Ein Revolutionslied Gottes - Predigt im Berliner Dom, 22.12.2024

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
 
von allem Anfang an singen die Menschen und Engel, wenn sie Gottes Nähe spüren und erleben. Im Gesang liegt alles nebeneinander: das Jauchzen und Frohlocken und das Weinen und Klagen, wenn Gewalt und Tod ins Leben einbricht. Zu Advent und Weihnachten gehört besonders viel Singen. Bei manch einem von Ihnen wird eine Kurrende aus dem Erzgebirge auf der Fensterbank stehen und hier und da und jedenfalls im Gottesdienst künden die Adventslieder vom Kommen Gottes und von der nahen Weihnacht.
 
Noch bevor die himmlischen Heerscharen in der heiligen Nacht ihr „Ehre sei Gott“ singen, singt Maria ihren Lobgesang. Nachdem der Engel ihr ihre besondere Schwangerschaft angekündigt hat, macht Maria sich auf den Weg zu Elisabeth. 
 
Maria und Elisabeth sind zwei Frauen, die in einer Welt leben, in der ihre Stimmen wenig zählen. Sie sind „unbedeutend“, „klein“ und „ohne Macht“. Und doch tragen sie eine große Verheißung unter ihren Herzen. Die eine, blutjung, trägt das Kind, das der Erlöser sein wird; die andere, alt und lange hoffnungslos, trägt den Vorläufer dieses Erlösers im Bauch. 
 
Der Evangelist Lukas berichtet von ihrer Begegnung und von einem ganz besonderen Adventslied (Lukas 1, 39-56):
 
Maria machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. 
Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Ja, selig ist, die da geglaubt hat! Denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist von dem Herrn. 
Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.
Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim. Als sie einander begegnen, begreifen Elisabeth und Maria, dass ihre Schwangerschaften Teil von Gottes Heilshandeln für sie persönlich und für das Heil der Welt sind. Das hüpfende Kind im Bauch von Maria nach dem Gruß von Elisabeth macht es für sie spürbar.
 
Dann singt Maria ihr Lied, nach den lateinischen Anfangsworten als „Magnificat“ bekannt. 
Es ist ein Teppich aus Worten und Klängen, gespickt mit 16 Zitaten aus der Heiligen Schrift, so etwas wie der erste Poetry Slam der Geschichte. Maria singt ein Lied voller Hoffnung, voller Glaube, radikal und revolutionär. Ein Lied, das sich nicht in das Maß von Welt und Macht fügen will. Ein Lied, das die Welt auf den Kopf stellt.
 
Für Dietrich Bonhoeffer kommt in Marias Lied die Kraft und die Leidenschaft für den radikalen und fröhlichen Wechsel mit einem Gegenbild zu all unseren süßen und lieblichen Weihnachtsklischees in Worte und Töne. 
 
Er schrieb: „Das Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen, revolutionärste Adventslied, das je gesungen worden ist. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie manchmal auf Bildern dargestellt sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht. Nichts von den süßen, wehmütigen oder gar spielerischen Tönen mancher unserer Weihnachtslieder, sondern ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht. “
 
Maria singt in einer Zeit, die von Unrecht, Armut und politischer Unterdrückung geprägt ist. Sie ist Teil einer kleinen, unterdrückten Nation im Römischen Reich. In unseren Krippenspielen und Weihnachtsdarstellungen ist sie allzu oft die schweigsame und fragile Frau. Aber so klein ist sie nicht und so klein lässt sie sich nicht machen, sondern sie erhebt ihre Stimme zu einem Lied, das von Umkehr spricht: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern erfüllt und lässt die Reichen leer ausgehen.“
 
Maria singt von einer Welt, die auf den Kopf gestellt wird, weil Gott selbst eingreift. Nicht mit Macht und Gewalt, sondern durch die Geburt eines Kindes. Die Umkehr der Welt beginnt im Kleinen, im Unsichtbaren, im Verborgenen. Diese Umkehr der Verhältnisse ist die Hoffnung für alle, die sich danach sehen, befreit zu werden aus Armut und Unterdrückung. Die sich nach einem Ende des Schweigens sehnen, in das die kirchliche und gesellschaftliche Kultur sie allzu oft zwingt. Weil ihnen, die Demütigungen und sexualisierte Gewalt erlebt haben allzu lang nicht geglaubt wurde. Oder weil ihre Fragen danach, ob es nicht doch auch andere Wege zum Frieden geben müsste, vom Tisch gewischt werden. 
 
Die Umkehr aller Machtverhältnisse kommt auch in den Bräuchen der Fasnacht zum Ausdruck. Hier in Berlin eher nicht, aber in meiner badischen Heimat sehr wohl. Und gerade da hat das Magnificat eins eine Rolle gespielt. Im Mittelalter wurde dieses Lied beim Gottesdienst an der Fasnacht gesungen. An diesem Tag spielten die Knechte König und Herren. Sie erschienen in der Kirche mit Tiermasken und als Gaukler. Höhepunkt des Festes war der Lobgesang der Maria „Er stürzt die Mächtigen vom Thron.“ 
 
Welch eine Kraft entfaltet der Gedanke, dass in Marias Geschick eine gesellschaftliche Umwälzung begonnen hat, die in Gottes Reich einmal umfassend Wirklichkeit werden wird! Und umgekehrt: Wie sehr muss dieses Lied die Mächtigen dieser Erde zittern lassen! Der „revolutionäre Keim“ des „Magnificat“ soll schon den russischen Zaren in Schrecken versetzt haben. Das „Magnificat“ ist das Hoffnungslied für alle, die nach gleichberechtigter Teilhabe am Leben hungern und dürsten.
 
