Ansprache im Ordinationsgottesdienst in Ettlingen, 21.09.2025
„So hoch der Himmel über der Erde ist“
Liebe Ordinandinnen und Ordinanden, liebe Gemeinde,
vor einiger Zeit haben Sie sich mit einer überschaubaren Liste von möglichen Orten
beschäftigt, an denen Sie die nächsten Schritte gehen können. Sie haben sich ausge-
tauscht, abgewogen und gegoogelt. Schließlich haben Sie alle einen gefunden und
manchmal hat vielleicht auch der Ort Sie gefunden. Für die einen hieß es, weit umzuziehen, für die anderen eine andere Ecke der Stadt entdecken. Egal, wie weit die Wege sind, über die Sie ihre Umzugskisten getragen haben – Sie alle sind an einen neuen Ort gekommen. Trotz aller Überlegungen und dem ein oder anderen informierenden Telefonat ist das eine Black Box oder jedenfalls manches davon. Die Zufälligkeiten des Lebens und der Stellenmöglichkeiten haben ihr Übriges dazu getan.
Und wie haben Sie geträumt in den letzten Wochen? Haben sich die Vorexa-
mensalpträume zu Träumen über Abschiede und neue Schritte gewandelt? Haben
sich alte Bilder mit Phantasien über das, was Sie erwartet gemischt? Irgendwie ha-
ben Träume immer mit der Zukunft zu tun. Wenn sich im Schlaf die tiefe Weisheit
meldet – oder auch die beunruhigenden Befürchtungen um sich greifen und in ver-
rückte oder sehr konkrete Bilder werden.
Auf dem Weg vom Studium über das Vikariat und nach der ein oder anderen
Schleife auf diesem Weg lassen Sie sich jetzt nieder. Ein entscheidender Moment.
Und ein Einschnitt mit einem in die Zukunft gerichteten Auftrag und Segen. Das ist
die Ordination. Von einem entscheidenden Moment auf einem Weg mit vielen Zufälligkeiten – und
von einem Traum wird im 1. Buch Mose berichtet, im 28. Kapitel. Auch Jakob ist auf
dem Weg. Und das hier passiert ihm (Gen 28, 10-19a):
Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an
eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen.
Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte
sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden,
die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran
auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nach-
kommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du
sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch
dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder
herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er:
Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!
Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes
als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten
gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und
nannte die Stätte Bethel.
Jakobs Traum von der Himmelsleiter ist die erste Traumgeschichte, die die Bibel er-
zählt. Er ist nicht der Einzige der träumt. Sein Sohn Josef sieht in Träumen gute und
schlechte Zeiten aufziehen, der Pharao zur Zeit Josefs lässt sich von ihm die Träume
deuten, Salomo träumt in Gibeon, dass Gott ihm erscheint und auch das Geschick
Jesu hat viel mit Träumen zu tun. Josef hört im Traum Gottes Ruf, dass er Maria zu
seiner Frau nehmen soll, die Weisen aus dem Morgenland werden im Traum ge-
warnt, nicht zu Herodes zurückzukehren und ohne den Traum des Apostels Paulus,
in dem ihn ein Mann aus Mazedonien bittet, nach Europa zu kommen, säßen wir
wohl alle nicht hier in dieser Kirche als Christinnen und Christen.
Ohne Träumer und Träumerinnen gibt es die Kirche nicht.
Der Traum Jakobs von der endlos langen Leiter zwischen Himmel und Erde findet
sich auch in einem der Deckengemälde in St. Peter, wo Sie sich auf die Ordination
vorbereitet haben. Das Bild ist auf dem Liedblatt abgedruckt.
Wenn ich es mir anschaue höre ich den eindringlich vorgebrachten Satz meines Heb-
räisch-Lehrers Hans-Peter Stähli im Ohr. Immer wieder hat er uns mit funkelnden
Augen ins Stammbuch geschrieben: „Engel – das ist nicht dieses himmlische Gefie-
der.“ Und zu dieser Stelle hier: „Die Engel steigen hinauf und hinunter. Das ist keine
Einbahnstraße. Das ist himmlischer Gegenverkehr.“ Recht hat er.
