Alle Sorgen auf Gott werfen,
Innehalten, Kraft schöpfen und getröstet weitergehen – darum geht es in diesem Gottesdienst.
Ich freue mich, dass Martin Wacker gemeinsam mit mir diesen Gottesdienst hält. Als Kabarettist und Stimme des KSC, als Karlsruher Tausendsassa und als Mitglied unserer Landessynode. Wir sind zusammen – im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Martin Wacker:
Komm, geh fort!
Wer hört denn uff mich?
Die mache doch eh nur des, was die wolle!
Wer hört denn mei Sorge?
De Müll wird ned gholt, die Strassebahn kommt ned,
ich könnd nur bruddle.
Ich sag awwer nix mehr, des nützt ja nix
Dann halde se dich für enn Dauerbruddler.
Heimat isch da, wo einen die Leut so gut verstehe, dass
Ma machmal scho beim cshwetze merkt, s´wär besser gewese, ma hätt de Mund ghalte.
Heike Springhart:
Ich lese aus dem 5. Kapitel des 1. Petrusbriefs:
Alle miteinander bekleidet euch mit Demut;
denn Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes,
damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
Seid nüchtern und wacht;
denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.
Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet,
aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.
Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit!
Amen.
Bekleidet euch mit Demut! Was für eine Forderung. Steckt darin nicht die geballte Macht jahrzehntelanger kirchlicher Sprache? Ist das nicht der Kirchenbehördensound, bei dem Unterordnung unter die Hierarchien als angemessene Verhaltensweise verlangt wurde? Zu lange klang Demut danach, dass Christenmenschen sich ihres Platzes bewusst sein sollten – weit unten, weit weg von den Würdenträgern und Amtspersonen. Zu lange klang Demut danach, dass Frauen sich ihren Männern demütig unterordnen sollten – zu lange wurde Schweigen und nicht Aufbegehren als eine Tugend verkauft, gerade in christlichen Kreisen. Zu lange wurde solche Demut von den jungen Menschen gefordert. Konfirmandinnen und Konfirmanden sollten sich einfügen in die Tradition, auswendig lernen, was Ihnen vorgegeben war und möglichst geräuschlos und brav in der Gemeinde und im Gottesdienst sein.
Demütigt euch!
Martin Wacker: Demütigt Euch? Demut als Inbegriff des Hinnehmens und Schweigens, oder wie unser Badischer Bruddler, des „leise vor sich hin bruddelns“, Angst haben, aufzufallen, lieber Schweigen….um dann vielleicht irgendwann mal einen Denkzettel zu verpassen? Das ist für mich die völlig falsche Interpretation von Demut. Denn Demut - vor etwas- erfordert ein Handeln. Ich empfinde eine große Demut vor unserer Demokratie, vor unserer Verfassung. Diese Demut erfordert aber auch gleichzeitig ein Handeln. Gerade jetzt. Unsere Demokratie, unsere Verfassung wird angefeindet. So steckt in Demut eben auch das Wort Mut. Mut, Gegenrede zu halten. Mut, eine Haltung zu zeigen. Dabei darf es nicht Mut im Sinne von Hochmut sein. Denn das bedeutet, dass wir uns erheben über andere Meinungen. Nein, wir müssen überzeugen. Demut erfordert auch Geduld. Zuhören, auch wenn das Gesagte zunächst schmerzt. Nicht sofort aus der Haut zu fahren. Denn uns gegenüber steht ein Mensch, mit Sorgen, Bedürfnissen und Erfahrungen. Demut vor dem Gegenüber ist eben auch eine Form von Mut. Sich einlassen, immer im Respekt vor einem Menschen.
Heike Springhart: Demütigt Euch! Ich kann diesen Satz kann nur aussprechen, wenn ich ein zweites Mal hinsehe. Christliche Demut hat nichts mit gekrümmten Rücken und gebrochenem Rückgrat zu tun. Sondern sie macht aufrecht. Demut ist das Gegenteil von braver Untertanenhaltung. Das griechische Wort für Demut (ταπεινοφροςυνη) heißt wörtlich: sich herunterziehen lassen. Demut, das ist die Grundhaltung, mit der Jesus Christus die Welt erlöst hat. Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz, heißt es im Philipper-Brief (Phil 2,8). Jesus Christus hat sich von ganz oben nach ganz unten ziehen lassen, in die tiefsten Niederungen unserer Welt, hin zu den Gedemütigten und denen, die leiden. Gott selbst ist bei den Gedemütigten und richtet sie auf.
