Gottesdienst zur Einführung von Pfarrerin Esther Philipps zur Dekanin im Kirchenbezirk Markgräflerland, 16.11.2025

"Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi." -  2. Kor 5,10a 
 
Liebe Esther Philipps,
Du hast einen weiten Sprung gemacht aus Pforzheim nach Schopfheim – aus Nordbaden ins Markgräflerland. Hast Dich locken lassen und bei der Anfrage frei und gründlich nachgedacht. Da wird es viele gegeben haben, denen Du Dich verantwortlich und verbunden gefühlt hast und fühlst. Auch als Dekanin wirst Du in solche Situationen kommen – mit ganz unterschiedlichen Interessen, ja Urteilen. Der Wochenspruch für diese Woche gibt Orientierung und öffnet einen Freiraum. 
"Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi." (2Kor 5,10a) 
Als Dekanin wirst Du immer wieder mit Erwartungen zu tun haben – an Dich, an die Leitung des Kirchenbezirks, an die Kirche überhaupt. Manchmal wirst Du auch mit den Konfliktlagen zu tun haben, die in den gegenwärtigen Prozessen durch unsere Kirche wabern. 
Als Dekanin wirst Du auch künftig viel mit Strukturfragen zu tun haben, damit, wie Abläufe runder laufen, wie Kirche sich frisch und attraktiv zeigt, wie Gemeinden und die Menschen in den Kooperationsräumen gut im Blick sind und sich gesehen wissen und wie es gelingen kann, dass die Menschen im Markgräflerland von Lörrach bis Todtnau erleben, dass Kirche da ist.
Und dazwischen immer wieder der ein oder andere frustrierte Brief, manche vielleicht auch wütend – und immer voller Erwartungen. Richte es, liebe Dekanin! 
 
Die großen Erwartungen und die unzähligen Aufgaben können auch und gerade Menschen in Leitungsämtern auslaugen – ob sie nun hauptamtlich oder ehrenamtlich unterwegs sind. 
Es allen recht zu machen – das wird nicht gelingen. Es immer perfekt zu machen und niemanden enttäuschen – auch das wird nicht möglich sein. Nicht vor den vielen Richterstühlen von Erwartungen und Urteilen muss die Dekanin bestehen, sondern allein vor dem Richterstuhl Christi. Er wird einmal fragen: Was habt Ihr den Geringsten unter den Geschwistern getan? Habt Ihr Nackte gekleidet und Hungernde gespeist? Habt Ihr hingesehen und zugehört, wenn Menschen euren Beistand gesucht haben? Wart ihr mutig oder habt ihr euch von den Sachzwängen bremsen lassen?
 
Es ist eine Verführung für uns alle, die wir Leitungsverantwortung haben, dass wir im Ringen um den guten Weg der Kirche in die Zukunft sowohl den weiten Horizont als auch den Blick auf die Geringsten unter den Geschwistern verlieren. In jedem Menschen, der uns anvertraut ist begegnet uns Christus und in allem, was wir für und an diesen Menschen tun, handeln wir an Christus. 
 
Bei all unseren Diskussionen in Gremien und Teams-Konferenzen, am Telefon und beim Abarbeiten der E-Mails ist es eine Gefahr, dass wir den Blick dafür verlieren, dass es nicht nur an uns liegt, Hindernisse und Konflikte zu überwinden. Sondern dass es Jesus Christus ist, der die Welt mit all ihren Mauern und Grabenkämpfen, mit Leid und Tod überwunden hat.
 
Eine Dekanin hat es gut in so einem weiträumigen Kirchenbezirk wie dem Markgräflerland - mit seinen Gemeinden und Einrichtungen, mit seiner Diakonie, Kirchenmusik und Jugendarbeit, mit seinen vielfältigen und vielseitigen Frömmigkeitsstilen und mit der Bereitschaft, Grenzen zu überwinden – hier im Dreiländereck. Wo der Blick immer ein bisschen weiter, der Humor etwas verschmitzter, die kulinarischen Genüsse besonders reich sind und die gemeinsame Sprache mit den Nachbarn im Elsass und der Schweiz zeigt, dass uns mehr verbindet als trennt.
Du wirst das kirchliche Leben stärken, achtsam umgehen mit Traditionen und Erwartungen ernst nehmen. Du wirst ein offenes Ohr haben für unterschiedliche Interessen und spüren, was hinter Anfragen steckt. Du wirst manches, was auseinanderstrebt, zusammenhalten. Als Dekanin wirst Du neue Initiativen unterstützen, Kooperationen stärken und den Blick weiten. Du wirst Prozesse strukturieren und in Konflikten den verschiedenen Seiten deutlich machen, dass die Anderen und Anderes auch ein Recht haben. Du wirst manches entscheiden.  
 
Und dabei den Blick offenhalten für alle – auch für die Geringsten unter den Geschwistern. Auch als Dekanin bist Du davon getragen, dass Dir die Kraft von außen zuwächst, dass Christus Dich trägt und dass andere Dir Gutes und Segensreiches tun und es ermöglichen. Du bist befreit davon, es allen rechtmachen zu müssen, weil es am Ende Christus ist, der dich fragt, was du getan und gelassen hast. Was gelungen ist und was gescheitert. Mit gnädigem Blick und Fehlerfreundlichkeit.
 
Wenn Du selbst einmal Hilfe brauchst oder unsicher bist, werden andere da sein: Synodale, Pfarrer*innen, Diakon*innen, Menschen in Verwaltung und Sekretariat, der Schuldekan und die Vorsitzende der Bezirkssynode, Ehrenamtliche, Gemeindeglieder – und Kolleginnen und Kollegen im Dekansamt. 
 
Du, liebe Esther Philipps, wirst gefragt werden, wohin Du willst, im Großen und im Kleinen. Du wirst nicht nur in unserer Kirche gefragt werden, sondern auch von Kommunen und Vereinen, von Schulen und Betrieben, von Menschen in der Landwirtschaft und von Unternehmern. Was trägt uns? Woran sollen wir uns orientieren? Wohin sollen wir gehen?
 
Wir freuen uns auf Dich, liebe Esther Philipps: Auf Deine Klarheit und Deine feine Kreativität, auf Deine Besonnenheit, Deine offenen Ohren, Deine Liebe zu den Menschen - und auf Deine geistliche Kraft! 
 
Ich wünsche Dir, dass Du Dir immer mal Zeit nehmen kannst für einen Moment des Gebets und für die Pflege der Quellen Deines Glaubens, vielleicht in einer der Kirchen hier im Bezirk. Dass Du Dir getrost und gelassen Zeit nimmst für Freundschaften und Familie, dafür die wunderbare Landschaft hier zu erradeln und zu erwandern und für Pausen. Das ist wichtig, nicht nur für die leibliche und seelische Gesundheit, auch für das geistliche Leben. Es nicht unsere Kraft, auf die wir bauen. 
Es ist nicht unser eigener Perfektionismus, der das Urteil spricht – sondern am Ende werden wir alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Nur da. Das möge der Freiheit und Rückenwind geben für Dein Amt als Dekanin.
Amen.