Predigt im Abschlussgottesdienst der Bezirksvisitation, Christuskirche Heidelberg, 30.03.2025

 
Liebe Gemeinde,
 
Man nehme:
Ein Quentchen Zeit,
Ein Stückchen Muße,
Ein bisschen Welt,
Ein kleines Ruhekissen,
Ein Buch, das nicht zu schwer,
Ein Lied, das unaufdringlich,
Und ein paar Bissen Brot,
(Mit Butter, doch nicht Pflicht.)
Dann mische man behutsam
Ein Lächeln drunter,
Und auch ein wenig Sonnenschein,
Und fertig ist das kleine Glück.
 
Dieses Gedicht Mascha Kalékos trägt den Titel „Rezept“. Ein Rezept für das kleine Glück, das es – wenn man den Comedian Harmonists glaubt – irgendwo auf der Welt gibt. Irgendwo auf der Welt – und genau da fängt der Weg zum Himmel an. 
Ob kleines Glück, große Visionen, ob alltägliches Leben oder große Bögen und Blicke in die Zukunft – immer braucht es Brot. Ein paar Bissen, sagt die Dichterin. Wenn’s nach ihr geht mit Butter, aber das muss nicht sein. 
Rezepte haben wir nicht geschrieben in den letzten Tagen beim Besuch der Visitationskommission im Kirchenbezirk Heidelberg. Aber wir haben viel gehört und erlebt davon, was es braucht damit der Weg der Kirche in Heidelberg ein guter ist. Mehr als ein Quentchen Zeit gehört bestimmt dazu, Muße dann und wann auch. Welt – mehr als ein bisschen und Lieder sowieso. Vor allem aber: Brot!
 
Wir leben von weit mehr als dem täglich Brot – im persönlichen Leben und als Kirche erst recht.  Wir haben es in den letzten Tagen geteilt: das Schwarzbrot der Konzepte und Rechtsverordnungen, den Hefezopf der vielen kreativen und leichten Ideen, das nachhaltige Vollkornbrot von verlässlichen Strukturen und Visionen, die in kleinen Schritten Wirklichkeit werden – und hier und da natürlich die obligatorischen Butterbrezeln. 
Das eigentliche Brot des Lebens lässt sich aber nicht backen. Das, was uns nährt, unsere Hoffnung und unsere Kirche, ist nicht Sache unserer Planungen und Strategieworkshops. Das, was Glauben, Hoffnung und Liebe nährt, wird uns geschenkt – vom Himmel. 

Im Johannes-Evangelium heißt es (Joh 6,47-51):
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. 
Ich bin das Brot des Lebens.
 Eure Väter haben das Manna in der Wüste gegessen und sind gestorben. 
Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht stirbt. 
Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.“ 

Brot ist kostbar, ein paar Bissen sind das Grundlegendste, was wir zum Leben brauchen. Es ist kein Luxusgut und nichts Außergewöhnliches, aber es stillt den Hunger und gibt uns Kraft.  
 
Brot und Salz – mehr braucht es nicht. Vielleicht haben Sie es auch schon einmal erlebt, dass Ihnen nach dem Einzug in eine neue Wohnung Brot und Salz geschenkt wurden. Brot als Symbol für das, was sättigt und Leben schenkt, Salz als Zeichen für Würze, Bewahrung und Beständigkeit. In manchen Gemeinden gibt es das als Willkommensgruß an die Menschen, die neu zur Gemeinde dazugekommen sind. Und in der Heidelberger Diakoniestraße findet sich unter dem Türschild „Brot und Salz“ der Ort, an dem Menschen das Lebensnotwendige erstehen können.
 
