[Weihnachtsoratorium Nr. 11-17]
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
„Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.“ – sagt ein chinesisches Sprichwort und allerlei Lebenshilfeliteratur. Es könnte auch die Überschrift über die zweite Kantate des Weihnachtsoratoriums sein.
Mit ihr im Ohr sind wir heute am 1. Weihnachtstag auf den Feldern von Bethlehem.
Bei den Hirten.
Bei denen, die am Rand der Gesellschaft mühsam ihr täglich Brot verdienen.
Bei denen, die vom Blick auf das Alltägliche ganz und gar in Beschlag genommen sind.
Bei denen, die in sich nur noch leise die Hoffnung tragen, dass es einmal besser wird für sie und ihr Leben.
Bei denen, die sich kaum bewegen können vor Erschöpfung und vor Termindichte.
Die am Rand der Gesellschaft und die am Rand ihrer Kräfte sind die ersten, die von den Engeln die Weihnachtsbotschaft hören. „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus in der Stadt Davids.“
Die Hirten in der zweiten Kantate des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach werden eine Kantate lang aufgefordert loszugehen, zum Kind zu eilen und die Krippe zu sehen. Aber sie gehen nicht los. Eine ganze Kantate lang gehen sie einfach nicht los.
Eindringlich wurden sie in der Tenor-Arie dazu aufgefordert: „Frohe Hirten, eilt, ach eilet / eh ihr euch zu lang verweilet / eilt, das holde Kind zu seh’n!“
Wir hier sind mit dem Chor schon im finsteren Stall angekommen. Uns hat Johann Sebastian Bach schon mitgenommen an den Futtertrog. „Da Speise vormals sucht ein Rind, da ruhet itzt der Jungfrau Kind.“
Noch liegt der neugeborene Messias da allein, mit Maria und Joseph. Ein paar sphärische Engelchortöne sind von Ferne zu hören. Nur von Ferne ist das „Fürchtet euch nicht“ zu hören. Nur langsam bahnt es sich seinen Weg in diese Welt und in mein Herz.
In diesem Jahr ist diese Spannung für mich besonders spürbar. Die Stürme um uns sind nicht nur die Wetterkapriolen. Das Hochwasser ist nicht nur das in den Flüssen. Dort wo der Retter der Welt Mensch wurde, leiden heute die Menschen unter Krieg und Hunger. In der Gegend um Bethlehem haben 130 000 Menschen ihren Broterwerb verloren, weil sie nicht mehr den täglichen Weg aus der Westbank nach Israel gehen können. In Israel trauern Familien um die von der Hamas Ermordeten, andere sind seit fast drei Monaten schon in bedrängender Sorge um ihre Lieben, die als Geiseln festgehalten werden, im Gaza-Streifen droht eine Hungerkatastrophe.
An der Universität in Prag wurde erschütternd deutlich, was Menschen Menschen antun.
So viele hier sorgen sich um einen lieben Menschen, dem Krankheit die Kraft zum Leben nimmt. Andere spüren in diesen Tagen die Lücke besonders schmerzlich, die einer hinterlassen hat, der im letzten Jahr gestorben ist. Und dann sind da die Risse im eigenen Herzen, der Schmerz über abgebrochene Beziehungen und nicht gelebtes Leben, über unerfüllte Hoffnungen und der sorgenvolle Blick in eine ungewisse Zukunft.
Angesichts von himmelschreiendem Leid – auf der Welt und an so vielen Stellen auch hier bei uns – fällt der Blick auf das Kind in der Krippe nicht leicht.
Aber er ist da. Wir sind da.
Das in Windeln gewickelte Kind in der Krippe ist das Zeichen dafür, dass es Hoffnung gibt für diese Welt, für jeden und jede von uns. Trotz allem und in allem.
Der Weg hin zur Krippe, hin zu Weihnachten, hin zu Trost und Zuversicht kann weit sein. Er wird leichter durch die Erfahrung, dass andere mit auf dem Weg sind. Dass es Menschen gibt, die das Wort ergreifen, wenn es mir die Sprache verschlägt. Die da sind, wenn es nichts mehr zu sagen gibt. Die sich in den Tafelläden engagieren und Kranke besuchen. Der Chor der Engel ist groß in diesen Tagen. Auch hier.
Die Hirten in der Kantate und der Hirte in mir brauchen viele Aufforderungen. Gleich werden sie noch eine hören. „So geht denn hin, ihr Hirten geht, dass ihr das Wunder seht.“
Selbst das Wiegenlied, das die Hirten dem Jesuskind singen sollen wird ihnen in der Alt-Arie in den Mund gelegt. Aber sie gehen nicht los. Um sie herum ist alles in Bewegung – der Himmel offen, bei dem Engel versammelt sich die Menge der himmlischen Heerscharen – ein glänzendes himmlische Getöse, heller, lauter, jauchzender als alles, was je ein Auge und Ohr gehört und gesehen hat. Aber sie gehen nicht los.
Erst als der fulminante Chor der Engel auf den Feldern im Schlusschor singt, machen sie sich auf den Weg.
Gott kommt an Weihnachten in diese Welt mit all ihren Rissen und Trümmern. Er kommt zu den Hirten auf den Feldern und den Menschen am Rand der Gesellschaft und am Rand ihrer Kräfte. Die Engel und ihr „Fürchtet euch nicht“ dringen in diesen krisengeschüttelten Zeiten nur allmählich durch, aber es lohnt sich, sich in Bewegung zu setzen und der unwiderstehlichen Kraft der Weihnachtsverheißung zu folgen.
Dass selbst die Hirten eine ganze Kantate lang nicht losgehen, hat für mich etwas sehr Tröstliches.
Weihnachten hat Zeit und braucht seine Zeit. Es muss nicht plötzlich alles perfekt sein und auf Knopfdruck heile Welt, weil Weihnachten ist. Die Engel singen und jauchzen auch dann, wenn ich mich noch nicht in Bewegung setze.
Der lang ersehnte Gast, der Retter der Welt hat sich nunmehr eingestellt. Und irgendwann – am Anfang der dritten Kantate, morgen – setzen sich auch die Hirten in Bewegung.
„So geht nun hin, ihr Hirten, geht, dass Ihr das Wunder seht: / Und findet ihr des Höchsten Sohn in einer harten Krippe liegen, / so singet ihm bei seiner Wiegen / aus einem süßen Ton / und mit gesamtem Chor, /dies Lied zur Ruhe vor!“
In dieser Spannung ist es Weihnachten. Auch heute. Auch in diesem Jahr. Auch in allen Rissen und Brüchen.
Wir werden das Wunder sehen. Durch alle Risse hindurch scheint der Glanz aus dem dunklen Stall und leuchtet das Licht der himmlischen Heerscharen.
Es wird etwas in Bewegung setzen. Mich und Dich und diese Welt verändern. Ganz gewiss. Vielleicht nicht sofort, aber ganz gewiss.
Christ, der Retter ist da! Und mit ihm der Friede, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
[Weihnachtsoratorium Nr. 18-23]
