Grußwort anlässlich der 30-jährigen Feier zur Wiedergründung der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach, 16.11.2025
Zusammen mit Erzbischof Stephan Burger
1. Teil – Erzbischof Stephan Burger
Sehr geehrter Herr Landesrabbiner, lieber Herr Flomenmann,
sehr geehrte Frau Scheinker, sehr geehrte Mitglieder des Vorstands,
sehr geehrte Ehrengäste, sehr verehrte Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach, sehr geehrte Damen und Herren,
wenn wir uns heute hier in der neuen Synagoge Lörrach zusammenfinden, dem Gemeindezentrum der vor 30 Jahren wiedergegründeten Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach, ist es – leider – nicht ein nur freudiger Anlass, der uns zusammenführt. Ohne das Verbrechen der Shoah, ohne den industriell betriebenen Massenmord an etwa 6.000.000 Jüdinnen und Juden durch die NS-Diktatur und die zusehende, schweigende, dieses Morden tolerierende Mehrheit in der deutschen Bevölkerung, würden wir heute nicht auf 30 Jahre Wiedergründung zurückblicken, sondern auf eine mehr als 300 Jahre währende jüdische Geschichte. Denn bereits 1716 ist die Existenz von vier jüdischen Familien in Lörrach gesichert. Eine Mikwe bestand seit dem 17. Jahrhundert.
Die Zeit schien golden für die Jüdinnen und Juden Lörrachs: Die Gemeinde wuchs, man war gut in die Stadtgesellschaft integriert, und konnte schließlich im Jahr 1808 eine eigene Synagoge in der Teichgasse einweihen. 130 Jahre sollte diese Synagoge der Lörracher Gemeinde geistliche Heimat und Begegnungsort sein, bevor zunächst durch sogenannte „Arisierungen“ und Schikanierungen bereits eine Abwanderung von etwa 100 Jüdinnen und Juden stattfand, in den Novemberpogromen die Synagoge schwer zerstört, anschließend im Jahr 1939 durch die Gemeinde Lörrach abgerissen wurde. Bis 1940 waren etwa zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung emigriert. Von den verbliebenen jüdischen Familien wurden am 22. Oktober 1940 im Rahmen der landesweiten Deportationen 50 Personen nach Gurs verbracht, deren weiteres Schicksal nicht genau bekannt ist. Überleben konnten nur die wenigsten und nur drei Lörracher Juden kehrten tatsächlich in ihre Heimat zurück. Geblieben war lange Zeit lediglich der alte jüdische Friedhof und die Erinnerung weniger Menschen an die alte Synagoge.
Diese scheinbar ferne Vergangenheit führt in den letzten Monaten, insbesondere seit den brutalen Angriffen der terroristischen Hamas auf Israel und den folgenden Gaza-Krieg zusätzlich durch einen gestiegenen Antisemitismus aus allen gesellschaftlichen Bereichen und Milieus zu großen Sorgen und Ängsten in der jüdischen Bevölkerung Lörrachs, Badens, ja in ganz Deutschland und weltweit. Wenn beim Nachdenken über den Holocaust und alle deutschen Verbrechen während der NS-Zeit schon großes Unverständnis herrscht, um wie viel größer ist mein Unverständnis angesichts der Aktualisierung des antisemitischen Furors, des Hasses gegenüber Juden, sodass die Frage in mir aufkeimt, ob der Prediger Kohelet nicht doch recht hat und es nichts Neues unter der Sonne gibt, damit aber auch kein Ende von Hass und Vorurteilen? Haben wir wirklich nichts gelernt?
Ja, diese Frage, wir müssen sie uns immer wieder stellen als Gesellschaft, ob nun als Stadtgesellschaft in Lörrach, ob als Kirche, oder in unseren Familien: Sollten wir nicht etwas gelernt haben? Und gibt es nicht auch Gründe dafür, gestärkt in die Zukunft zu blicken, angesichts vieler Vorbilder und Zeichen, dass sich eine systematische Ermordung nicht mehr wiederholen kann, weil wir wachsamer, lauter sind und besser zusammenstehen? Lassen Sie mich, lassen sie uns ein wenig versuchen, diese Hoffnung zu schüren, ohne den traurigen Hintergrund eines leider bloß 30-jährigen Bestehens der Lörracher jüdischen Gemeinde wegreden zu können und zu wollen. Lassen Sie uns das freudvolle benennen, das uns heute zusammenführt, verbunden mit einem herzlichen Dank bei allen, die dieses Zusammenkommen, die heute so enge, freundschaftliche, teils herzlich-familiäre Zusammenarbeit und das Zusammenstehen ermöglichen und ermöglicht haben.
