Predigt über Kantate 1 des Weihnachtsoratoriums und Johannes 1,1-14;, Stadtkirche Karlsruhe, 25.12.2025

Liebe Gemeinde,
 
erst sind es nur zwei Paukenschläge – aber sie katapultieren mich sofort mitten hinein in das Weihnachtswunder.  
„Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!“ – kaum ein musikalischer Auftakt ist so hell und so überschwänglich wie der Beginn der ersten Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium. Trompeten, Pauken, Bewegung. Musik, die uns aufrichtet, noch bevor wir verstanden haben, warum. Dieser Anfang geht durch Mark und Bein und reißt mich mit. 
 
Für mich gehören die Pauken und Trompeten und das „Jauchzet, frohlocket“ des Weihnachts-Oratoriums  unbedingt zu diesem Fest. Immer. Johann Sebastian Bach hat vor fast 300 Jahren kurzerhand seine eigene Musik recycelt. Aus der Glückwunschmusik für die sächsische Kurfürstin wurde die Huldigungsmusik für das neugeborene Jesuskind. An Weihnachten wird ein neuer Text auf altbekannte Melodien gelegt. Nicht nur musikalisch. Da wird aus dem Tanzlied das Luther-Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. An Weihnachten wird aus Armut und Angst vor Verfolgung die Geburt Gottes in der Welt. 
 
Unvermittelt setzen die Pauken ein. Und doch hören wir diese Musik nicht im luftleeren Raum. Wir hören sie mit den Nachrichten im Ohr, mit Sorgen im Herzen, mit Müdigkeit in den Knochen. Wir hören sie in einer Welt, die von Kriegen erschüttert ist, in der Menschen fliehen, hungern und frieren. In einer Zeit, in der Demokratien unter Druck stehen, Vertrauen brüchig geworden ist und viele sich fragen: Was trägt noch? 
Vielleicht ist es genau deshalb gut, dass Weihnachten mit einem Überschwang beginnt, der größer ist als unsere Verhältnisse. Bach lässt nicht vorsichtig anklopfen. Er stößt die Tür auf. „Jauchzet!“ – nicht, weil alles gut wäre, sondern weil Gott kommt.
 
Mehr noch: in der Glückwunschmusik für die Kurfürstin wurde die Pracht der Königin besungen – jetzt, im Weihnachtsoratorium ist es der Weihnachtsjubel der prächtig ist, weil das, was Gott hier und heute für uns tut, mein Leben und die Welt in einem neuen Glanz erstrahlen lässt. 
 
Die erste Kantate erzählt die Weihnachtsgeschichte nach Lukas: Kaiser Augustus, Volkszählung, ein Kind in Windeln. Große Politik und nackte Verletzlichkeit liegen dicht beieinander. Macht und Ohnmacht teilen sich dieselbe Szene. Und Gott? Gott entscheidet sich nicht für den Kaiserpalast, sondern für den Rand. Für den Anfang eines Lebens, das Schutz braucht. Gott wird Mensch. 
 
Johannes sagt es noch radikaler: „Im Anfang war das Wort … und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ (Joh 1,1.14) Nicht Idee, nicht Prinzip, nicht frommer Gedanke. Sondern Fleisch. Körper. Anfassbar. Verwundbar. Gott macht sich verletzlich. 
Das ist keine romantische Verklärung. Das ist eine Zumutung. Gott mutet sich der Welt zu. Er setzt sich aus. Gott entscheidet sich nicht für Unberührbarkeit, sondern für Verwundbarkeit. Er wird der Mensch Jesus. Er entscheidet sich für einen Körper, der friert. Für ein Leben, das bedroht ist. Für eine Existenz, die auf Schutz angewiesen bleibt. 
 
An Weihnachten wählt Gott nicht die sichere Distanz, sondern das Risiko der Nähe. Und damit verbindet Gott seine eigene Verletzlichkeit unauflöslich mit der Verletzlichkeit des Menschen. Die Sehnsucht nach den zärtlichen Trieben, die Sehnsucht danach, dass das Zarte wieder Raum bekommt, ist uns mit der Alt-Arie noch im Ohr. „Den Schönsten, den Liebsten, bald bei dir zu sehen.“ Und dafür offen zu sein. 
In diesen Tagen sind viele dünnhäutiger als sonst. Manch einer, mit dem ich in den letzten Tagen gesprochen habe, hat darüber geseufzt. Als wäre es eine lästige Begleiterscheinung der Tage zwischen Weihnachten und dem Zugehen auf das neue Jahr. Ich habe in diesem Jahr aber auch erlebt, wie viel reicher mein Leben wurde, je dünnhäutiger ich wurde. Woche für Woche im geschützten Raum im Sommer habe ich das erlebt. An der Keramik, die ich in den Wochen in einer Reha gestaltet habe, sehe ich es deutlich. Ganz am Ende habe ich aus einem schon ziemlich trockenen Reststück Ton eine Schale gemacht, mit zerfleddertem Rand und Rissen. Ich habe sie vergoldet. Ich war so gut aufgehoben, dass irgendwann auch sehr alte Tränen fließen konnten. Und dann habe ich mich kräftiger denn je gefühlt und hatte einen wahren Energieschub. Durch die dünnere Haut kommt das Leben. Und das Dunkel bleibt nicht dunkel. 
 
