schon immer mal sagen wollten. Der Kollegin und dem Büronachbar, den Kindern und der Schwiegermutter. Geben oder verschicken Sie sie weiter mit Worten, die sich besser schreiben als sagen lassen – und zaubern sie damit der Welt ein Strahlen ins Gesicht.
Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass das Gesicht, das wir morgens im Spiegel sehen, in den kommenden Wochen an Sorgenfalten verliert, dass wir das Lächeln des menschgewordenen Gotteskindes darin entdecken und Seiten, die etwas von der Herrlichkeit Gottes ausstrahlen.
Dann entdecken wir auch etwas von den Gesichtern Christi. Und die Welt wird eine andere. Gott kommt - und mit ihm sein Friede. Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
