Liebe Geschwister,
es sind die Begegnungen und die Erfahrung von geistlicher Gemeinschaft, die das Leben reich und die Kirche bunt machen. Und es braucht Tage und Zeiten, an denen wir uns dessen vergewissern und das feiern.
Ich freue mich, dass ich heute Ihre Gemeinschaft mitfeiern und teilen darf. Ich bin noch sehr beeindruckt von einer gemeinsamen Wallfahrt nach Rom, die ich in der letzten Woche mit dem Freiburger Erzbischof Stephan Burger und einer kleinen Delegation gemacht habe. Wir haben im Campo Santo gewohnt, direkt am Vatikan. Als wir auf dem Weg in den Petersdom waren, hat der Regens des Gästehauses, der sehr engagiert in Sachen Ökumene ist, mit einem entschuldigenden Ton gesagt: „Naja, der Petersdom hat ja für Evangelische eine problematische Geschichte.“ Ich habe spontan geantwortet: „Das haben wir in den letzten 500 Jahren schon verdaut.“ – und war einfach nur beeindruckt von diesem Dom und noch viel mehr, als wir an einem der nächsten Tage am Grab des Petrus eine Andacht gefeiert haben. Beim Eintauchen in das Herz der katholischen Welt und bei den gemeinsamen Begegnungen auch mit evangelischen Christen in Rom haben wir viel gemeinsamen Reichtum entdeckt und ich musste immer wieder an die Jahreslosung denken: „Prüft alles – und das Gute behaltet.“ Ob das der liturgische Reichtum der Messe und der Zeremonien ist oder die Leichtigkeit, mit der wir Evangelischen mit den Formen umgehen – beides hat sein Recht, von beidem lässt sich Gutes behalten.
Prüft alles – und das Gute behaltet. Das ist die Jahreslosung für dieses Jahr. Sie steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki. Sie steht in einer langen Reihe von Mahnungen.
Paulus schreibt:
Wir bitten euch aber, Brüder und Schwestern:
Achtet, die sich unter euch mühen und euch vorstehen im Herrn und euch ermahnen; ehrt sie in Liebe umso höher um ihres Werkes willen. Haltet Frieden untereinander.
Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.
Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.
Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht.
Prüft aber alles und das Gute behaltet.
Ohne den letzten Satz unseres Abschnitts könnte das eine Reihe von Ermahnungen sein, die dazu verführen, sich selbst zu erheben – über den nachlässigen Bruder und die kleinmütige Schwester. Oder eben auch bestimmte Formen geistlichen Lebens über andere zu stellen.
„Prüft alles und das Gute behaltet.“ In diesem kurzen Satz steckt aber nicht die Ermutigung zum Hochmut, sondern eine geistliche Haltung, die wir in diesen Tagen dringender brauchen denn je: die Haltung des wachen Herzens.
„Prüft alles!“ – Das ist keine Einladung zur Beliebigkeit. Schon gar nicht ist Rückzug in Skepsis oder Zynismus nach dem Motto „wollen wir doch erstmal sehen, ob da was dran ist.“
Die Jahreslosung für dieses Jahr ist ein Ruf zur Unterscheidung. Paulus schreibt an eine Gemeinde, die mitten in einer Umbruchszeit lebt, umgeben von religiöser Vielfalt, politischen Spannungen, wirtschaftlichen Herausforderungen. Auch zu seiner Zeit war der christliche Glaube alles andere als selbstverständlich und das Ringen darum, was es bedeutet, im Leben und im Sterben Christus ins Zentrum zu stellen, durchzieht seine Briefe an die Gemeinden von Rom bis Korinth und Thessaloniki.
Auch wir finden uns heute in einem Gewirr unterschiedlichster Stimmen. Viele reden – laut, schrill, mit einfachen Antworten. Und scheuen sich nicht davor, militärische Auseinandersetzungen, die unzähligen Menschen das Leben kosten als „Drecksarbeit“ zu bezeichnen.
Und auf der anderen Seite gibt es die Versuchung, sich entweder zurückzuziehen in eine geistliche Komfortzone – oder sich aufzureiben im Aktionismus.
Paulus zeigt uns hier einen dritten Weg. Es ist der Weg der geistlichen Wachsamkeit.
Das, was auf der Welt geschieht, in unserer Gesellschaft, in den Kriegs- und Krisenherden, in den Familien, bei den Menschen an den Rändern – das ist nicht zu trennen von dem, was unseren Glauben ausmacht. Jesus Christus ist genau dorthin gegangen, hat da das Reich Gottes verkündigt, wo es Risse und Brüche gab, Sehnsucht nach Heilung und Verzweiflung. Er hat den Verstummten eine Stimme gegeben und die Gebeugten aufgerichtet.
Der Blick auf ihn schärft unsere geistliche Wachsamkeit.
Alles zu prüfen – das braucht das Vertrauen in den Geist Gottes, der uns befähigt, zu unterscheiden. Der Geist Gottes lehrt uns, mit offenen Augen zu leben und mit einem wachen Herzen zu fragen:
Was dient dem Leben?
Was stärkt die Gemeinschaft?
Was spiegelt Christus?
Die Jahreslosung ermutigt zu einem besonnenen, kritischen Blick auf das, was es zu entscheiden und auszuwählen gilt. Ob wir auf die Kriegs- und Krisenregionen der Welt blicke oder auf die Fragen der sozialen Gerechtigkeit weltweit, auf die Chancengleichheit oder darauf, wie Kindern und Jugendlichen ein wohlbehaltenes Leben mit guten Entwicklungschancen ermöglicht wird – immer geht es beim Abwägen der verschiedenen Möglichkeiten um die Frage, ob so die Menschlichkeit mehr Raum gewinnt.