Der Umbruch und der Sturz der Mächtigen vom Thron, den Maria besingt ist aber nicht einfach das, was wir in so vielen Umbrüchen in der Weltgeschichte sehen – in diesen Tagen vor allem in Syrien. Gottes Verheißung ist nicht einfach, dass Unterdrücker und Unterdrückte die Plätze wechseln. Ich denke gerade mit Sorge an die christlichen Gemeinden und andere religiöse Minderheiten in Syrien und auch an die Frauen in der syrischen Gesellschaft, für die der Umsturz neue Unsicherheiten aufwirft. Der Diktator ist abgelöst – das ist ein Befreiungsschlag. Wohin das Land steuert, ist noch völlig unklar. 
 
Ganz anders ist der Umsturz, von dem Maria singt. Dass Gott die Erniedrigten erhöht, heißt, dass er sie an seiner Herrschaft beteiligt. Marias Lied ist nicht bestimmt von der Schadenfreude über die Entthronung der Machtbesessenen, sondern beseelt von der Freude darüber, dass die Gedemütigten aufrecht gehen lernen. 
Gott gibt den Machtlosen Anteil an seiner Herrschaft. Seine Kraft ist in der Schwachheit mächtig. Sie zeigt sich nicht im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten. 
 
Revolutionär ist das Lied von Maria, weil zu einer Widerstandsbewegung gegen die Hoffnungslosigkeit aufruft. Es ist das Lied, das gerade angesichts von Gewalt, Leid und Tod von der Hoffnung auf das andere und das neue Leben singt. Auch an diesem Wochenende mit dem Entsetzen über die Gewalt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt singen wir von der Hoffnung und davon, dass Gewalt und Tod nicht das Ende sind, sondern dass Gott in diese zerrissene Welt kommt. Wir singen mit einem Kloß im Hals, aber unüberhörbar. 
 
Maria erinnert uns daran, dass Gott gerade dort wirkt, wo wir es nicht erwarten. Nicht in den Palästen und den Büros derer, die alles für machbar halten, sondern in der Einfachheit einer jungen Frau. Nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe und Hingabe.
Wenn wir einstimmen in ihr Lied, dann beginnen wir, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Dann speisen wir die Hungrigen und besuchen die Einsamen, dann ziehen wir die Gewalttätigen zur Verantwortung und erheben unsere Stimme gegen alle menschenverachtenden Reden, die Menschen zu „Fällen“ macht. 
 
In diesen Wochen stellt sich mit dem Magnificat im Ohr die Frage besonders drängend: Wo ist dieser Gott, der die Mächtigen stürzt und die Schwachen erhebt? Wo ist dieser Gott, wenn sich Gewalt so unfassbar Bahn bricht wie am letzten Freitag? Wie können wir diesem Gott treu bleiben, wenn es so unaufhaltsam zu sein scheint, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden? 
 
In einer Zeit, in der autoritäre Tendenzen wachsen und Demokratie und Menschenrechte an so vielen Orten der Welt in Gefahr sind, müssen wir uns fragen, wie das Magnificat in unserem Leben, in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche und in der politischen Realität heute lebendig wird.
 
Mit dem Magnificat im Ohr und auf den Lippen können wir nicht anders als uns mit denen zu solidarisieren, die heute unterdrückt, verachtet oder übersehen werden – die Frauen in den Krisenregionen der Welt, die Geflüchteten an unseren Grenzen, die Menschen am Rand unserer Gesellschaft. 
 
Wenn Maria das Lied der Revolution singt, dann ist es nicht die Revolution der Gewalt, sondern die Revolution des Friedens. Es ist die Revolution, die in unseren Herzen beginnt, wenn wir uns von Gottes Gerechtigkeit und Liebe leiten lassen. 
 
Und wir stimmen ein und singen mit Maria. 
Wir stimmen ein auf den Grundton, der sich durch dieses Lied zieht. Es ist Gott, der die Niedrigen erhebt, nicht wir. In Jesus kommt er in diese Welt, um ihr sein revolutionäres Erbarmen zu erweisen. 
In Jesus kommt er, um sein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten. Das Reich, das im Kommen ist, ist nicht eine neue Staatsform nach Umbrüchen, sondern es gilt: „Dein Reich komme!“ 
 
Das „Magnificat“ ist ein Revolutionslied Gottes. Leidenschaftlich, wild und revolutionär. 
 
Singen wir mit Maria von Gottes Heil in unserer Zeit. Die Hoffnung, die sie getragen hat, trägt auch uns. Wir warten auf den Tag, der uns befreit. 
Wir ringen um die Hoffnung an diesem Wochenende, an dem die Verletzlichkeit des Lebens uns so sehr auf den Leib gerückt ist.
Singen wir mit Maria und angestiftet von ihr, dieser Frau, die in ihrer Armut zugleich Mutter unseres Glaubens an das Erbarmen Gottes ist. 
 
Singen wir – leidenschaftlich, wild und revolutionär – vom Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.