Und wir - wir sollen uns alle mit Demut bekleiden, sagt der 1. Petrusbrief. Der Kleidermode Christi folgen, sozusagen. Über das schöne Sonntagskleid die Kittelschürze der rumänischen Reinigungskraft anziehen. Über den schwarzen Anzug den orangenen Overall der polnischen Straßenarbeiter. Über die schicke Jeans die durchgewetzte Hose von dem, der nur zwei Hosen im Schrank hat anziehen. Über die Markenklamotten den Mantel, der aus Mülltüten zusammengeklebt ist. Der 1. Petrusbrief ermutigt uns dazu, eine Gemeinschaft zu sein, wo Gottes Solidarität mit den Gedemütigten erfahrbar wird – und wo Demut im Miteinander erfahrbar wird.
Martin Wacker: Demut im Miteinander – wir hören uns zu wenig zu! Die sogenannten sozialen Medien zeigen bildhaft, wie wir immer mehr auch im unmittelbaren, direkten Kontakt agieren: Daumen hoch oder Hass-Smiley. Wo, bitteschön, sind denn die Zwischentöne? Demut im Miteinander beginnt eben damit, einander zuzuhören und zu fragen: was beschäftigt Dich? Was ist Dir wichtig ? Was bedrückt dich? Das gilt übrigens für die Welt da draussen, für den Bruddler genauso, wie für die Menschen in unseren Gemeinden. Man muss damit rechnen, dass meine Art zu glauben und das, was mir an Gemeinde wichtig ist, nicht die einzige Wahrheit ist. Sondern dass andere ganz anders glauben mögen, dass sie ganz anderes suchen und dass wir alle gemeinsam auf der Suche nach der Wahrheit und der Gewissheit sind, die unser Leben trägt und die Gott uns schenkt.
Soweit, so gut. Das betrifft uns Schwestern und Brüder, den am Ende wohl eher sanftmütigen badischen Bruddler und diejenigen, die sich am Ende von Diskussionen die Hände reichen. Was ist aber mit denjenigen, die sich auf einen echten Diskurs nicht einlassen? Sollen wir denen gegenüber demütig sein, die beleidigen und denunzieren. Nein! Es ist nicht gefordert, jede entfesselte Beschimpfung und jede Form von Mobbing oder Hate Speech zu ertragen, ob im Netz, in der Zeitung oder auf dem Schulhof….in Demut! Jesus hat sich darin demütig gezeigt, dass er sich zu uns kleinen Menschlein hat ziehen lassen und j e d e und j e d e n von uns mit sich aus dem Staub gezogen hat und erhöht.
Die Solidarität der Demütigen und der Gedemütigten richtet auf, sie macht die Kleinen ein bisschen größer und die Großen ein bisschen kleiner. Da ist kein Hass, kein Übermut, kein Abkanzeln!
Heike Springhart: Mir ist noch etwas wichtig. Es ist vorhin schon mal angeklungen: zwischen Demut und Hochmut steht der Mut. Der Mut, nüchtern und wachsam zu sein. Nüchtern und wachsam, weil die Welt, in der wir leben keine heile Welt ist.
Die brüllenden Löwen von Neid und Missgunst, der Teufel im bürokratischen Detail und in der alltäglichen und nicht so alltäglichen Gewalt geht umher.
