GAIA: zerbrechlich und verletzlich - Predigt in der Stadtkirche Karlsruhe, 22.09.2024

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
 
der Blick in den Himmel und in den Weltraum öffnet ungeahnte Aussichten. An meinem ersten Urlaubstag stand ich nachts auf dem Balkon meiner Ferienwohnung und habe in den sternenreichen Augusthimmel geschaut. 
Perseiden, Sternschnuppen, waren angekündigt. Die Bedingungen waren günstig. Der Sternenhimmel reich. Auf gut Glück habe ich das Handy in den Himmel gehalten. Und dann erschienen völlig unerwartet herrliche Polarlichter auf meinem Display. In violett und grün. Himmelsvorhänge. Mit bloßem Auge nicht zu sehen. Und doch wunderschön. Mit der Kamera habe ich noch viele eingefangen. Flüchtig wie sie waren. Sphärisch und leicht. 
 
Hier in der Stadtkirche haben wir den anderen Blick. Auch atemberaubend. Vom Himmel und dem Weltraum aus auf die Erde. Wie blau und wie ozeanreich der Erdball ist – das beeindruckt mich besonders. Und wenn Sie es noch nicht getan haben, besuchen Sie die Stadtkirche auf jeden Fall auch einmal abends, wenn es dunkel ist. 
 
Der Künstler Luke Jerram hat über sein Kunstwerk GAIA gesagt, dass er es geschaffen hat, um ein Gefühl für die Zerbrechlichkeit unseres Planeten zu vermitteln. Mit den Wolken und den Meeren, den verhältnismäßig kleinen Kontinenten und in seiner ganzen leuchtenden Eleganz ist auch die Zerbrechlichkeit deutlich.
 
Immer schon konnten wir Menschen zum Mond schauen und unsere Wünsche und Hoffnungen in ihn legen. Den Mann im Mond besingen und bewundern. Den Jahresrhythmus über Neumond, Halbmond und Vollmond. 
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
 
Mit der Landung auf dem Mond 1968 hat sich der Blick geweitet und jetzt können auch wir hier aus der Nähe die Erde bestaunen. Ihre Zerbrechlichkeit und ihre Schönheit. Wie klein wir sind. Europa sieht man nur von der Empore und es ist verschwindend klein auf diesem Erdball. Und doch haben wir hier im wohlhabenden Norden der Erde besondere Verantwortung. Zwischen der Erkenntnis, „was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ – und dem Bekenntnis aus Psalm 8: „Gott, du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als dich selbst“. 
 
Neben dem Lob der Schöpfung durchzieht die Bibel und unseren Glauben auch die Erkenntnis: es kommt noch etwas. Es gibt noch mehr als das, was ist. 
 
Diese Erde und alles Leben auf ihr ist zerbrechlich und endlich. Fragil und verletzlich. Himmel und Erde, Gottes ganze Schöpfung werden eines Tages neu. Neue Schöpfung am Ende aller Zeiten. 
 
Der Prophet Jesaja bringt diese Verheißung Gottes in Worte und schreibt im 65. Kapitel (Jes. 65, 17-24):
 
Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. 
Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.
 
Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. 
Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. 
Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. 
Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
 
Jesajas Verheißung spricht nicht in irgendeine Vertröstungszukunft. Er spricht in die Gegenwart seiner Tage und unserer Tage. Mit einem klaren Blick und deutlichen Worten für das, was schmerzt, worunter diese Welt und die Erde ächzt, was aus den Fugen geraten ist. Er benennt klar das, was auf Erlösung hofft und nach Heilung lechzt. Wo geweint und geklagt wird. An den Gräbern von Sternenkindern und solchen, die nur wenige Tage gelebt haben. An den Sterbebetten von denen, die auf der Höhe ihrer Jahre dahingerafft werden. Das Zerbrechliche und das Verletzliche, das unser Leben ausmacht – all das sieht Jesaja sehr klar. Er sieht die, die auf den Großbaustellen der Metropolen schuften für einen Hungerlohn, sieht die Bauern in den Ländern des globalen Südens, für die kaum etwas zum Leben bleibt für das, was sie für andere – auch für uns – ernten. 
Er sieht das Ächzen der Erde und das Leid der von Krieg und Verfolgung Bedrohten. Ihre Spur nimmt kein Ende bis in unsere Tage. Es ist die Spur der mehr als 100 000 Armenier, die vor ziemlich genau einem Jahr ihre Heimat in Bergkarabach verloren haben durch den Einmarsch der aserbaidschanischen Streitkräfte.
Es ist die Spur von Tod und Leid und Gewalt, die auch ein Jahr nach dem Angriff der Hamas auf Israel immer noch im Libanon, in Gaza und in Westjordanland täglich so viele verwundet, traumatisiert und das Leben kostet.
In der letzten Woche wurde in Bethlehehm auch die Dar-al Kalima Universität durch israelische Soldaten beschossen. Sie ist als Bildungseinrichtung ein Ort der Hoffnung, den der evangelische Pfarrer Mitri Raheb gegründet hat und leitet. Wie viele andere Landeskirche unterstützt auch die badische Landeskirche diese Universität, um jungen Menschen im Westjordanland Bildung und Lebensperspektiven zu ermöglichen. 
 
Angesichts all dessen, worunter die Erde und der Himmel leiden verheißt Jesaja die neue Schöpfung, den neuen Himmel und die neue Erde. Das Wirken des Schöpfers ist noch nicht zu Ende. Er hat uns die Erde anvertraut, dass wir sie bebauen und bewahren. Es ist an uns, verantwortungsvoll und behutsam mit ihr umzugehen, mit den Möglichkeiten, die wir haben. Und mit aller Kraft. Und doch haben nicht wir die Welt in unseren Händen. 
Gaia, die Erde, dieser wunderbare blaue Planet, den wir heute aus dem Universum bestaunen können – sie liegt in Gottes Händen. Das macht sie besonders kostbar und unsere Verantwortung besonders groß. Aber wir müssen und wir werden diese Erde nicht retten – wir können sie allenfalls pfleglich behandeln. Damit wäre schon viel gewonnen. Sie ist zerbrechlich und gefährdet. Aber sie bleibt die Schöpfung Gottes, die eines Tages völlig neu werden wird. 
Aus der Verletzlichkeit wächst die Kraft dafür, dass das Neue wächst und wird – und vom Schöpfer selbst im Himmel und auf Erden neu geschaffen wird. Himmel und Erde werden neu. Bis das so ist bleibt es unsere Aufgabe, diesen blauen Planeten mit seinen Ozeanen und Wäldern, mit den Hügeln und den Wüsten so zu behandeln, dass er auch unseren Enkeln und den Enkeln der Menschen im globalen Süden ein Zuhause sein kann. 
 
Ein Zuhause geborgen im Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
Amen.