Flammendes Herz

Gedanken zum Ostermontag 2025 von Landesbischöfin Heike Springhart

Vor kurzem habe ich meinen 50. Geburtstag gefeiert. So richtig groß. Und ich habe dazu Menschen eingeladen, die mich in meinem Leben begleitet haben. Manche von Anfang an; andere nur kurz. Ein paar Studienfreunde hatte ich bestimmt seit 25 Jahren nicht mehr gesehen.  Wie das wohl sein würde, sich nach so langer Zeit wiederzusehen? Ob wir uns überhaupt noch erkennen würden? Uns noch sympathisch sein? Aber alle Befürchtungen haben sich schließlich als unbegründet erwiesen: Denn vom ersten Moment an war da wieder diese Vertrautheit, die uns einmal verbunden hat. Als wäre gar keine Zeit  vergangen, war das Gefühl von damals wieder da, als wir zusammen in der WG-Küche gesessen und nächtelang geredet hatten. Sogar die alten Sprüche kamen uns sofort wieder über die Lippen.  
 
Von diesem Fest und seinen zahlreichen Begegnungen zehre ich noch heute. Und mich beschäftigt die Frage:  Was ist es eigentlich, woran ich einen Menschen erkenne? Und was bleibt über all die Jahre unverändert? Was bleibt mir von Menschen, die inzwischen gestorben sind? Auch sie waren auf meinem Geburtstag plötzlich wieder sehr präsent. Bei den Menschen, die auf meinem Lebensweg prägend waren, finde ich bei jedem und jeder so etwas Unverwechselbares. Es sind oft kleine Dinge: Diese typische Art, sich das Haar in den Nacken zu werfen, die kleinen Gluckser in der Sprechmelodie, wenn sie sich freut, die selbstbewusste Art zu gehen, die ich auch von hinten im Dunkeln erkennen würde.  Und natürlich sind es auch die großen Sachen: Alles, was wir zusammen erlebt und erlitten haben – geteilter Schmerz schweißt ja oft mehr zusammen als ein gemeinsam verbrachter Sommerurlaub.  An all diesen Dingen erkenne ich sie wieder: Die Menschen, die mir etwas bedeuten. Was alle diese Momente verbindet:  Da pocht mein Herz lauter als sonst. Ich könnte auch sagen: Es brennt.  Ich bin dann tief berührt, bewegt und angefasst. Meistens fühlt sich das sehr gut an, manchmal tut es aber auch weh, so ein brennendes Herz. Erst später verstehe ich das auch mit dem Kopf. Erst nach meiner Geburtstagsfeier habe ich so richtig kapiert, was für ein großer  Schatz dieses Netz von vertrauten Menschen ist – egal, ob ich sie schon ganz lang kenne oder erst seit kurzem, ob sie zu meiner Familie gehören oder Freundinnen, Freunde, Leidensgenossen oder Weggefährtinnen sind. Sie setzen mein Herz in Brand.  
 
In der Bibel wird erzählt, wie die Jünger den auferstandenen Jesus an genauso einer kleinen Geste wiedererkennen. Zwei von ihnen haben früh am Ostermontag einen Spaziergang nach Emmaus gemacht, einem beliebten Ausflugsziel. Sie wollten einfach nur weg aus Jerusalem. Dort hat sie alles an den Tod von Jesus erinnert. Erst drei Tage zuvor war er nach einem fürchterlichen Schauprozess zum Tod durch Kreuzigung verurteilt worden. Niemand konnte es aufhalten. Er musste elend sterben. Sie hatten es nicht mit ansehen können.  Nun waren alle ihre Hoffnungen auf eine neue Welt zerbrochen. Sie können es nicht fassen und sind traurig mit gesenktem Kopf unterwegs. Plötzlich gesellt sich ein Fremder zu ihnen.  Er hat keine Ahnung davon, was in den letzten Tagen ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Sie erzählen ihm alles. Das tut gut. Denn auch wenn sie ihn nicht kennen, spüren sie, dass das einer ist, der ihnen aufmerksam zuhört. Und als er endlich auch selbst das Wort ergreift, erweist er sich als bibelkundiger und kluger Gesprächspartner. Sie merken gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Plötzlich sind sie da, in Emmaus. Und sie wollen die neue Bekanntschaft noch nicht gehen lassen. „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“, sagen sie. Der Fremde nimmt die Einladung an. Sie setzen sich zum Essen hin. Nach der langen Wanderung haben sie ordentlich Hunger. Brot und Wein kommen auf den Tisch. Der Fremde nimmt das Brot aus dem Korb und bricht es in Stücke. Und da fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Diese Geste kennen sie. Das ist doch … Jesus? Ihnen stockt der Atem. Im Nachhinein merken sie: schon auf dem Weg hat uns das Herz gebrannt, als er mit uns geredet hat. Und jetzt brennt ihnen das Herz erst recht. Und sie begreifen alles auf einmal: Jesus ist gar nicht tot. Er lebt. Aber anders als vorher. Sonst hätten sie ihn doch gleich erkannt. Und nicht erst, als er das Brot brach. In dem Moment war es da:  Das, was das Herz brennen lässt. Seine ganz eigene Art zu sprechen und zu denken – und das, was die Gemeinschaft mit ihm ausgemacht hat. 
 
Und auch ich beginne zu verstehen: Gott hat dem Tod an Ostern die Stirn geboten. Der Tod ist nicht das Ende, sondern es wird neues Leben und Auferstehung geben. Diesen Neuanfang und das neue Leben erkenne ich erst im Nachhinein. Wenn ich merke: hier hat mein Herz gebrannt.
 
 
Erstausstrahlung des Radiobeitrags in der Reihe  "Feiertagsgedanken" am Montag, 21.04.2025.