Schon wirklich hier - Predigt in der Stadtkirche Karlsruhe, 25.12.2024

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
 
Liebe Gemeinde, 
 
Wo? 
Wo ist der neugeborene König?  
 
Die Frage hallt durch die Kantate und durch die Stadtkirche heute morgen. 
 
Wo ist Gott? Die Frage hallt auch durch diese Tage am Ende des Jahres. 
Es ist die Frage der Weisen, die Wind bekommen haben davon, dass da ein ganz besonderes Kind geboren worden sei. 
 
Und es ist unsere Frage. Wo lässt sich das Heil finden – und wo Trost in diesen Tagen, in denen der Schrecken nach den grausamen drei Minuten am letzten Freitag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt noch in den Gliedern sitzt. 
 
Unser Fragen hängt nicht im luftleeren Raum. Über allem steht der Jubelgesang der Engel. Er hallt von den Feldern vor Bethlehem bis hier zu uns. Ehre sei dir Gott gesungen! 
Das ist der Grundton des 1. Weihnachtstags. Aus der Heiligen Nacht klingt es herüber auch an diesen Weihnachtsmorgen. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. 
 
Das, was an Weihnachten geschieht, ist eine Sache von kosmischer Bedeutung. Am Anfang, vor aller Zeit, war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns. Wir sahen seine Herrlichkeit. Vor aller Zeit und für alle Zeit ist diese Welt eine andere geworden, weil Gott ein anderer geworden ist. Ein Mensch, Fleisch wie wir – von einem Glanz, der alles überstrahlt. Die Geburt Christi verändert alles. Das ist die Hoffnung und die Verheißung von Weihnachten. 
 
Das ist aber nicht groß inszeniertes Welttheater auf den Bühnen der Festivals des Lebens. 
Das, was an Weihnachten geschieht, verändert etwas in uns. Es gießt einen hellen Schein in unsere Herzen. Durch die Brüche und Risse der Welt strahlt das Licht des Friedensbringers Jesus Christus, des Heilands der Welt. Gott ist Mensch geworden – und wir können endliche Menschen sein.
 
In die Frage der Weisen nach dem neugeborenen König streut Johann Sebastian Bach die Antwort von Maria: Sucht ihn in meiner Brust. Hier wohnt er, mir und ihm zur Lust. 
Das Licht des Sterns, das die Weisen aus dem Morgenland nach Bethlehem geführt hat, führt sie und uns zum Licht der Welt. Mein Heiland, du, du bist das Licht. Das alles ist geschehen, damit allen Menschen Heil und Leben gebracht wird und dass die Welt eine andere wird. 
Dein Glanz all‘ Finsternis verzehrt, die trübe Nacht in Licht verkehrt., so heißt es im Choral. Alle Dunkelheit verzehrt und verschlungen, aus der trüben Nacht wird hell strahlendes Licht. Die Zusage und die Botschaft sind klar: Jesus Christus, das Licht und der Heiland der Welt, Gott als Mensch geboren in der zugigen und armseligen Krippe – macht dieses Licht hell und gibt ihr Hoffnung über das hinaus, was wir sehen können und zu hoffen wagen.  Die Botschaft ist klar - und doch geht das nicht so ohne weiteres ins Herz. 
 
Zu viel trübe Nacht ist noch zu sehen. In den Familien der 200 Menschen, die in Magdeburg jäh aus dem Weihnachtsmarktbummel gerissen wurden, verletzt und getötet.
In den Seelen der Rettungskräfte, die die Bilder nicht loswerden von den todesängstlichen Menschen.
Zu viel trübe Nacht in der Gegend, in der Jesus geboren wurde. Auch in diesem Jahr ist das Weihnachtsfest in Bethlehem stiller als sonst. Immer noch Krieg, Bedrohung und so viel Töten in Gaza, im Libanon. So viel Angst und Zukunftssorgen im Westjordanland, in Syrien und im Sudan.
Zu viel trübe Nacht in den Seelen der Menschen, die in diesen Tagen einen Menschen zu Grabe tragen müssen, die mit dem Tod ringen und ihre Beziehung in die Brüche gehen sehen. 
Zu viel trübe Nacht bei denen, die mit Sorgen ins neue Jahr gehen.
Zu viel trübe Nacht in den Herzen von den Menschen, die gerade in diesen stillen Tagen einsam sind, die den Schmerz von alten Wunden auch nach Jahren noch spüren. 
So viel trübe Nacht.
 
