Vor dem Kindergarten, auf den wir von unserer Wohnung schauen, steht ein Apfelbaum. Dieses Jahr trägt er besonders gut. In die ersten wohlschmeckenden Früchte habe ich schon Mitte Juli beißen können. Inzwischen hängen ganz oben immer noch große rotbackige Äpfel. Nach und nach fallen die letzten herunter auf die Wiese. Anfänglich haben die Menschen, die jeden Tag am Baum vorbeigegangen sind, ihm kaum Beachtung geschenkt. Erst in den letzten Wochen nehme ich wahr, dass Eltern, die ihre Kinder in die KiTa bringen oder abholen, sich einen Apfel einstecken. Einige bringen mittlerweile sogar eine Tüte mit. Dass Äpfel wie durch ein Wunder am Baum wachsen, ist kein belangloses Wissen. Es staunend und dankbar wahrzunehmen, entspricht einer Haltung, die viel mit Erntedank zu tun hat.
In den alten Kulturen war das selbstverständlich. Die großen Feste der Religionen waren häufig Erntefeste. In den alten, von Bodenbewirtschaftung und Tierhaltung geprägten Gesellschaften hing von einer guten Ernte fast alles ab, nicht zuletzt das eigene Überleben. Fällt die Ernte aus, nimmt die Armut zu. In vielen Regionen der Welt gilt das bis heute.
Erntedank, das Fest dieses Sonntags darf darum nicht nur unser eigenes Wohlergehen im Blick behalten. Natürlich haben auch wir allen Grund, Gott zu danken, wenn der Hunger nicht mit am Tisch sitzt. Aber das Wohlergehen der einen und das Darben der anderen hängen eng zusammen. Darum gehört zum Erntedankfest immer auch die Verpflichtung hinzu, uns dafür einzusetzen, dass der weltweite Hunger weniger wird. Ungefähr jeder zehnte Mensch auf diesem Planeten leidet an Unterernährung oder an Hunger. Das sind um die 800 Millionen Menschen. Da müssten Erntedank und Buß- und Bettag womöglich noch viel näher zusammenrücken. Bis heute werden in vielen Gemeinden die Früchte des Erntedankaltars an diakonische Einrichtungen auf dem Gemeindegrund oder an bedürftige Personen weitergegeben – ein alter Brauch, der bewahrt hat, dass Danken, Feiern und Teilen ganz eng zusammengehören.
Im Blick auf die ganze Erde gehört das Teilen, d.h. eine wirksame Bekämpfung des Hungers und zugleich der Armut zu den unabdingbaren Voraussetzungen, um für möglichst immer mehr Menschen ein Leben in Würde und Gerechtigkeit zu ermöglichen. Gerade darum müssen wir auch mutig das Thema Geld in den Blick rücken. Und zwar als ein auch geistlich bedeutsames Thema.
Als Evangelische Kirche haben wir uns da lange Zeit doch auch ziemlich schwergetan. Spenden ja, aber so, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Beim Geld geht’s schließlich um etwas Privates und Persönliches. Und beim Thema Glauben geht’s doch um himmlische Güter und das ewige Seelenheil, nicht um den schnöden Mammon. Schließlich hat doch Jesus selber mit markigen Worten genau das formuliert: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!“ Da geht’s um zwei voneinander getrennte Bereiche.
Paulus argumentiert, was die Möglichkeiten des Geldes angeht, anders und deutlich pragmatischer. Darum freue ich mich, dass die kleine Spendentheologie des Paulus aus dem 2. Korintherbrief gerade an Erntedank gottesdienstlich in den Blick gerückt wird (2. Kor. 9, 6-15). Paulus strebt einen großangelegten innerkirchlichen Finanzausgleich an. Die durch seine Missionstätigkeit neu entstandenen Gemeinden mit ihren zumindest zum Teil durchaus wohlhabenden Gemeindegliedern soll sich an der Unterstützung der ärmeren „Heiligen“, wie er sie nennt, nämlich der Gemeinde in Jerusalem beteiligen. Paulus organisiert diese Aktion zum einen, weil sie zu mehr „Früchten der Gerechtigkeit“ bei der Verteilung der finanziellen Mittel führt. Zugleich sollen die neuen Gemeinden so ihre Verbundenheit und Dankbarkeit mit denen öffentlich machen, denen sie ihren neuen Glauben verdanken. Indem sich geistlicher Reichtum und materieller Reichtum so wechselseitig austauschen lassen, wird die Zusammengehörigkeit beider Formen des „Reichtums“ besonders deutlich.
Dabei rät Paulus ausdrücklich nicht zum gegenseitigen Aufrechnen. Auf „kärgliches Säen“ kann nur eine „kärgliche Ernte“ folgen. Doch wer fröhlich gibt, kann sich der Liebe Gottes bewusst sein. Paulus war also so etwas wie der erste Fundraising-Beauftragte in der Geschichte der Kirche. Wie gut, dass uns seine „Werbe-Unterlagen“ bis heute zur Verfügung stehen. Gerade an Erntedank lohnt sich ein Blick in die Materialsammlung der erfolgreichen Kollekteninitiative des Paulus. Er ruft uns in Erinnerung: Als Christinnen und Christen in Nord- und Mitteleuropa seid ihr selber großzügig beschenkt - durch ausreichend Nahrung ebenso wie durch die seit Jahrhunderten bestehende Tradition von Kirchen, deren Einnahmen zurückgehen, die aber trotzdem nicht arm sind. Da hätte Gott schon Gefallen daran, dass davon auch etwas zurückfließt – nicht nur in geistlichen, sondern auch in materiellen Gaben.
Erntedank führt uns vor Augen, mit welchen Lebens-Mitteln im wahrsten Sinne des Wortes wir beschenkt sind. Weil Gott fröhliche Geberinnen und Geber besonders liebhat, wird unser Ernte-Dank nicht bei sich selber bleiben. Und Gelegenheiten zu neuen Festen des Dankens schaffen. Jeder Apfel unter dem Baum vor unserem Fenster wird für mich so zu einer kleinen Erntedankpredigt.
