Predigt im Kantatengottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe, 09.02.2025

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
in welcher Sprache auch immer Sie zu Hause sind, welche Worte auch immer Ihnen heute auf der Seele liegen und auf welche Mauern und Trümmer Sie schauen – es gibt eine gemeinsame Melodie der Hoffnung, die uns trägt. 
 
Das habe ich vor einer Woche in der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg in Jerusalem erlebt. Ich habe dort zusammen mit den Christinnen und Christen der evangelischen Kirche in Palästina Gottesdienst gefeiert. 
Die Lieder haben wir gemeinsam gesungen – mit einer Melodie, aber auf arabisch, englisch und deutsch, so wie uns die Worte von Lob und Dank eben über die Lippen kamen. Die Melodien tragen über die Mauern und über die Zerrissenheit hinweg. 
Lob und Dank auch in schweren Zeiten. Lob und Dank auch in einer Situation, in der Stadt und Land nicht von Krieg und Gewalt verschont bleiben. Lob und Dank auch jetzt, wo sie sich und uns manchmal fragen: Habt ihr uns vergessen?
 
Nur eines, eines bitten sie von Gott und von der Welt – die Kinder in der 6. Klasse in Talitha Kumi bei Bethlehem, die Überlebende aus dem Kibbuz kurz vor dem Gaza-Streifen, die Pfarrer, die über alle Checkpoints hinweg versuchen, ihre Gemeinden in Ramallah und Beit Sahour, in Bethlehem und Amman zu erreichen. Nur eines: seht uns und hört uns. Vergesst uns nicht. Ihr nicht dort im Rest der Welt – und du nicht, Gott. Dass Jesus, Trost und Heil, der Seelen bestes Teil, sie auch in diesen Zeiten mit seinem Schutz umfasse.
 
Noch ist das Jahr jung und die Sehnsucht nach Frieden und Zukunft groß. Hier bei uns im immer heißer werdenden Wahlkampf, dort in der trotz Waffenruhe immer schwieriger werdenden Situation im Westjordanland. 
 
In diesen Anfangswochen des Jahres singt uns Johann Sebastian Bach die alte Aufforderung des 98. Psalms in seiner Kantate eindrücklich ins Herz: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“
Wie kann das gehen, am Anfang dieses Jahres ein neues Lied zu singen?
Ein neues Lied von Hoffnung gegen das Geschrei derer, die auf Hass und Spaltung setzen.
Ein neues Lied von Frieden gegen die Töne der Angst im Seufzen und in den versiegenden Worten im Heiligen Land. 
Ein neues Lied der Liebe gegen die Brüche und die Lieblosigkeit, die sich in Freundschafts- und Familienbeziehungen breit machen. 
 
Singet dem Herrn ein neues Lied! 
Kann man einfach so ein neues Lied anstimmen, wenn die Last des Vergangenen und die Sorgen beim Blick auf das Kommende auf den Schultern liegen?
 
Am Neujahrstag vor 301 Jahren ist die Kantate von Johann Sebastian Bach das erste Mal erklungen. Von der ursprünglichen Partitur sind nur Fragmente überliefert. Vor allem im Eingangschor wurden sie klug ergänzt und rekonstruiert. Aus den Bruchstücken und zerfledderten Teilen des Eingangschors ist etwas wunderbar Neues entstanden. Schon das ist ein eigener Hoffnungsbogen. 
 
Die Melodie gibt der inständigen Bitte um Schutz und Bewahrung Raum. Die Fragmente unseres Lebens – die unerfüllten Sehnsüchte und das Glück mit seinen Schrammen und Brüchen, die Brüchigkeit der politischen Kultur und die Zerbrechlichkeit des Friedens – das alles braucht die heilsame Kraft des Segens Gottes. 
 
Wir brauchen es, dass Jesus uns auch in diesem Jahr nicht aus seinen bergenden Armen lässt und mit seinem Schutz umfasst. Wenn sich die Töne von Gottes Segen über unsere Brüche legen, dann jubeln die Trompeten und die Pauken, dann klingt auch das Fragmentarische festlich. Dann richtet uns der Blick auf die Wunden Jesu neu aus auf Hoffnung und Zukunft und auf ein neues Lied. 
 
Wenige Wochen nach der Uraufführung unserer Kantate erklang in Leipzig noch ein anderes neues Lied. Am Karfreitag 1724 erklang das erste Mal die Johannes-Passion in der Nikolaikirche. Auch sie endet mit der Sehnsucht danach, dass wir alle einst im Schoß Abrahams sicher geborgen sein mögen. Ach, Herr, lass dein lieb Engelein am letzten End‘ die Seele mein in Abrahams Schoß tragen.
Es war ein musikalisch besonderes Jahr, das mit dem festlichen Anheben zu einem neuen Lied in Leipzig 1724 begann. 
 
Besonders der Eröffnungschor „Singet dem Herrn ein neues Lied“ erinnert daran, dass mit jedem neuen Jahr nicht nur ein Wechsel im Kalender verbunden ist, sondern dass jedes neue Jahr auch ein neues Luftholen für die Hoffnung ist. Das war vor 301 Jahren so und es ist auch in diesem Jahr so. 
 