2. Teil – Landesbischöfin Heike Springhart
Ich habe Mitte der 90er Jahre in Basel Theologie studiert und damals ganz in der Nähe der Großen Synagoge gewohnt. Viele der Gemeindeglieder gingen meine Straße entlang, um zur Synagoge zu gelangen. Ganz selbstverständlich gehörten die jüdischen Gemeindeglieder zum Stadtbild in Basel. In dieser Zeit ist mir noch einmal ganz anders deutlich geworden, welchen dramatischen Verlust die Zerstörung des jüdischen Lebens im Nationalsozialismus in Deutschland bedeutet hatte. Und welche Lücken in unsere Gesellschaft so dramatisch gerissen wurden.
Kurz zuvor war der Eiserne Vorhang aufgezogen worden, die Mauer wurde zum Einsturz gebracht. Das war ein Wunder für die Menschen in Ostdeutschland und Osteuropa – und ein ein Segen für das jüdische Leben in Lörrach. Wie gut und wie wunderbar, dass in den 1990er Jahren jüdische Familien nach Lörrach kamen und hier eine neue Heimat gefunden haben – aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und aus Israel. Mit ihnen kam neues Leben, neue Hoffnung, eine neue Zukunft.
Für die Wiedergründung der Gemeinde war das ein Glück. Vor allem mit Blick auf Menschen, die mit Herz, Stimme und Ausdauer vorangegangen sind: Hannah Scheinker als bis heute engagierte Vorsitzende, Dr. Georg Weinberg, Raja Kuhn und die Familie Fuhl. Ihnen ist es zu verdanken, dass die jüdische Gemeinschaft wieder sichtbar wurde – und dass wir heute in einer Synagoge stehen und feiern können. 2008, genau siebzig Jahre nach der zerstörerischen Reichspogromnacht wurde sie an einem 9. November eingeweiht. Ein steingewordenes Zeichen dafür, dass Antisemitismus und Hass nie und nimmer siegen dürfen.
Ihr Einsatz, hochverehrte Frau Scheinker und der Einsatz all derer, die in diesen drei Jahrzehnten Verantwortung getragen haben – verdient unseren großen Dank. Und unseren Applaus!
Vor dreißig Jahren wurde die jüdische Gemeinde in Lörrach im Hebelsaal des damaligen Museums gegründet. Auch das ist ein schönes Zeichen. Johann Peter Hebel war nicht nur ein Kind des Wiesentals und einer, der mit seinen Gedichten die alemannische Mundart über die Grenzen hinaus bekannt machte, er war auch ein evangelischer Theologe, der sich dafür eingesetzt hat, Grenzen der Konfessionen zu überwinden. Er war der erste Prälat der aus reformierten und lutherischen Christen vereinigten Landeskirche in Baden. In seiner Geisteshaltung zeigt sich eine bemerkenswerte Offenheit. Hebel predigt ein weites Herz, das über Trennlinien hinweg verbindet. Er war überzeugt, dass Glaube und Menschlichkeit nicht durch konfessionelle Schranken geschwächt, sondern im gemeinsamen Gottvertrauen gestärkt werden.
In einem seiner Gedichte gibt ein Vater seinem Sohn guten Rat zum Abschied. „Doch wandle du in Gottisfurcht! / I root der, was i roote cha. / Sell Plätzli het e ghaimi Tür, / Un `s sinn no Sachen ehne dra.“ Sell Plätzli – der Friedhof, auf dem die beiden am Ende spazieren – das hat eine geheime Tür. Diese Zeilen deuten an, dass hinter dem Sichtbaren eine tiefere Wirklichkeit wartet – etwas jenseits all dessen, was wir hier verstehen können. Eine Wirklichkeit, die uns zu Einheit und Versöhnung ruft. Für uns heute kann dieser Gedanke ein schönes Modell sein: Es gibt mehr, was uns verbindet, als was uns trennt. Und es gibt Neuanfänge, selbst nach übelster Zerstörung.