Alles prüfen – und dann das Gute behalten. Das erfordert ein waches und offenes Herz, das sich nicht von Vorurteilen oder Vorverurteilungen leiten lässt, sondern das damit rechnet, dass Gott uns immer wieder überraschen will und wird.
Was aber ist „das Gute“? Sicher nicht einfach das, was mir gerade heute am besten passt oder meinem Geschmack am ehesten entspricht.
Das Kriterium und die Orientierung für das Prüfen von allem ist das Evangelium von Jesus Christus, die Botschaft von Weihnachten und Ostern: Gott ist Mensch geworden und hat der Welt ein menschliches Gesicht gegeben. Er trägt unsere Wunden, durch die wir geheilt sind. Die Risse und die Verwundbarkeit sind Teil unseres Lebens und des Lebens Jesu Christi. Tod und Wunden sind durch ihn geheilt. Für immer und für alle.
Mit dem Blick auf Christus sehen wir klar: Die todbringenden Mächte dürfen nie und nimmer die Oberhand gewinnen.
Alles zu prüfen – das erfordert Besonnenheit statt Parolen, Abwägungsprozesse und die Bereitschaft zum Kompromiss. Wenn wir uns die Freiheit nehmen, alles zu prüfen, dann entdecken wir das Gute auch da, wo es populistische Schreihälse mit dem Schüren von Ängsten zu übertünchen versuchen.
Wir sollen das Gute behalten. Darin steckt auch eine Erleichterung und Entlastung.
Es heißt ja nicht: „Behaltet das Perfekte.“ Nicht: „Behaltet nur das Reine, das Fehlerlose.“ Sondern: das Gute.
Das heißt auch: Es wird Unvollkommenes geben. Es wird Ambivalenzen geben. In unserer Kirche, in unserer Gemeinschaft, in der Bruderschaft, in unseren Biografien. Und doch können wir darauf vertrauen: Das Gute ist da. Gottes Güte ist gegenwärtig. In den kleinen Zeichen. In der Treue eines Bruders, der jeden Morgen betet. In einer Schwester, die zuhört. In einer mutigen Entscheidung für das Leben.
Die Kraft jeder geistlichen Gemeinschaft ist die Kraft des Gebets. Im Beten kommt das Suchen nach dem, was trägt und das kritische Prüfen des Guten zusammen.
Der Theologe Hermann von Bezzel, der einst die Diakonissenanstalt in Neuendettelsau geleitet hat, hat das in eindrückliche Worte gefasst.
Er sagt: „Beten heißt: Gegen Gott dreist werden.
Beten heißt: sich ein Herz fassen und den Heiligen zu zwingen: „Herr, rette mich von der Sünde und dem Widersacher, dem Teufel, und komme herein in mein enges Gemach. Neige dich hernieder und gehe nicht fort, als ob du mein Leben verschmähtest. Herr, du sollst es wissen, du hast meine Seele auf dem Gewissen, wenn du mich nicht erhörst, wenn du mir nicht deinen Frieden gibst.“
Beten ist nicht das leise schüchterne Flehen einer lispelnden Seele, sondern es ist die ungestüme Forderung des auf Jesus geworfenen Menschen. Und dieser Mensch, der nichts anderes mehr hat, als Jesus allein, weil sonst kein Trost in der Welt ist, dieser Mensch sagt zu ihm: „Herr, willst du bei mir verlieren, so kündige ich dir die Liebe und die Freundschaft und sage es der ganzen Welt, du hättest mich in meiner Menschwerdung betrogen. Mein Herz hält dir dein eigenes Wort vor. Du hast gesagt: ‚Ihr sollt mein Antlitz suchen.‘ Darum suche ich dich. Und darum bin ich ungestüm und rechne mit dir, der du dich herabgelassen hast in mein Menschsein. Ich rechne mit dir in gläubigem Trotz.“
Im Gebet und im gläubigen Trotz wird die geistliche Wachsamkeit genährt, die uns alles prüfen lässt und das Gute suchen und am Ende behalten.
Im Gebet können wir neu sehen lernen: Wo ist das Gute schon da? Und wie kann es wachsen?
Die Bahnauer Bruderschaft ist eine tragende Gemeinschaft und ein Netz, in dem die Suche nach dem Guten und das Gebet ihren Raum hat. Gerade jetzt brauchen wir solche Orte und Räume.
Nicht, um uns einzuigeln, sondern um uns wurzeln zu lassen. Damit wir inmitten der Erschütterungen dieser Welt bestehen können – nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Kraft des Geistes.
Prüft alles – das Gute behaltet. Das ist keine defensive Haltung. Das ist ein Auftrag zur Gestaltung.
Es ist das Evangelium inmitten der Welt. Es ist Christus, der uns ermutigt, zu sehen, was trägt – und zu lassen, was hindert.
Die Jahreslosung ermutigt uns zu einer Haltung, mit der wir getrost in die Zukunft gehen können.
Mit Vertrauens statt Angst.
Mit dem Mut zur Unterscheidung statt der Sorge vor Überforderung.
Mit einem offenen Herzen für den Segnen statt dem vorschnellen Urteil.
Dann sind wir in der großen Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi glaubwürdig in unserer Kirche und den Gemeinschaften. Von Rom bis Backnang, vom Bodensee bis an die Nordsee.
So wird auch die Bruderschaft Licht sein – nicht, weil wir perfekt wären, sondern weil wir das Gute behüten, das Gott selbst in unsere Hände gelegt hat.
Das Gute und der Friede Gottes ist uns verheißen. Sein Friede ist höher als all unsere Vernunft und urteilen. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