Johann Sebastian Bach komponiert dieses Nebeneinander von hell strahlendem Weihnachts- und Engelsjubel und das Seufzen von so vielen Menschen kunstvoll zusammen. Und genau so trifft er die Bewegung von Weihnachten. 
In der Bass-Arie haben wir die innige Bitte gehört – die Bitte darum, dass auch meine „finstren Sinne“ und „mein Herz“ durch das helle Strahlen erleuchtet werden. Die Bitte darum, dass Jesus auch in mein Herz einzieht – die bleibt auch an Weihnachten. 
 
Das, was in Bethlehem vor so langer Zeit geschah, stellt die Welt auf den Kopf, weil Gott selbst eingreift – durch die Geburt eines Kindes. 
 
Die Umkehr der Welt beginnt im Kleinen, im Unsichtbaren, im Verborgenen. Diese Umkehr der Verhältnisse ist die Hoffnung für alle, die sich danach sehen, befreit zu werden aus Armut und Unterdrückung. Die sich nach einem Ende des Schweigens sehnen, in das die kirchliche und gesellschaftliche Kultur sie allzu oft zwingt. Weil ihnen, die Demütigungen und sexualisierte Gewalt erlebt haben allzu lang nicht geglaubt wurde. Oder weil die Fragen derer, die an der Hoffnung auf Frieden festhalten, und die fragen, ob es nicht doch auch andere Wege zum Frieden geben müsste, vom Tisch gewischt werden. 
 
Dass Gott Mensch wird, das hat subversive Kraft und stellt alle die in Frage, die allein ihrer Größe, Autorität und ihrem Machtapparat vertrauen. Schon Herodes ist erschrocken, als er die Nachricht von der Geburt dieses Kindes hörte. Und Jahrhunderte später soll der russische Zar durch den revolutionären Klang in Marias Lobgesang und der Hoffnung auf den Gott, dessen Kraft in der Schwachheit liegt, in Erschrecken gesetzt worden sein. Der König Herodes zur Zeit der Geburt Jesu setzt alle Hebel in Bewegung, die ihm in seinem Apparat zur Verfügung stehen – und erfährt, dass ausgerechnet in der kleinen Stadt in Bethlehem der Heiland der Welt geboren worden sei. 
 
Die Potentaten der Welt zittern vor denen, die unbeirrt das Strahlen der Hoffnung im Herzen haben. Darauf setzen die Geheimdienste und die Einschüchterungen in den Dikaturen bis heute. Eine starke Gesellschaft lebt davon, dass die Hoffnung strahlen darf und dass sie in den Kleinen und in jedem und jeder strahlt. 
Mit dem Licht von Weihnachten im Herzen verbietet es sich, auf dem Rücken von Menschen, die Hilfe und einen sicheren Ort suchen, polarisierenden Wahlkampf zu machen. Es verbietet sich, das dramatische Schicksal von Familien, die um ihre Lieben trauern in reißerische Berichterstattung zu verarbeiten. In der Krippe liegt der verletzliche und menschgewordene Gott – das muss unsere Herzen und Sinne schärfen für die verletzliche Menschlichkeit um uns herum. 
 
Alles noch offene Sehnen nach Trost und Hoffnung und die weihnachtliche Botschaft kommen zusammen im Terzett, das wir im zweiten Teil der Kantate hören werden. Da seufzen die Stimmen aus tiefster Seele: 
„Ach, wann wird die Zeit erscheinen? Ach, wann kömmt der Trost der Seinen?“ 
 
Immer wieder schwingt sich das Seufzen auf. Das Seufzen beim Blick auf das, was noch offen ist, verletzt und unversöhnt im Großen wie im Kleinen. Das Seufzen, das nicht weiß, ob Resignation oder Durchhalten angesagt sind. 
 
Maria fällt dem Seufzen ins Wort: „Schweigt, er ist schon wirklich hier!“ 
 
Er ist schon wirklich hier!
 
Hier in den Rissen und Trümmern der Welt.
Hier in den einsamen Wohnzimmern und an den festlich geschmückten Familientafeln.
Hier in der Weihnachtsseligkeit und hier im weihnachtlichen Familienstreit.
Er ist schon wirklich hier!
Hier in unserem Seufzen und Fragen.
Hier in allem Ringen um den Frieden.
Hier in allen Wunden und Verletzungen.
 
Lassen wir uns das zu Herzen gehen. 
Dort, dort wohnt er längst.
 
Die Herzensstube ist die Weihnachtsstube. Ob es hüpft vor Freude oder Herzschmerz hat. 
Ob es gebrochen ist oder kaum zu halten vor Freude. 
Ob es stolpert vor Atemlosigkeit oder in ruhigen Schlägen dem Leben seinen Takt gibt. 
 
Christus ist geboren. Die Welt ist nicht länger verloren. 
 
Über ihr strahlt und klingt der Jubelgesang der Engel vom Frieden auf Erden. 
Dem Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft.
Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
Amen.