Gottesdienst zur Verabschiedung von Dekan Wolfgang Rüter-Ebel, Villingen, 11.10.2025

Lieber Wolfgang Rüter-Ebel,
von der Musik her denken und vom Ergebnis her. Das ist Deine Sache. Und mit der Musik im Ohr sich tragen lassen über die Schwelle in den Ruhestand. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Der Vers aus Psalm 31 hat sich Dir mit wippender Melodie für Deinen Abschied nahe gelegt. Im Lied ist zwischen den Füßen und dem Raum eine Pause. Du stellst meine Füße – auf weiten Raum, auf weiten Raum. Das passt zu Dir als Dekan. Denn Du hast in den gut 15 Jahren hier in Villingen in der Gemeinde und als Dekan gut geerdet mit beiden Füßen auf dem Boden und leidenschaftlich gewirkt. Auf Deiner Einladung sind stabile Schnürschuhe zu sehen und eine hochgekrempelte Jeans. Nicht Lackschuhe und grauer Anzug. Obwohl Du auch das als Dekan gelegentlich tragen musstest. Vor vielen Jahren hast Du dem damaligen Landesbischof im Gespräch über Dekanate gesagt: „Wenn Sie mal Villingen haben – da hätte ich Lust zu.“ Das hat sich der Bischof gemerkt und Du wurdest zum Dekan gewählt für den Kirchenbezirk Villingen, der sich für dich nett, liberal und freundlich anhörte. Und du hast hier fest geerdet und mit weitem Horizont gewirkt. Hast Dich um die Kontakte in die württembergische Nachbarschaft, zu den anderen christlichen Kirchen in der Arbeitsgemeinschaft christliche Kirchen ACK und in die weltweite Ökumene stark gemacht. Und den Kontakt zu den jüdischen und muslimischen Geschwistern gepflegt. Du hast weite Räume hier in Villingen eröffnet.
 
Der zweite ökumenische Stadtkirchentag war so ein Kracher in deiner Zeit hier. Er war weit mehr als ein spirituelles Happening. Ihr habt euch seinerzeit den Münsterplatz wieder angeeignet, habt dafür gesorgt, dass Villingen (und Schwenningen) bunt bleibt und dass die Hetzparolen von Pegida und Co den Münsterplatz nicht auf Dauer beschallen. Mit den Füßen auf weitem Raum hast du gemeinsam mit den anderen in der Leitung des Kirchenbezirks neue Formen gewagt, auch in den Strukturen. Schon vor 10 Jahren haben sich die Villinger Gemeinden zu einer Kirchengemeinde zusammengeschlossen. In einer legendären Busfahrt sind alle Ältesten durch die sechs Gemeinden zur Visitation gefahren. 
 
Deine Weite im Geist hat es möglich gemacht, dass die Zusammenarbeit über Frömmigkeitsunterschiede hinweg gelingen konnte. Und die Klarheit und der Mut zum offenen Wort haben es ermöglicht, dass die verschiedenen Berufsgruppen im Kirchenbezirk gut und gleichberechtigt schon lange zusammenarbeiten. 
In den weiten Räumen, die Du als Pfarrer und Dekan beschritten hast, wird es nicht ausgeblieben sein, dass Erwartungen unerfüllt geblieben sind, dass sich Hoffnungen nicht haben realisieren lassen und dass Konflikte sich nicht lösen ließen. Zugleich hat sich Unerwartetes entwickelt, haben sich Menschen bewegen und berühren lassen von Dir und Deinen Worten, sind Samen gelegt worden, deren Aufgehen Du gar nicht ahnst. 
Entscheidend ist: es ist Gott, der Deine und unsere Füße auf weiten Raum setzt. Nicht wir stapfen einfach so – oder auch mit einem klaren Plan und Kompass los. Jedenfalls nicht immer. Die entscheidenden Schritte sind von Gott gelenkte und gewiesene Schritte. Gott mutet uns zu, dass unsere Füße in Räume gestellt werden, deren Ausmaße wir gar nicht ermessen können. Aber er lässt uns dabei nicht allein. 
Jetzt tut sich vor dir der weite Raum des Ruhestands auf. Was er bringen wird – wie es sein wird, das ist noch offen. Ganz sicher wirst du die vielfältigen Kontakte, die das Amt des Dekans mit sich bringt, vermissen und die besondere Gemeinschaft im Büro sowieso, vielleicht auch hier und da das Gestalten und Verantwortung tragen. Neues wird sich auftun. Und Gott wird Deine Füße auch in der neuen Lebensphase auf weiten Raum stellen. Und dann entstehen für deine Füße weite Räume meinen, Horizonte tun sich auf und zwischen Wagemut und Ängsten nimmt das Leben seinen Lauf. Möge Gott dich in diesen Räumen segnen.
Amen.