Auch wenn die in den Himmel steigenden Engel und vielleicht – wenn man sich den
Totenkopf auf dem Bild ansieht – die Seelen auch ein Sehnsuchtsbild sind. Aber sie
sind nur ein Teil der Geschichte.
Es geht um die Bewegung zwischen Himmel und Erde, die nicht aufhört und um die
Engel als Boten, die meinen Blick genau dorthin lenken. Ganz oben an der Leiter
steht Gott und streckt die Hände aus. Und er macht Jakob und allen, die nach ihm
kommen seine Zusage. Die Boten unterwegs helfen, dass die Bewegung zwischen
Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch nicht aufhört.
Sie sind als Pfarrerinnen und Pfarrer keine Engel. Aber Sie können dazu beitragen,
dass der Glaube lebendig bleibt – ihr eigener und der Menschen, denen Sie Ihr Ohr
in der Seelsorge schenken, die Hoffnung des Evangeliums in der Predigt verkündigen
und gemeinsam mit allen, die mit Ihnen glauben, lieben und hoffen die Fülle Gottes
feiern. Jakobs Traum hat viel mit meinem Traum für die Kirche zu tun. Er lenkt den Blick auf
die Bewegung, die nicht undefinierbar waberndes Mäandern ist, sondern die eine
Orientierung hat. Gott spricht seine Zusage und hält die Leiter fest. Ohne ihn würde
sie ins Leere fallen, ohne Gottes Halt würden wir ins Leere fallen.
Der Himmel ist offen und so weit der Himmel über der Erde sich wölbt, so weit ist
Gottes Gnade. Ohne Gottes unendliche Geduld und – da bin ich mir sehr sicher –
ohne Gottes Humor wären wir längst verloren. Jede und jeder einzelne von uns und
die Kirche sowieso.
Das, was Jakob in seinem Traum sieht, bleibt über die Zeiten hinweg die Zusage, die
uns trägt. Jesus nimmt sie auf und gibt sie an die Seinen weiter: Ihr werdet den Him-
mel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschen-
sohn. (Joh 1,51)
Den Himmel offen sehen und die Engel Gottes zwischen Himmel und Erde in himmli-
schem Gegenverkehr fahren – davon sind wir alle Zeuginnen und Zeugen.
Sie als Pfarrerinnen und Pfarrer erzählen davon. Im Religionsunterricht und im Got-
tesdienst, bei Pop-Up-Aktionen in der Fußgängerzone und an Sterbebetten, im Fest-
zelt und beim Neujahrsempfang und, ja, auch in Gremiensitzungen.
Wie Jakob empfangen Sie das, was Sie weitertragen im Schlaf. Aller Mühen zum
Trotz, die Sie in den letzten Jahren von Studium und Examina auf sich genommen
haben. Das Eigentliche empfangen Sie.
Noch etwas ist wichtig: Jakob, der diesen großartigen Traum träumt ist nicht der ma-
kellose und perfekte Macher. Er ist ein Schlitzohr, der sich ungeduldig den Segen er-
schlichen hat, ein Schuft im Schafspelz, der es sich so mit seinem Bruder so sehr ver-
scherzt hat, dass er nur die Flucht antreten kann. Er hat sich den Segen erschlichen –
aber der Segen wird nicht von ihm genommen. Auf seiner atemlosen Flucht bleibt
Gott bei ihm. Bei ihm mit seiner Eifersucht und seiner Schuld, auf ihm mit seiner Un-
geduld und seiner Hinterfotzigkeit. Auf ihm mit seinen Makeln und dem, was er mit
sich trägt. Genau ihm erscheint Gott im Traum und verspricht Land und Nachkom-
men und Segen. Und Gott verspricht ihm, ihn nicht zu verlassen. Gott hat eine Schwäche für die, die nicht perfekt sind, für uns Sünderinnen und Sünder. Und bleibt, auch wenn wir uns
mal von allen guten Geistern verlassen fühlen.