Das Brot des Lebens ist Jesus selbst. Wo er uns satt macht, wo wir aus seiner Liebe leben, da können wir gar nicht anders als Menschen mit offenen Herzen zu empfangen – sie willkommen zu heißen in unseren Kirchen, in unseren Gemeinschaften, in unseren Leben. 
Es hat mich sehr nachdenklich gemacht, als uns der Seelsorger im PHV davon erzählte, wie viele Geflüchtete kaum eine Chance haben, in einer christlichen Gemeinde bei uns Fuß zu fassen. Das ist besonders schlimm für die, die zum Christentum konvertiert sind, die hierher gekommen sind in der Erwartung in ein christliches Land zu kommen – und dann gerade in christlichen Gemeinden keinen Fuß in die Tür bekommen. Weil niemand auf sie zugeht. Weil sie eher beäugt als willkommen geheißen werden. Gastliche Kirche müssen wir an vielen Stellen erst noch werden. Dabei geht es um äußere und vor allem um innere Gastfreundschaft. Dann ertragen wir Menschen nicht nur, sondern empfangen sie wirklich. 
Mit einer Haltung von innerer Gastfreundschaft begegnen wir Menschen nicht nur oberflächlich, sondern öffnen uns für sie – mit ihrer Geschichte, ihren Fragen, ihren Hoffnungen. So sind wir als Kirche nicht geschlossene Gesellschaft, sondern ein Tisch, an dem immer Platz für einen Gast ist. Jesus hat das vorgelebt. Er hat Menschen nicht nur aufgenommen, sondern ihnen Würde geschenkt. Er hat sich an einen Tisch gesetzt mit denen, die andere gemieden haben. Er hat Gemeinschaft gestiftet, indem er sich selbst zum Brot gemacht hat.  
 
Wenn Jesus sagt: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist“, dann bedeutet das auch: Wo wir aus diesem Brot leben, da sollen auch wir einladend, nährend, stärkend sein – für die Menschen um uns herum.  
Aber Jesus spricht hier nicht nur von unserem Leben im Hier und Jetzt. Sein Wort reicht weiter. „Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.“ 
Das ist eine gewaltige Zusage. Wir Menschen sind begrenzt. Alles, was wir kennen, hat ein Ende. Wir wissen um Krankheit, um Abschiede, um das Vergängliche in unserem Leben. Wir sehen die Bilder von dem Erdbeben in Myanmar und verstehen wieder neu, dass von einem Moment auf den anderen alles anders oder sogar vorbei sein kann. 
 
Mit und in allen Grenzen in denen wir leben, verheißt Jesus das ewige Leben. 
Das beginnt nicht erst irgendwann, nicht erst jenseits der Grenze unseres Lebens hier und jetzt. Das ewige Leben schmecken wir schon heute. Es beginnt, wo wir aus der Hoffnung leben, dass Gott unser Ziel ist. Wo wir uns von der Illusion verabschieden, dass es nur in unserer Hand läge, die gute Zukunft zu schaffen. Das ewige Leben befreit uns dazu, endliche Menschen zu sein. 
Was bedeutet das für uns als Kirche heute? Hier in Heidelberg, in unserer Landeskirche und in der Kirche Jesu Christi im weltweiten Horizont?
Ich glaube: Gerade jetzt ist die Zeit, in der wir neu entdecken können, was Kirche wirklich ist. 
 
Nicht nur Gebäude, nicht nur Strukturen, nicht nur Traditionen. Die Kirche ist die Gemeinschaft, die von dem Brot lebt, das Jesus gibt. Eine Kirche, die sich nicht um sich selbst dreht, sondern sich teilt – wie Brot, das hingegeben wird, damit andere satt werden.  Die Kirche der Zukunft ist eine Kirche, die Hoffnung teilt. Eine Kirche, die nicht auf ihren Mangel schaut, sondern auf das, was sie empfangen hat. 
Eine Kirche, die Räume schafft und längst schon bietet für Menschen, die suchen und die um gute Wege in die Zukunft ringen.   
 
So wird mitten unter uns erfahrbar, was Jesus versprochen hat: Das Brot, das er gibt, trägt und nährt uns – heute, morgen und bis in Gottes Ewigkeit.  
„Das Brot des Lebens ist nicht nur das Brot für heute, sondern das Brot der kommenden Welt. Wer von ihm isst, lebt aus der Zukunft Gottes.“ (Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, 1964)
Das könnte auch ein Rezept sein. 
 
Oder jedenfalls der Blick für den Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.