Heute stehen wir hier und schauen auf dreißig Jahre Wiedererrichtung der jüdischen Gemeinde in Lörrach.
Ich danke allen, die das möglich gemacht haben. Und ich danke Ihnen lieber Herr Landesrabbiner Flomenmann für die Festfreude dieses Tages und für unser Miteinander. Als wir vor wenigen Wochen gemeinsam in Gurs waren, haben einige der mitgereisten Oberbürgermeister gesagt: wie schön zu erleben, dass es so ein gutes und enges Miteinander gibt von Israelitischer Religionsgemeinschaft, Katholischer Kirche und evangelischer Kirche. Das strahlt aus in unsere Gesellschaft heute.
Dass wir heute hier zusammenkomme und feiern ist ein wichtiges Zeichen. Wir feiern heute auch, dass es den Nationalsozialisten eben nicht gelungen ist, alles jüdische Leben in Deutschland und Europa auszulöschen.
Sie können sich darauf verlassen, dass wir als Evangelische Landeskirche in Baden und als Erzdiözese Freiburg auch künftig an Ihrer Seite stehen und dafür einstehen, dass jüdisches Leben bei uns einen sicheren Ort hat.
Jeder antisemitische Angriff ist ein Angriff auf uns alle. Deswegen sind wir als Gesellschaft gefordert sind, die Stimme zu erheben gegen jede Form von Antisemitismus.
Es ist nicht hinnehmbar, dass jüdische Jugendliche sich nicht mehr trauen, zu zeigen, dass sie jüdisch sind. Es bedrückt uns, dass Synagogen mit Panzerglas und Sicherheitspersonal geschützt werden müssen.
Zugleich erleben wir eine Tiefe der Verbindung zwischen den christlichen Kirchen und der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden, die es so zuvor nicht gab. Der Dialog trägt – theologisch, menschlich, geistlich. Junge jüdische und junge christliche Menschen wachsen hinein in dieses Miteinander.
Und am 20. Dezember feiern wir zum zweiten Mal Chanukka und Advent. Wir werden Lichter der Hoffnung entzünden, feiern und sicher auch wieder tanzen. Im Miteinander unserer Religionen, ohne sie dabei aufzugeben.
Voller Dank dafür, dass es jüdisches Leben in unserem Land gibt, weil Jüdinnen und Juden nach den Schrecken der Shoa wieder nach Deutschland gekommen sind.
Im letzten Jahr habe ich Margot Friedländer treffen können. Diese beeindruckende Frau, die die Shoa überlebt hat und die nach Jahren in den USA wieder nach Berlin zurückgekommen ist. Unermüdlich hat sie bis zu ihrem Tod in diesem Jahr jungen Menschen davon erzählt, was ihr geschehen ist – und uns alle dazu aufgefordert, dafür zu sorgen, dass das was sie erleiden musste, nie wieder geschehen darf.
Sie hatte erlebt, was es heißt, wenn Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt werden. „Seid Menschen!“ – und: „Es gibt kein jüdisches, christliches oder muslimisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut.“ – das war und das bleibt ihre Botschaft angesichts der weltpolitischen Spannungslagen, in denen wir leben. Es gibt nur menschliches Blut.
Deswegen können und müssen wir Menschen sein und im anderen den Menschen sehen. Margot Friedländer hat mit ihren 103 Jahren dafür gestanden und gelebt – und ihren 103. Geburtstag in einem lebensfrohen Fest gefeiert.
„Es gibt kein jüdisches, christliches oder muslimisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut.“
In diesem Geist feiern wir heute: aus Respekt, in Verbundenheit, mit geteilter Hoffnung.
Sie können sich auf uns verlassen – auf die katholischen und die evangelischen Christinnen und Christen in Baden.
Wir alle gemeinsam verlassen uns auf den Segen des Höchsten.
Möge der Ewige Sie alle und diese Gemeinde segnen und Ihnen Sein Angesicht zuwenden. Auf eine Zukunft, die jüdisches Leben schützt, stärkt und zum Blühen bringt. Mazal tov.