Sie versprechen heute, dass Sie sich in ihrem Leben und in der Ausübung ihres Amtes nicht so verhalten, dass ihr Zeugnis unglaubwürdig wird. Aber sie behaupten damit nicht, dass an Ihrem Leben und Ihrer Art und Weise Pfarrerin und Pfarrer zu sein die Glaubwürdigkeit des Evangeliums hängt. Das ist ein entscheidender Unterschied. Als Pfarrerinnen und Pfarrer tun sie etwas Besonderes und stehen für eine große Sache, aber sie sind nicht besser als andere Menschen und schon gar nicht größer. Auch wenn es oft so sein wird, dass die Menschen, denen Sie begegnen große Hoffnungen in Sie setzen. Auch als Ordinierte müssen und können Sie weder perfekt sein noch alles perfekt machen. Gerade im Pfarramt leben wir alle, die es haben davon, dass wir den Blick in den offenen Himmel wagen. Das gibt zuerst uns selbst und dann denen, die uns anvertraut sind Orientierung. Gott lässt diese Welt nicht los, er lässt die Seinen nicht los – und auch nicht seine Kirche und die, die in ihr und für sie arbeiten.
Der Ort zwischen Beerscheba und Haran, an dem Jakob sich niedergelassen hat war
zunächst kein besonderer Ort. Es war einfach die Stelle, an der ihn seine Müdigkeit
übermannt hat zu der Zeit, als die Sonne untergegangen war. Es ist irgendein zufälliger Ort im Dunkeln. Immerhin einen Stein als Kissen gibt es. Durch den Traum wird dieser Ort ein besonderer Ort – erst für Jakob, dann für die, die nach ihm kommen. Beth-El. Gottes Haus. Erst war der Stein einfach ein etwas hartes Kissen – dann wird er zum mit Öl gesalbten Steinmal. Erst war das Dorf nur irgendein Ort auf der badischen Landkarte – dann wurde es für Sie zum Zuhause und Ort für unvergessliche Begegnungen.
Erst war die Bank in der Fußgängerzone nur eine Bank, dann wurde sie zu einem Ort
für ein tiefes Gespräch. Erst war es nur eine E-Mail unter vielen, dann wurde sie zum Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit.
Die Kirche als Haus Gottes kann überall entstehen und dem Evangelium Raum ge-
ben. Auf dem Friedhof und im Klassenzimmer, auf dem Campingplatz und im Feuer-
wehrgerätehaus.
Als Gottes Haus schenkt die Kirche Räume für Begegnung und für ein Miteinander
von ganz unterschiedlichen Menschen. Ein sicherer Ort für alle Spielarten des Le-
bens und des Liebens. Ein Ort für Essen und Trinken, für Tränen und für Träume. Und Sie sind mittendrin und stehen für diese Kirche. Sie stehen mit allem, was Sie mitbringen an Glauben und Hoffnung, an Worten und dem Mut, Stille auszuhalten dafür, dass die Bewegung zwischen Himmel und Erde Menschen mitreißt. Raus aus Trauer und Lethargie.
Raus aus dem Eindruck, es würde einfach alles abgewickelt – in der Kirche und in der Welt.
Raus aus den Sackgassen, die das Leben manchmal bietet.
Gottes Haus lässt sich an überraschenden Orten bauen. Gott überrascht die Seinen immer wieder neu. Mit einem Neuanfang, wo alles zu Ende schien. Mit einem leeren Grab und der neuen Schöpfung. Mit Aufatmen und Aussichten in der Weite des offenen Himmels.
Vor allem aber mit dem Segen, der uns alle trägt – und der Sie für Ihr Leben und Ar-
beiten als Pfarrerinnen und Pfarrer beflügeln möge. Es ist der Segen, der den Atem des Friedens Gottes in uns legt – höher als alle Vernunft. Er bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
