Sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck,
sehr geehrte Frau Präsidentin Gallner,
sehr geehrter, lieber Erzbischof Stephan,
sehr geehrte Damen und Herren!
Demokratie ist alles andere als selbstverständlich. Das sehen wir in diesen Tagen besonders beim Blick in den Iran und in die USA, nach Israel und Argentinien. Aber auch bei uns ist die Demokratie unter Druck.
Demokratie lebt von denen, die sie gestalten und für sie einstehen. Sie lebt von Menschen. Von Menschen, die zuhören können. Und von Menschen, die widersprechen. Von solchen, die aushalten, dass andere anders denken. Sie braucht Menschen, die um Wahrheit und Gewissheit ringen, die für Menschlichkeit und Vielfalt eintreten und die damit rechnen, dass der andere sogar dann recht haben könnte, wenn er das Gegenteil behauptet von dem, was meine Überzeugung ist. Die Demokratie braucht Menschen, die wissen: Freiheit ist kein Besitz, sondern eine Aufgabe.
Sie, lieber Joachim Gauck haben das in ihrem Buch zur „Freiheit“ bereits 2012 klar formuliert: „Die Freiheit der Erwachsenen ist Verantwortung, ist die Bereitschaft, Ja zu sagen zu den vorfindlichen Möglichkeiten der Gestaltung und Mitgestaltung.“
Dieses Ja ist kein schlicht abnickendes Einverständnis. Es ist ein entschiedenes Ja zur Mitverantwortung. Ein Ja dazu, nicht am Rand zu stehen und allenfalls den schnellen Kommentar bei Facebook oder am Stammtisch abzusondern, sondern einzutreten – für Strukturen, die Freiheit ermöglichen, und für Regeln, die ein gerechtes Zusammenleben sichern.
Demokratische Kultur wächst dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen – im Großen wie im Kleinen. In Parlamenten und Gerichten. In Schulen und Kirchengemeinden. Am Arbeitsplatz. Am Küchentisch und auch am Stammtisch, ob analog oder digital.
Wenn wir heute von einem drohenden „Verlust demokratischer Kultur“ sprechen, dann geht es nicht nur um politische Verfahren. Es geht um Haltungen, um Respekt vor dem Recht, um Vertrauen in Institutionen. Und es geht um die Bereitschaft, Konflikte nicht mit Lautstärke, sondern mit Argumenten auszutragen. Demokratische Strukturen – Parlamente, unabhängige Gerichte, freie Medien – sind nicht einfach eine Arena für den Kampf politischer Streithähne. Sie sind Ausdruck einer Kultur, die die Würde jedes Menschen schützt.
Inken Gallner hat 2024 mit Blick auf die Gegenwart gesagt: „Wir müssen sehr wachsam sein, die liberale Demokratie und den Rechtsstaat mit allen legalen und legitimen Mitteln verteidigen.“
Solche Wachsamkeit ist kein Alarmismus. Wer wachsam ist, ist geistlich klar und politisch nüchtern. Solche Wachsamkeit erkennt Gefährdungen, ohne in Panik zu verfallen. Sie verteidigt den Rechtsstaat nicht aus parteilichem Interesse, sondern weil das Recht vor Willkür schützt – gerade die Schwachen.
Die Grundlage dafür sind die Menschenrechte. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist nicht einfach ein unverbindliches Ideal. Sie ist die verdichtete Überzeugung, dass jedem Menschen ein unbedingtes Recht auf Leben, Freiheit und Entfaltung zukommt. Für Christinnen und Christen gründet die Würde des Menschen darin, dass er und sie als Gottes Ebenbilder geschaffen ist. Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes. In jedem menschlichen Gesicht sehe ich das Angesicht Christi. Darum ist seine Würde unantastbar.
Als Christinnen und Christen stehen wir mit beiden Beinen in der Welt. Und wissen doch, dass es noch etwas jenseits dieser Welt gibt. Wir wissen um die Begrenztheit unserer Möglichkeiten. Kein politisches System – auch nicht die Demokratie – ist das Reich Gottes. Mit keinem Engagement erlösen wir letztlich die Welt. Aber wir hören den Ruf zur Mitgestaltung und wir folgen ihm. Der Prophet Jeremia fordert die Verschleppten in Babylon auf: „Suchet der Stadt Bestes.“ (Jer 29,7) Nicht um Rückzug geht es, sondern um verantwortliche Teilhabe.
In der Nachfolge Jesu Christi geschieht dieses Engagement klar und besonnen. Die biblischen Propheten reden deutlich – aber nicht selbstgerecht.
Jesus tritt entschieden ein für die, die übersehen werden – aber er moralisiert nicht. Seine Autorität verdankt sich der Liebe Gottes, die er in seinem Reden und Handeln bezeugt und verwirklicht.
Auf diesen Spuren sind wir als Christinnen und Christen gerufen, mutig und selbstbewusst einzutreten für das Recht eines jeden Menschen auf ein Leben in Würde und in Freiheit. Wir stehen dafür ein, dass jeder Mensch sicher und frei leben kann – egal, wie er glaubt, egal, wen sie liebt, egal, woher wir kommen. Wir bringen unsere Stimme in den Chor der vielfältigen Stimmen in der demokratischen Gesellschaft ein: nicht besserwisserisch, nicht belehrend - aber hörbar, erkennbar und glasklar:
Klar in der Sache –vor allem klar für die Mitmenschen.
Klar im Eintreten für Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden.
Jeder und jede Einzelne von uns ist gerufen, in dieser Klarheit unterwegs zu sein. Als Kirchen sind wir Teil der Zivilgesellschaft. Wir gestalten mit. Wir ermutigen zur Beteiligung.
Die Kirchen sind Teil der Zivilgesellschaft – und sie stehen ihr zugleich in kritischer Freiheit gegenüber.
Wo Recht gebeugt wird, werden wir widersprechen.
Wo Menschen ausgegrenzt werden, erheben wir unsere Stimme – und treten dafür ein, dass auch die kirchlichen Räume zu sicheren Räumen werden. Safer spaces für alle. Damit Dialoge möglich bleiben.
Ich danke allen, die diesen Badischen Dialog vorbereitet haben und wünsche uns offene Worte, kluge Gedanken und den Mut, das Ja zur Mitgestaltung immer neu zu sprechen!
Herzlichen Dank.