„Auf Zion, und verlasse nun das Weinen!“ – auf diese Zeilen des Alt-Rezitativs zielt die Weihnachtsgeschichte. Das Weinen verlassen, auch wenn so viel geweint wird. Am Zion heute und in Bethlehem, in Beit Jala und in Gaza, in Sydney und in Syrien. An den Gräbern und in Zimmern im Pflegeheim. In den Wohnungen an den langen Abenden am Jahresende, wenn die Einsamkeit spürbarer ist als sonst. Wenn alte Enttäuschungen hochkommen und man sich an gebrochene Versprechen aus diesem Jahr erinnert. 
 
Gott aber hält sein Versprechen und wird Mensch. Gerade deswegen ist es unerträglich, dass die Versprechen der Menschlichkeit für die Ortskräfte aus Afghanistan seitens der Bundesregierung allenfalls zögerlich erfüllt werden. 
Es ist unerträglich, dass heute noch so viele in Pakistan festsitzen – Menschen, die für deutsche Institutionen gearbeitet haben, die Leib und Leben riskiert haben, weil ihnen Schutz zugesagt wurde. Dieses Versprechen steht. Aber es wird gebrochen. Seit Monaten warten diese Menschen auf Ausreisegenehmigungen nach Deutschland. Sie leben ohne sicheren Aufenthaltsstatus, bedroht von Abschiebung. Das ist keine Verwaltungspanne, sondern eine Frage von Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit. 
 
Wie anders, wie radikal ist da Gottes Menschlichkeit und Erbarmen. Gleich werden wir es im Bass-Rezitativ hören: „Er ist auf Erden kommen arm, / wer will die Liebe recht erhöhn, /die unser Heiland vor uns hegt? /dass er unser sich erbarm, / ja, wer vermag es einzusehen, wie ihn der Menschen Leid bewegt?“
Gott lässt sich vom Leid der Menschen bewegen. Er lässt sich anfassen und im Herzen bewegen. Er gibt der Welt ein menschliches Gesicht. 
Gott kennt die Finsternis der Welt – und betritt sie selbst. Das Licht kommt nicht als Scheinwerfer, der alles überstrahlt, sondern als flackernde Flamme, die man hüten muss. Als Leben, das schutzbedürftig ist. Ein Kind. Ein Mensch auf der Flucht. Jemand, der auf ein Versprechen vertraut. 
 
„Jauchzet, frohlocket“ – das ist mehr als Weihnachtsstimmung. Es ist Widerstand. Freude gegen die Resignation. Lob gegen die Sprachlosigkeit. Musik gegen die Angst.
Beim Evangelisten Johannes heißt es: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ (Joh 1,12) Diese Macht ist Teilhabe an Gottes eigener Haltung zur Welt. 
Gott bindet sich an seine Zusagen, auch dort, wo es ihn etwas kostet. Wer diesem Gott vertraut, kann sich nicht mit dem Hinweis auf Verfahren, Zuständigkeiten oder politische Bequemlichkeit aus der Verantwortung ziehen. Wo Menschen im Stich gelassen werden, die auf ein gegebenes Versprechen vertrauen, wird nicht nur Recht gebrochen, sondern Gottes Nähe verleugnet. 
An Weihnachten wird ein neuer Text auf die alten Melodien gelegt. Der, der „die ganze Welt erhält“, der „ihre Pracht und Zier erschaffen“ hat, der schläft in einer harten Krippe. Das stellt alles auf den Kopf – und mein Leben auf die Füße. 
 
Mit Jauchzen und Frohlocken feiern wir heute Weihnachten – egal wie laut oder leise, wie glamourös oder unaufgeräumt. Wir feiern Weihnachten mit offenen Augen und Herzen für das Zarte und das Verletzliche, für das Leid und die Not – und gebunden an Gottes Entscheidung für diese Welt. 
Weihnachten ist der Ernstfall der Verlässlichkeit Gottes – und damit der Prüfstein für unsere eigene. 
Das Licht ist da. Und es bleibt.
 
„Lasset das Zagen, verbannet die Klage – stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit mit an!“ Denn das Kind in der Krippe zeigt: Gottes Verletzlichkeit ist unsere Hoffnung, seine Nähe unsere Aufgabe, und sein Licht bleibt unvergänglich in unserer Welt.
 
Das Licht strahlt ihn aus – den Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.