Andacht zur Sitzung der Kirchenkonferenz im Kirchenamt der EKD in Hannover, 07.03.2024

Abstraktes Gemälde in Gelb und Grau
Abstraktes Gemälde in Gelb und Grau
Liebe Geschwister,

die beiden Bilder, die Ihr und Sie hier seht gehören zusammen und erzählen eine eigene Geschichte. Ich habe sie im Abstand von neun Monaten gekauft. In einer kleinen Galerie in der Altstadt von Jerusalem. 

Es sind Werke einer Künstlerin aus dem Gaza-Streifen. Den winzigen Zettel mit ihrem Namen habe ich in meinen Umzugskisten verloren. 

Das erste Bild habe ich gekauft bei meiner Reise am Anfang der Amtszeit ins Heilige Land. Erfüllt von der Aufbruchstimmung beruflich, persönlich in nicht einfachen Zeiten. Ich habe in dem Bild sofort den Riss gesehen, der zu meinem damals gebrochenen Herzen gepasst hat. Enttäuschte Hoffnung auf eine Liebe – die tut weh, Amt hin oder her, Alter hin oder her. Aber der fröhliche Galerist, der mir wortreich das Bild anpries (und eines in Rottönen dazu) hat mich überzeugt und ich nahm es mit für mein Büro. 
Neun Monate später war ich wieder in Jerusalem. Zur Ordination von Sally Azar, jener jungen Pfarrerin, die jetzt mit anderen palästinensischen Frauen den die Liturgie für den Weltgebetstag verfasst hat. Wieder bin ich durch die trubelige Altstadt geschlendert, wieder bei dem Galeristen vorbeigegangen. Da hing das zweite Bild – die zwei hellen Gestalten, für mich ganz eindeutig zwei Menschen, nicht irgendwelche Menschen für mich. Inzwischen hat sich eine sehr besondere und sehr enge Freundschaft entwickelt zu dem, dem mein gebrochenes Herz Monate vorher galt. Aus Rissen und Wunden wunderbar enge Wegbegleitung und tiefste Freundschaft. 
Die Bilder hängen untereinander in meinem Büro. Bis vor einige Monaten haben sie in mir vor allem die Erinnerung an diesen Weg vom Schmerz zu inniger Freundschaft wachgerufen. 

Inzwischen frage ich mich oft, was wohl aus der mir unbekannten Künstlerin geworden ist. Ob sie noch lebt? Dass ich den Zettel mit ihrem Namen nicht mehr habe, beschämt mich – als wäre sie so auch bei mir dem Tod geweiht. Wie mag sie in den Rissen und Trümmern überleben? Ob es wohl Lichtgestalten und die Erfahrung von Nähe und Bewahrung in ihrem so bedrohten Alltag gibt? 

In all das hinein höre ich die Losung aus dem Jesaja-Buch für den heutigen Tag: 
Der Herr hat Zion mit Recht und Gerechtigkeit erfüllt. Und du wirst sichere Zeiten haben: Reichtum an Heil, Weisheit und Klugheit. (Jes 33,5-6)

Und den Lehrtext aus der Apostelgeschichte:

So hatte nun die Gemeinde Frieden in ganz Judäa und Galiläa und Samarien und baute sich auf und lebte in der Furcht des Herrn und mehrte sich unter dem Beistand des Heiligen Geistes. (Apg 9,31)
 
Recht und Gerechtigkeit für Zion, Reichtum an Heil, Weisheit und Klugheit für das Volk Gottes – und in ganz Judäa, Galiläa und Samarien Frieden für die Gemeinde.
So eine alte Hoffnung – und so weit weg die Erfüllung seit jetzt schon fünf Monaten. 

Gibt es da Hoffnung auf die Verwandlung von Rissen und Schmerzen hin zu Versöhnung, Freundschaft, Nähe?

Ich sehe das Bild nochmal an. Hinter den beiden Lichtgestalten schwarze Blöcke. Granitschwer. Grabmäler vielleicht?

Dass Herzensnähe und Frieden sich ereignen, das ist Geschenk und harte Arbeit. Innen und außen. Nicht immer ist es erreichbar. Nicht alle Risse lassen sich versöhnen und kitten, auch nicht unter Christenmenschen. Manchmal bleibt einfach nur Schmerz und Ratlosigkeit, zerstörtes Leben und nicht zu heilende Risse. Das wissen wir nicht erst seit der Veröffentlichung der ForuM-Studie, sondern längst. Und wir, die wir für alles Worte finden müssen, müssen wohl auch manchmal lernen, dass es Abgründe gibt, die sich nicht wegerklären und übertünchen lassen – auch nicht durch wortreiche Betroffenheitsbekundungen und Bekundungen von Überraschungen, wo nichts überraschend ist.

Christliche Gemeinde, die Friede hat, in Gottesfurcht lebt und unter dem Beistand des Heiligen Geistes größer wird. All das beginnt mit der Begegnung von zwei oder drei, auf dem Weg nach Emmaus, in der Grabeshöhle, mit dem Riss im Vorhang im Rücken. Da brennt das Herz und ungeahnte Perspektiven tun sich auf. 
Selbst das Kreuz wird zum Lebensbaum. 
Aus Leiden wird Leidenschaft. Vielleicht ja auch hier unter uns. Amen.