75 Jahre Gnadenkirche, 75 Jahre Grundgesetz - Predigt in der Gnadenkirche in Mannheim, 23.06.2024

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. 
 
Liebe Geschwister,
 
wir feiern heute einen doppelten Geburtstag. Zwei Mal 75 Jahre. Vor 75 Jahren wurde die Gnadenkirche eingeweiht. Gebaut als eine der sogenannten Notkirchen, geplant von Otto Bartning. Konzipiert als ein Fertighaus Gottes. Eine neue Heimat für Hoffnung und Zuversicht, für Singen und Beten – und für festliche Gottesdienste wie diesen.
 
Im selben Jahr wurde das Grundgesetz verabschiedet. 75 Jahre trägt dieses Provisorium mit Ewigkeitsklausel (Art. 79,2) nun schon. Nicht das Grundgesetz ist für die Ewigkeit geschrieben – aber die darin festgehaltenen Werte sehr wohl. Das verbindet es mit der Gnadenkirche und allen Notkirchen. Sie sind als „Zelte in der Wüste“ gebaut – auf dem Boden der Hoffnung, die von Ewigkeit zu Ewigkeit trägt. 
 
Als der Krieg am 8. Mai 1945 endlich zu Ende war, gab es inmitten der Traumata auch viele Träume. Ein Jahr danach wurde in Pforzheim mit dem Bau der ersten Notkirche begonnen, kurz danach auch hier in Mannheim. 
 
Was trägt, wenn alles ins Wanken gekommen ist und wenn die Welt und die Demokratie in Trümmern liegt? Das war die Frage, vor der die Väter und die Mütter des Grundgesetzes ebenso standen wie die Menschen, die hier eine neue Kirche bauten.
„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“
Wir feiern heute beides: die Gnadenkirche und das Grundgesetz. In einer Predigtreihe, die sich durch alle Landeskirchen der EKD zieht kommen die Artikel des Grundgesetzes zur Sprache. 
 
Das ist keineswegs nur ein Blick zurück. Unsere Gegenwart zeigt mehr denn je, wie dringend wir den Blick auf das, was uns Orientierung und Hoffnung gibt, brauchen, wie dringend es ist, dass wir mit Art. 2 GG daran erinnern, dass jeder Mensch das Recht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit hat und dass die Freiheit der Person unverletzlich ist. Ausgrenzung und Hass, Gewalt und Entgleisung von Sprache nehmen auf eine besorgniserregende Weise zu. 117 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. 
 
Wo kann es da noch Hoffnung geben? Wie kann aus all den Trümmern wieder Leben werden und Neues wachsen? 
 
Vor 75 Jahren ist hier in der Gnadenkirche ein solcher Aufbruch sichtbar geworden. Ein Raum für die Hoffnung nach den düsteren Zeiten des Krieges und aus den Trümmern der zerstörten Stadt und der erschütterten Seelen. In den Steinen der Gnadenkirche stecken die Geschichten der Häuser und der Menschen, die einst zu ihnen gehörten. Die Wunden der Vergangenheit sind aufgehoben hier unter dem bergenden Zelt der Gnadenkirche – und in den bergenden Händen der Liebe Gottes. 
 
Nach allem was war – an Leid und Zerstörung, an Enttäuschung und Verletzung wieder bauen. Dort wo das Leben und die Wanderschaft uns hingebracht hat. 
Dazu hat schon der Prophet Jeremia das Volk Gottes im Exil ermutigt: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.
 
Auf die Zukunft ausgerichtet leben, glauben und lieben – darum geht es. 
Auch im Exil, nach dem Weggang aus Jerusalem sollen sie Häuser bauen und Familien gründen – und immer auf der Suche nach dem bleiben, was das Beste für die Stadt und den Ort ist, an dem wir gerade sind. 
 
Ich höre diese Zeilen und denke an die Menschen in Israel, die nach den Schrecken der Shoa in Nazi-Deutschland dort ein neues Zuhause und Sicherheit gefunden haben – und die sich dort jetzt so brutal angefeindet sehen. 
 
Und ich denke an die Menschen im Westjordanland und im Gaza-Streifen, die sich bange fragen, ob es je eine Zukunft in Frieden auch für sie geben wird. Mit gleichen Rechten und Raum zum Leben. Und ich sehe die vielen Trümmerwüsten vor mir, die im Nahen Osten und in der Ukraine gerade entstehen und wo die Zukunft so unklar ist. 
 
In diesem Horizont kommt mir unsere Wanderschaft als Kirche in ein ungewisses Land ziemlich harmlos vor. 
 
Ja, wir sind auch als Kirche unterwegs und wir fragen uns, wie das gut gehen kann, dass die Früchte der Hoffnung weiterwachsen, dass Menschen getröstet leben und sterben können und dass wir mit und trotz aller Wunden gut in die Zukunft gehen. Und ja, natürlich sind damit viele Fragen und Befürchtungen verbunden. Aber im weiteren Horizont der Wanderschaft des Volkes Gottes rückt sich das auch wieder in einen Rahmen. 
 
Die Gnadenkirche ist vor 75 Jahren als Zelt in der Wüste eingeweiht worden. Auf der Wanderschaft in eine auch damals ungewisse Zukunft. Aus Trümmern und Wunden, auf Schuld und Versagen, mit tastenden Schritten nach vorn in ein neues Land, in eine neue Kirche, in ein neues Leben. Hier in der Gnadenkirche ist die Erinnerung steingeworden, dass wir als Kirche versammelte Gemeinde im Namen Gottes sind. Dass wir gezeichnet und umgeben sind auch von unserer  verwundeten Geschichte, von unseren eigenen Wunden und dem verwundbaren Gott. 
 
Die Kirche, die sich am Zelt in der Wüste orientiert, reist mit leichtem Gepäck und wagt es, immer wieder aufzubrechen und nach dem zu fragen, was es braucht, damit das Reich Gottes in dieser Welt wachsen kann. Wir verwalten nicht die Vergangenheit, sondern gestalten die Gegenwart und leben aus der Hoffnung auf die Zukunft. 
 
Im Zelt in der Wüste wächst die Freiheit, die uns als Christenmenschen trägt und ausmacht und an die Artikel 2 des Grundgesetzes erinnert: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“  
Damit ist eine der Grundspannungen unserer Gegenwart im Blick und die Frage danach, wo die Sicherheit des einen beginnt und die Freiheit des anderen endet. Die freie und individuelle Entfaltung der Persönlichkeit bleibt ja eingebettet in die Solidargemeinschaft der Gesellschaft. Schon Paulus wusste, dass der Leib Christi viele verschiedene Glieder hat und braucht und dass die Hand sich anders zeigt als der Fuß. Aber beide braucht es und beide gehören zusammen. 
 
Jeder Mensch – auch das hält Art. 2 fest – hat das Recht auf Leben. Jeder Mensch von Anfang an. Menschliches Leben hat unbedingte und unverlierbare Würde – umso wichtiger ist es, dass wir jedes Leben seiner Würde gemäß behandeln. Das ungeborene Leben ebenso wie die um Zukunft ringende Schwangere, das von Krankheit und Schmerz gezeichnete Leben ebenso wie das Leben der Menschen, die mit Wunden an Leib und Seele hier bei uns Zuflucht finden. Jeder Mensch hat das Recht auf Leben. Und wir alle haben die Verantwortung so füreinander einzustehen, dass Leben, das Unterstützung braucht, diese auch bekommt. Kein Mensch – keine Frau und kein Mann -  darf alleingelassen werden im Ringen darum, für welches Leben sie Verantwortung übernehmen kann. 
 
Die Gnadenkirche mit ihren Mauern aus den Trümmern und als Zelt in der Wüste ist ein Wunder aus Wunden. In ihr hören wir die Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes zu uns Menschen und der unverlierbaren Würde jedes Menschen.
 
Auf den Trümmern der dunkelsten Zeiten in unserem Land haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes festgehalten: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, und die Freiheit der Person ist unverletzlich. Die Gnadenkirche in Mannheim und das Grundgesetz sind in ihrem 75. Jahr Zeugnis dafür, dass aus Wunden und Verwerfungen das Wunder einer offenen und demokratischen Gesellschaft wachsen und Räume für Hoffnung entstehen können.
Bauen wir alle miteinander weiter daran.
Wir sind getragen vom Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.