Lieber Ingolf Stromberger,
Du bist schon eine ganze Weile gemeinsam mit den Kolleg*innen aus den umliegenden Bezirken im Strukturausschuss unterwegs, hast mit erdacht und errungen wie der künftige Weg der Kirchenbezirke Adelsheim-Boxberg, Mosbach und Wertheim aussehen kann. Viel Erfahrung, viel Vertrautes – und doch beginnt heute etwas Neues. Du wurdest zum Dekan dieses Kirchenbezirks gewählt und übernimmst mit diesem Gottesdienst dieses Amt. In Zeiten wie diesen ist die erfolgreiche Wahl für ein Leitungsamt weniger ein Sieg als vielmehr der Rückenwind für die große Verantwortung, die Du bereit bist zu übernehmen. Und der Rückenwind war ein ganzer Rückensturm bei Deiner Wahl.
Manchmal wirst Du als Dekan auch mit den Konfliktlagen zu tun haben, die in den gegenwärtigen Prozessen durch unsere Kirche wabern. Da könnte es scheinen als gäbe die Großen und Lauten – Menschen oder Gemeinden – die gesehen und gehört werden – und die Kleinen und Leisen – Menschen oder Regionen – die übersehen werden. Aber so soll und kann es nicht sein. Der Wochenspruch für diese Woche erinnert Dich und uns daran, dass wir uns in jedem Menschen, dem wir uns zuwenden Christus zuwenden. Es sind Worte aus dem Matthäusevangelium – sie lauten (Mt 25,40b):
„Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“
Als Dekan wirst Du auch künftig viel mit Strukturfragen zu tun haben, damit, wie Abläufe runder laufen, wie Kirche sich frisch und attraktiv zeigt, wie Gemeinden und die Menschen in den Kooperationsräumen gut im Blick sind und sich gesehen wissen und wie es gelingen kann, dass die Bezirke hier im badischen Nordosten gut zusammenwachsen.
Und dazwischen immer wieder der ein oder andere frustrierte Brief, manche vielleicht auch wütend – und immer voller Erwartungen. Richte es, lieber Dekan!
Die großen Erwartungen und die unzähligen Aufgaben können auch und gerade Menschen in Leitungsämtern auslaugen – ob sie nun hauptamtlich oder ehrenamtlich unterwegs sind.
Und es ist eine Verführung für uns alle, die wir Leitungsverantwortung haben, dass wir im Ringen um den guten Weg der Kirche in die Zukunft sowohl den weiten Horizont als auch den Blick auf die Geringsten unter den Geschwistern verlieren. In jedem Menschen, der uns anvertraut ist begegnet uns Christus und in allem, was wir für und an diesen Menschen tun, handeln wir an Christus. Bei all unseren Diskussionen in Gremien und Teams-Konferenzen, am Telefon und beim Abarbeiten der E-Mails ist es eine Gefahr, dass wir den Blick dafür verlieren, dass es nicht nur an uns liegt, Hindernisse und Konflikte zu überwinden. Sondern dass es Jesus Christus ist, der die Welt mit all ihren Mauern und Grabenkämpfen, mit Leid und Tod überwunden hat.
Dafür müssen wir den Blick heben und aufsehen. Über den eigenen Schreibtisch mit all seinen Wanderdünen an Papieren und Bescheiden hinaus, über den Bildschirmrand des Computers mit den endlosen Mails hinaus, über die Sorgen und bangen Fragen hinaus.
Die Welt mit ihren Sorgen ist längst überwunden.
Diese Ermutigung gilt auch Dir als Dekan.
Ein Dekan hat es gut in so einem weiträumigen Kirchenbezirk wie Adelsheim-Boxberg - mit seinen Gemeinden und Einrichtungen, mit seiner Diakonie, Kirchenmusik und Jugendarbeit, mit seinen vielfältigen und vielseitigen Frömmigkeitsstilen und mit der Bereitschaft, Grenzen zu überwinden und weiter mit Nachbarn zusammenzuwachsen.
Du wirst das kirchliche Leben stärken, achtsam umgehen mit Traditionen und Erwartungen ernst nehmen. Du wirst ein offenes Ohr haben für unterschiedliche Interessen und spüren, was hinter Anfragen steckt. Du wirst manches, was auseinanderstrebt, zusammenhalten. Als Dekan wirst Du neue Initiativen unterstützen, Kooperationen stärken und den Blick weiten. Du wirst Prozesse strukturieren und in Konflikten den verschiedenen Seiten deutlich machen, dass die Anderen und Anderes auch ein Recht haben. Du wirst manches entscheiden.
Und dabei den Blick offenhalten für alle – auch für die Geringsten unter den Geschwistern. Auch als Dekan Bist Du davon getragen, dass Dir die Kraft von außen zuwächst, dass Christus Dich trägt und dass andere Dir Gutes und Segensreiches tun und es ermöglichen.
Wenn Du selbst einmal Hilfe brauchst oder unsicher bist, werden andere da sein: Synodale, Pfarrer*innen, Diakon*innen, Menschen in Verwaltung und Sekretariat, der Schuldekan und der Vorsitzende der Bezirkssynode, Ehrenamtliche, Gemeindeglieder – und Kolleginnen und Kollegen im Dekansamt.
Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Schon immer. Anders ist Kirche gar nicht zu denken. Und doch wird Dir gerade im Dekansamt viel Sorge begegnen, wie es weitergehen wird.
Du, lieber Ingolf-Stromberger, wirst gefragt werden, wohin Du willst, im Großen und im Kleinen. Du wirst nicht nur in unserer Kirche gefragt werden, sondern auch von Kommunen und Vereinen, von Schulen und Betrieben, von Menschen in der Landwirtschaft und von Unternehmern. Was trägt uns? Woran sollen wir uns orientieren? Wohin sollen wir gehen?
Auch als Dekan lebst Du aus der Kraft des Gebetes. Ich glaube, wir brauchen eine Haltung in unserer Kirche, die auf Empfang gestellt ist. Offene Hände, Ohren und Herzen für das, was Gott an Erquicklichem an uns tut.
Wir freuen uns auf Dich, lieber Ingolf Stromberger: Auf Deine Klarheit und Dein Gespür für die Menschen hier im Bezirk, auf Deine Besonnenheit, Deine Kreativität, Deine Liebe zu den Menschen in den Dörfern, auf dem Fussballplatz und in den kleinsten Winkeln - und auf Deine geistliche Kraft!
Ich wünsche Dir, dass Du Dir immer mal Zeit nehmen kannst für einen Moment des Gebets und für die Pflege der Quellen Deines Glaubens, vielleicht in einer der Kirchen hier im Bezirk. Dass Du Dir getrost und gelassen Zeit nimmst für Freundschaften und Familie, für Fussball und für Pausen. Das ist wichtig, nicht nur für die leibliche und seelische Gesundheit, auch für das geistliche Leben. Es nicht unsere Kraft, auf die wir bauen.
Auch Du als Dekan lebst aus dem Blick und der Zuwendung Christi, an die der Wochenspruch über dieser Woche Deiner Einführung erinnert: „Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“
So sei es. So ist es. Auch in Deiner Zeit als Dekan.
Amen.
