In Bewegung - Zum 1. Advent 2025

Predigt von Landesbischöfin Heike Springhart im Rahmen des Eröffnungsgottesdienstes der 67. Aktion Brot für die Welt mit Pfarrerin Dr. Dagmar Pruin, Präsidentin von Brot für die Welt, und Reverend James Bhagwan, Generalsekretär der Pazifischen Konferenz der Kirchen (Karlsruhe-Durlach, 30.11.2025).
Manchmal wird mir das Warten im Advent so unendlich lang. Ich höre die Worte von Amos, dass Recht und Gerechtigkeit strömen und nie versiegen sollen. Und sehe doch so viel Unrecht, so viele Staudämme gegen Gerechtigkeit, so viele ausgetrocknete Flussbetten. Anfang des Jahres war ich im Westjordanland unterwegs und habe von der Verzweiflung der palästinensischen Menschen gehört, deren Bewegungsradius durch die Checkpoints immer mehr eingeschränkt wird. Und ich erinnere mich an die Verzweiflung der Frau aus dem Kibbuz in der Nähe des Gazastreifens, die als Israelin keine Zukunft für ihre Kinder sieht. Ich habe so viel vertrocknete Hoffnung gesehen. Und ich wünsche mir so sehr, dass die Wirklichkeit vom friedvollen und lebendigen Strom Gottes ergriffen wird und nicht länger gezeichnet von der verderbenden Flut des Hasses, der Vernichtung und der Hoffnungslosigkeit.
Manchmal komme ich mir vor wie die Frau, von der im Johannesevangelium erzählt wird. Sie geht mit ihrem Krug an den Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Dort, auf dem Brunnenrand, sitzt Jesus. Er bittet die Frau um einen Schluck Wasser. Ein Durstiger. Es kommt zu einem Gespräch. Es wird ein langes Gespräch. Und am Ende geht es um viel mehr als nur darum, Hunger und Durst zu stillen. Wie das eben manchmal so geht in einem Glücksfall von einem Gespräch, das sich am Anfang ums Essen und Trinken dreht und am Ende so richtig in die Tiefe geht. Am Ende dieses Gesprächs lässt die Frau ihren Krug am Brunnen stehen. Sie braucht ihn nicht mehr, denn sie hat die Quelle des lebendigen Wassers gefunden. „Wer an mich glaubt, aus dessen Innerem werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“, sagt Jesus zu ihr. Christus selbst ist dieses lebendige Wasser. Er ist nicht nur ein guter Gesprächspartner, er ist selbst das Wort. Er ist nicht nur ein Bote der Gerechtigkeit – er ist ihre Quelle. Auf diese Quelle warte ich im Advent. Ich warte darauf, dass Gottes Liebe meinen Durst wirklich stillt. Meinen Durst nach Leben und noch viel mehr den Durst all derer, die um ihr Überleben bangen. In den Bunkern von Charkiw, in den Kriegswirren im Sudan, im Gazastreifen, unter den Autobahnbrücken deutscher Städte. Ich sehne mich danach, dass die Hoffnung der Menschen genährt wird und ausgetrocknete Seelen wieder zum Blühen kommen. Bei meinen Begegnungen in diesem Jahr habe ich gespürt, dass die Hoffnung, dass sich noch irgendetwas zum Guten wenden lässt, bei vielen Menschen total verkümmert ist. Auch bei denen, die sich noch vor kurzem leidenschaftlich engagiert haben. So viele der bislang Unverwüstlichen sind zu Wüsten geworden, weil ihr Glaube keine Nahrung mehr findet, weil ihre Liebe ins Leere läuft und sie nicht mehr wissen, woher sie noch Hoffnung nehmen sollen.