Singt dem Herrn ein neues Lied! Das ist mehr als eine musikalische Empfehlung. Die Aufforderung beschreibt eine Haltung, ja, ein geistliches Programm. Denn wer singt, der findet Worte für das, was noch nicht sichtbar ist. 
Ein neues Lied zu singen bedeutet, das Vertrauen zu wagen, dass Gott Zukunft schenkt, auch wenn die Gegenwart von Sorgen geprägt ist. 
 
In diesen Wochen am Anfang des Jahres frage ich mich noch mehr als sonst: Wo ist in unserem Leben Raum für das neue Lied? Welche neuen Töne klingen in unserem Glauben, unserem Miteinander, unserer Welt? 
Mit den Schülerinnen und Schülern im Westjordanland habe ich vor einer Woche darüber nachgedacht, was ihnen in diesen Zeiten Hoffnung gibt. „Wir wünschen uns Freiheit, damit wir hier gut leben können.“ Sie wünschen sich Aufatmen und Bewegungsfreiheit, einen Weg heraus aus der täglichen Unsicherheit, wie es werden wird und gehen kann. Es hat mich berührt, als sie aus voller Kehle gesungen haben: „Tragt in die Welt nun ein Licht … tragt zu den Kindern in Gaza ein Licht … sagt allen: fürchtet euch nicht!“
 
Ein neues Lied zu singen, das bedeutet auch, auf Gottes Gegenwart zu vertrauen, selbst wenn die Wellen hochschlagen. In der Lesung haben wir von solchen hohen Wellen gehört und davon, wie Jesus den Sturm stillt. 
Auf dem See Genezareth können die Winde stürmisch sein, wenn sie von den Golanhöhen herunterwehen. Jesus schläft friedlich auf dem Boot, als ein lebensbedrohlicher Sturm losbricht. In die Angst, dass das Boot sinken könnte, mischt sich die Sorge, dass Jesus sich nicht um die Bedrohung kümmert. „Fragst du nicht danach, dass wir umkommen?“ Fragst du nicht danach, Jesus, dass so viel Verzweiflung sich breit macht? Fragst du nicht danach, dass Kinder um ihre Zukunft beraubt werden? 
Fragst du nicht danach, dass ich den Halt verliere?
 
Jesus schläft. Inmitten des Sturms und auf dem bedrohlich schwankenden See. Von allein wird er nicht wach. Sie rütteln ihn auf. Mit den Händen und mit ihrem Flehen. Mit den Gebeten und mit dem, was sie mit offenen Augen an Bedrohung sehen. 
Und er? Steht auf. Mit wenigen Worten, mit einem göttlichen Schöpferwort rettet er das Leben und schafft Raum für neues Leben. „Schweig! Verstumme!“ ruft er den bedrohlichen Stürmen entgegen. Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Erst danach weist er sie zurecht. Was seid ihr so furchtsam? 
 
Jesus beschwichtigt die Seinen nicht, wenn Tod und Stürme drohen. In den Stürmen des Lebens sind wir auf Gottes Bewahrung angewiesen. Wenn alles schwankt und nicht klar ist, ob es gut ausgeht. Das Schreien und das Rütteln an Gottes Schultern hat sein Recht. Jesus soll mein alles sein. – das werden wir gleich im Duett von Tenor und Bass hören. Jesus soll mein Alles sein. Das ist es, was die Jünger auf dem Boot in den Stürmen lernen. 
Gerade inmitten der Stürme des Lebens verlässt Gott uns nicht. Das ist die Zusage am Anfang des Jahres. 
Die Kantate mit ihrem jubelnden Lobpreis ist kein naiver Gesang, sondern ein mutiges Glaubenszeugnis – so wie das Vertrauen der Jünger, die erleben, dass Jesus der Herr über Wind und Wellen ist. 
 
Auch in den Stürmen unserer Zeit – in den politischen Unsicherheiten, den Konflikten im Westjordanland und den gesellschaftlichen Spaltungen – setze ich darauf, dass Gottes Frieden nicht ins Leere läuft, dass wir uns von Gottes Frieden umfangen lassen können und ihm vertrauen.
Wenn wir Gott ein neues Lied singen, dann tun wir das nicht, weil alles gut ist, sondern weil wir glauben, dass Gott es gut machen kann. 
Wir singen nicht, weil wir alles im Griff haben, sondern weil wir uns an Gott festhalten. Unser Gesang ist keine Vertröstung, sondern ein Widerstand gegen die Hoffnungslosigkeit.
Gerade in diesen Wochen braucht es dieses neue Lied. 
Das neue Lied des Glaubens hebt uns aus der Resignation und ermutigt uns dazu, Zeichen der Hoffnung zu setzen. Die Kinder im Westjordanland hatten am Morgen des Schultags Blumen gepflückt im Schulgarten. Ich habe sie in meinem Tagebuch mit nach Hause genommen. Blühende Hoffnungszeichen, dass der Friede siegt – irgendwann und dass Gerechtigkeit einkehrt.
 
Die Aufforderung aus Psalm 98 ist kein frommer Wunsch, sondern eine Ermutigung: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ 
Nicht weil wir sicher wären, sondern weil Gott unsere Sicherheit ist. 
Nicht weil wir schon alles verstanden hätten, sondern weil Gott uns entgegenkommt. 
Nicht weil wir die Zukunft kennen, sondern weil Gott sie und uns in seinen Händen hält.
Unter seinem Frieden gehe ich getrost in dieses Jahr – dem Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen