Grußwort zur Eröffnung des Kongresses "Theologie der Zukunft" am 08.09. 2024 in Heidelberg

Sehr geehrte Frau Prorektorin Patzel-Mattern,
sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Theologie der Gegenwart und für die Zukunft,
 
Heidelberg ist ein hervorragender Ort für das theologische Gespräch und theologische Disputationen. Ich hoffe, Sie hatten eine weniger beschwerliche Anreise als Martin Luther, der vor gut 500 Jahren 14 Tage brauchte, bis er in Heidelberger zur Disputation ankam.
 
Er hat in der 21. These dieser Disputation prägnant auf den Punkt gebracht, was gute Theologie ist. «Der Theologe der Herrlichkeit nennt das Schlechte gut und das Gute schlecht. Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge, wie sie wirklich sind.» 
 
Vom Kreuz her kommende Theologie benennt die Dinge beim Namen. 
In den gesellschaftlichen und kirchlichen Debatten, im Ringen um eine gute Zukunft für die Universität und für die Kirche braucht es Theologie in ihrer multidisziplinären Breite – klar, kritisch darauf ausgerichtet, die Polarisierungen, unter denen wir gerade in diesen Monaten gesellschaftlich ächzen nicht noch weiter voranzutreiben. Auch die Theologie eröffnet Verständigungsräume - der Kongress der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie in besonderer Weise.
 
Die Kirche braucht auch in Zukunft die Theologie als Erfahrungs- und Reflexionsraum für den gelebten Glauben, als kritisches Gegenüber und als konstruktives Fundament.
 
Und die Theologie braucht die Kirche – als Resonanzraum, als Ausdruck der Suche nach Wahrheit und Gewissheit, als Rahmen des gelebten Glaubens, Liebens und Hoffens, das die Theologie in ihren verschiedenen Zugängen und Fächern reflektiert, fundiert und inspiriert.
 
Sie ist dann resonanzstark, wenn sie die differenzierte und komplexe Reflexion in Forschung und Lehre grundiert und fundiert in den konkreten gesellschaftlichen und empirischen Realitäten, in der Weite der biblischen Texte und im Horizont der uns immer auch entzogenen und gegenüberstehenden Wahrheit. 
 
In diesem Sinn bleibt es richtig, dass Theologie eine Funktion der Kirche ist – ohne dass sie sich von ihr funktionalisieren lassen darf.
Evangelische Theologie ist ein kreativer und konstruktiver Prozess, sie ist Gestaltungsaufgabe des Theologen und der Theologin – ob er oder sie nun vom Kanzel oder vom Katheder spricht.
 
Die Ansprüche an sprachfähige Theologinnen und Theologen sind gestiegen. Die Komplexität der Herausforderungen steht uns deutlich vor Augen. Wir haben es mit einer Entselbstverständlichung des christlichen Glaubens zu tun und mit der Aufgabe, dass dessen Plausibilität und Relevanz immer wieder neu erwiesen werden muss. 
Für die Diversität der Personen im kirchlichen Dienst, insbesondere im Pfarrdienst ist es ein Gewinn, dass es auch alternative Wege ins Pfarramt. Sie verbinden Erfahrungen und Kompetenzen aus anderen Bereichen mit theologischer Reflexion und sind als Quereinsteiger*innen eine Bereicherung für die Kirche und die Fakultäten.
 
Ich bin aber davon überzeugt, dass das Theologiestudium in seiner Breite und Tiefe auch künftig die Standard-Voraussetzung für das Pfarramt sein muss. 
 
Wir brauchen in der Kirche, in der Gesellschaft und in der Universität starke Theologie. Gleichzeitig ist es eine Aufgabe für uns alle, das Studium und die darauf folgenden Berufsperspektiven in der Kirche und in der Wissenschaft so attraktiv zu gestalten, dass auch künftig junge Menschen sich für diesen Weg entscheiden. 
 
In seiner letzten Vorlesung 1962 zur „Einführung in die evangelische Theologie“ hat Karl Barth Theologie als Dienst beschrieben – Dienst an der Sache des Evangeliums und prinzipiell auf die Kirche bezogen. 
 
Die Theologie ist Lebenselixier, nicht ein donum superadditum der Kirche. Was Karl Barth der Theologie und der Kirche vor 62 Jahren ins Stammbuch geschrieben hat, hat nichts an seiner Bedeutung verloren. Man wird es – so sagt er – «dem Leben und Wirken jeder Kirche (ob Volkskirche oder Freikirche!) anmerken, ob in ihr solche Klärungen stattfinden, ob in ihr also auch theologische Arbeit geleistet wird oder nicht, ob sie sich deren Dienst gefallen lässt, oder ob das in ihr versammelte Volk oder Völklein und seine bischöflichen oder sonstigen Wortführer in einer nur vermeintlich geistlichen Vitalität und Sekurität der Meinung sind, der Theologie auch entraten, es ohne sie ebenso gut oder womöglich besser machen zu können» (211). 
 
Theologie in ihrer differenzierten und reflektierten Wissenschaftlichkeit ist Dienst an einer nach vorne, in die Zukunft ausgerichteten Kirche. Einer Kirche, die sich der Welt und den in ihr versammelten Menschen verpflichtet weiss und ausgerichtet bleibt an dem, was sie trägt und gründet. 
 
Der kürzlich verstorbene Jürgen Moltmann hat 1964, vor genau 60 Jahren, mit seiner «Theologie der Hoffnung» jene Grundorientierung eröffnet, der Sie auch in diesem Kongress folgen: der doppeldeutigen und verheißungsvollen Frage nach der Zukunft. 
 
«Es gibt» – so Jürgen Moltmann – «nur ein wirkliches Problem der christlichen Theologie, das ihr von ihrem Gegenstand her gestellt ist und das durch sie der Menschheit und dem menschlichen Denken gestellt wird: das Problem der Zukunft. Denn das, was uns in den biblischen Testamenten der Hoffnung begegnet als das Andere, als das, was wir uns nicht schon aus der gegebenen Welt und unseren schon gemachten Erfahrungen mit ihr ausdenken und ausmalen können, das begegnet uns als Verheißung eines Neuen und als Hoffnung auf eine Zukunft aus Gott.» (Theologie der Hoffnung, S. 12). 
 
Ich wünsche Ihnen hier auf dem Kongress viele Heidelberger Disputationen, die die Stärke der Theologie der Gegenwart zeigen und Theologie im Horizont und als Verheißung der Zukunft treiben – und freue mich auf inspirierende Einsichten und Begegnungen – und darauf, Sie morgen Abend beim Empfang der Landeskirchen in Baden und der Pfalz wieder zu treffen.
 
Herzlichen Dank.