Manchmal sinne ich den Wegen nach, die das Wasser auf der Erde nimmt. Und ich weiß: Das Wasser sucht sich seinen Weg. Es sucht immer den tiefsten Punkt. Das Wasser geht dorthin, wo der Boden rissig ist, wo das Leben brüchig geworden ist. Amos folgt diesem Naturgesetz. Er sagt, dass die Gerechtigkeit dorthin fließen soll, wo Armut, Angst und Benachteiligung Menschen den Atem abschnüren. Die Frau am Brunnen hat erfahren: Genau dahin kommt Christus. Er kommt in die Tiefen unseres Lebens – in das Unscheinbare, Verletzliche, ins Unfertige. Das lebendige Wasser umschifft nicht die Abgründe, sondern füllt sie mit Gnade. Es sucht unsere Wunden. Es strömt dahin, wo es trocken und lebensfeindlich ist, es rettet Vertrocknendes und bringt sehnsüchtig Wartendes zum Erblühen. Ich habe in diesem Sommer so ein Aufblühen erlebt. Ich war ein paar Wochen in einer Reha nach einer Operation und habe mich ganz neu wiedergefunden, bin frei geworden von vielem, was mir lange auf der Seele lag, und habe am Ende auf dem Papier und beim Töpfern die bunten Farben des Lebens wiedergefunden. Jeden Tag bin ich geschwommen, am Ende bis zur Insel mitten in dem kleinen See. Ich schaue dankbar auf diese Zeit, in der ich gespürt habe, wie wohltuend es ist, neu zum Blühen zu kommen. Ich habe gespürt, wie das lebendige Wasser die tiefen Punkte in mir erreicht hat.
Das lebendige Wasser sucht genau diese tiefen Punkte. Und dann geschieht etwas Wunderbares: Dieses Wasser wirkt nicht nur von außen in uns hinein. Es wirkt auch aus uns heraus. Wir werden selbst zu sprudelnden Quellen. Nicht aus eigener Kraft, sondern weil das lebendige Wasser uns durchströmt. Weil Gott Recht und Gerechtigkeit strömen lässt wie nie versiegendes Wasser.
Darauf baue ich in diesem Advent: dass Gottes lebendige Gerechtigkeit nicht an den Rändern vorbeifließt, sondern die Ränder in die Mitte holt. Dass er an unsere tiefsten Punkte kommt – an den tiefsten Punkt in mir und an die tiefsten Punkte auf dieser Welt. Dorthin, wo Kinder Durst haben. Dorthin, wo Land geraubt, Zukunft verbaut, Gerechtigkeit verweigert wird. Dorthin, wo Menschen sich ausgeliefert fühlen.
Und manchmal denke ich: Vielleicht ist das das größte Geschenk der Adventszeit: dass wir uns wiederfinden als eine Gemeinschaft der Erwartungsvollen und Handelnden. Als Menschen, die sich dem Rhythmus Gottes anvertrauen und zugleich die Hände nicht in den Schoß legen. Als eine Bewegung, getragen von der Hoffnung, dass Gottes Wasser stärker ist als aller Durst der Welt.
So klingt die uralte Verheißung des Propheten Amos in mir: „Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.
So wirkt das lebendige Wort von Jesus Christus in mir: „Wer an mich glaubt, aus dessen Innerem werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“
So wirkt das lebendige Wort von Jesus Christus in mir: „Wer an mich glaubt, aus dessen Innerem werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“
So bekomme ich Hoffnung und Mut und Offenheit für Gottes Versprechen. Sie machen mich mutig und frei für Entscheidungen, die das Leben fördern. Und ich spüre: Ich bin nicht allein unterwegs. Gott geht mit. Gott stärkt mich, wo ich müde werde. Gott belebt mich, wo ich ausgelaugt bin. Gott richtet mich auf, wenn Ungerechtigkeit mich niederdrückt.
Gehen wir in diesen Advent, gestärkt vom lebendigen Wasser.
Als Menschen, die den Strömen der Gerechtigkeit Raum schaffen.
Als Menschen, die sich von Gottes Liebe in Bewegung bringen lassen.
Als Menschen, die sich von Gottes Liebe in Bewegung bringen lassen.
Als Menschen, in denen schon heute etwas vom kommenden Frieden aufleuchtet.
Gesegnet vom Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft.
Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