Die brüllenden Löwen, die mir sagen: ich kann ja doch nichts tun, was ändert es, ob nun gerade ich eine Plastiktüte weniger verwende? Von den Widersachern des gedeihlichen Zusammenlebens auf den Regierungsbänken in Peking, Nordkorea, Washington und Moskau einmal ganz zu schweigen. Nüchterne Wachsamkeit gehört zum Glauben. Es gibt ja wahrlich immer wieder Grund zur Sorge. Im Großen sowieso – aber für mich persönlich viel bedrängender sind mitunter die Sorgen in meinem eigenen Leben. Wenn es mir vor dem Einschlafen einfach nicht gelingen will, das Karussell im Kopf zum Schweigen zu bringen – mit Lösungen für ungelöste Probleme, mit Ängsten davor, ob auch alles gut geht mit den Konzepten für die Zukunft der Kirche, mit dem Plan für die nächste Woche, manchmal auch mit der Angst vor der Begegnung mit bestimmten Menschen. Die Sorgen darum, ob die vage Andeutung der Ärztin, „wir müssen mal abklären ...“ irgendwann zu einer bedrohlichen Diagnose wird. Die Sorge um die Menschen, die mir nahe stehen.
Es ist eben nicht so einfach mit den Sorgen. Schon gar nicht nachts. Das hat die Weisheit der alten Gebetszeiten schon immer gewusst. Deswegen gehören die Verse mit dem Ruf zur nüchternen Wachsamkeit und den brüllenden Löwen traditionell zum Nachtgebet, der Komplet in den Klöstern und zu den Tagzeitengebeten. Im klösterlichen Rhythmus der Gebete, beim Beten und Arbeiten wächst die Kraft. Und für uns – hier in Karlsruhe, für uns, die wir nicht im Kloster leben – wo kommt unsere Kraft her?
Martin Wacker: Ja, diese Frage stellen wir uns alle, stelle ich mir, in Zeiten, in denen man sich kaum noch traut, zur vollen Stunde die Nachrichten zu hören. In Zeiten auch persönlicher Schicksalsschläge. Was gibt Kraft, getragen von Optimismus durchs Leben zu gehen? Was ist für mich Richtschnur und bestärkt mich trotzdem mutig zu bleiben? Es ist mein Glaube und es sind die Worte Jesu. Gibt es mehr Richtschnur als seine Bergpredigt? Nächstenliebe, Versöhnung, Friedfertigkeit – was uns eine friedliche, gerechte und mitfühlende Welt ermöglicht. Daraus muss man Mut und Kraft ziehen, ohne jeden Zweifel und voller Überzeugung!
Heike Springhart: Am Anfang dieser Woche haben unsere jüdischen Geschwister den Beginn des neuen Jahres, Rosch ha schana, gefeiert. Das Jahr 5786 hat begonnen, heute abend findet der Neujahrsempfang der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden statt. Ein neues Jahr und ein neuer, bewusster Schritt in die Zukunft. Rosch ha schana ist das Fest, an dem der Neuanfang durch Gottes Schöpfung und die neu eröffnete Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen durch Gottes Vergebung gefeiert wird. Es ist, als würden für einen Moment die Sorgen angehalten. Und wenn das Schofar, das Widderhorn geblasen wird, dann ist das der Ruf dazu, innezuhalten und auf das neue Jahr zu blicken. Auf dass es ein Jahr sei voller Gottesfurcht. Darauf besinnen wir uns in diesen Tagen gemeinsam mit unseren jüdischen Geschwistern: wir besinnen uns auf den Gott, aus dessen Gnade wir leben und in dessen Weisungen wir gehen. Es ist die Feier eines Neuanfangs. So ein Neuanfang beginnt mit einer kraftvollen Geste: Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
Werfen braucht Kraft und Schwung. Meine Sorgen haben ihren Platz bei Gott, der für mich sorgt. Ich kann ihm meine Sorgen direkt vor die Füße werfen. Ich muss sie nicht behutsam und diplomatisch formulieren. Muss nicht abwägen, ob sie überhaupt schlimm sind. Muss mich nicht fragen, ob ich überhaupt das Recht habe, Sorgen zu haben – wo es mir doch insgesamt so gut geht.
Meine Sorgen – egal wie groß oder klein sie sind – muss ich nicht bei mir behalten, sondern ich kann sie von mir wegwerfen, Gott vor die Füße. Das befreit mich – und macht mich vergnügt und gelöst. Ja, es es erlöst mich von aller Last.
Hanns-Dieter Hüsch hat das in wunderbare Worte gefasst. (Der Text des Segens kann aus urheberrechtlichen Gründen hier nicht dargestellt werden)
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
