Fröhlicher Wechsel oder: Was eine Spieluhr in einer Studentenbude sucht

Polyphon Spieluhr

Viktoria Dinkelaker

Seit einigen Tagen steht ein extravagantes Möbelstück in unserem Wohnzimmer: ein sogenanntes „Polyphon“.  Dass es in unserer Familie dieses besondere Erbstück gibt, habe ich erst vor wenigen Wochen erfahren.  
 
Es funktioniert ähnlich wie die Spielzeug-Spieluhren, die man in Souvenirläden kaufen kann: Man dreht an der kleinen Kurbel (in unserem Fall eben eine massivere Kurbel) und kann sich ein Lied anhören, das auf der Walze eingestanzt ist (in unserem Fall Metallscheiben von der Größe einer Schallplatte).
 
Am Anfang war ich skeptisch: Wozu denn so etwas, bei dem begrenzten Platz, den wir haben? Vierzehn Volkslieder und Choräle zur Auswahl - ist das nicht sowieso viel zu langweilig?
 
Doch inzwischen bin ich begeistert von dem Stück. Denn es klingt wundervoll, und führt mir zugleich vor Augen: Noch lange nach uns mag etwas, das wir gebaut, erlebt oder gesagt haben, auf zeitlose Weise mit Menschen einer anderen Generation und Epoche verbinden. August Friedrich Ferdinand von Kotzebue beschreibt es in seinem Gedicht „Ewiger Wechsel“ so: „Es werden viel fröhliche Menschen lang nach uns des Lebens sich freun, uns Ruhenden unter dem Rasen den Becher der Fröhlichkeit weihn“.
 
Der Herbst ist die Jahreszeit, in der uns die Vergänglichkeit in der Natur besonders deutlich vor Augen steht: „Es blüht eine Zeit und verwelket, was mit uns die Erde bewohnt“ (von Kotzebue, Ewiger Wechsel). Gleichzeitig ist der Herbst die Jahreszeit der Dankbarkeit für all das, was in unserer Zeit zur Blüte kommen darf und für das Gute, mit dem Gott für uns sorgt.
 
Fast schelmisch-übertrieben wird die „Dankbarkeit“ als Eigenschaft von Thomas Mann einer biblischen Gestalt zugeschrieben, dem Joseph. Dessen Geschichte ist geprägt vom Wechsel der Höhen und Tiefen des Lebens: Vom Gefängnis zum größten Reichtum, von der Heimat in die Fremde und zurück. Josephs Stärke ist es, in den Momenten tiefster Verzweiflung dem Weinen seinen Raum zu geben, aber dennoch die kommende Erhöhung immer im Bewusstsein zu haben. Andersherum scheint in Momenten der Freude und des Tanzens die Vergänglichkeit dieser Augenblicke durch.
 
Ich finde, wir können davon viel lernen, wenn es um die Betrachtung der Zeit geht: Verheißung und Erfüllung, Saat und Ernte, Freude und Mühsal, Tod und Leben – all das gehört untrennbar zueinander. Und sie alle treffen sich in dem, was Thomas Mann zu Beginn seiner Josephsromane als „Brunnen der Vergangenheit“ bezeichnet: Immer wieder gibt es Zeitpunkte, die den scheinbaren Beginn der „Ur-Überlieferung“ darstellen. Jede Generation kennt für sich eine „Urflut“, von der man sich erzählt, und meint, dass ihre Erzählung vom Anfang der Zeit herstamme. Aber in Wahrheit ist der Brunnen noch endlos tiefer, ist die erste Flut stets noch weiter in der Vergangenheit.
 
Diese Tiefe der Zeit macht unsere Spieluhr mir hörbar: Was kam vor dem „Polyphon“? Wie viele Menschen haben ihm wohl schon zugehört? Und: Wer weiß, welches Instrument unserer Zeit noch Jahrhunderte überdauern wird?
 
So betrachtet, sind wir Josephs veritable Geschwister im Geiste – denn was davor liegt, ist an Entwicklung und Geschichtswandel noch um ein Vielfältiges tiefer als das, was uns von der biblischen Überlieferung zeitlich und kulturell trennt.
 
Ich finde das erfrischend: Mit all den Freuden und Nöten, den Themen, die uns beschäftigen, sind wir den Menschen aus den biblischen Geschichten zum Greifen nah. Josephs unbedingtes Vertrauen darauf, dass Gott es am Ende gut mit ihm macht und Großes mit ihm vorhat, behält er selbst in den tiefsten Tiefen seines Lebens ungetrübt bei. Das beeindruckt mich und flüstert für mich in unsere herbstliche Zeit die Frage hinein: Wo sollen, wo können wir loslassen von der Vorstellung, dass alles so bleibt, wie es ist? Wo begegnet uns im Uralten oder Brandneuen das Zeitlose? Wo darf unser Zweifel enden, dass Gott das gute Ende nicht schon längst vorbereitet hat?
 
Viktoria Dinkelaker, Theologiestudentin