Druckminderer

Frau vor einem Laptop, die auf einem Bleistift kaut

Monika Lehmann-Etzelmüller

Ein seltsames Geräusch ist das. Eine Mischung aus Gurgeln und Klappern. Es tönt aus der Leitung, jedes Mal wenn ich die Waschmaschine anmache, den Wasserhahn aufdrehe oder die Spülung gurgelt. Was ist das bloß? Ich frage Michael. Michael ist Ingenieur. Er ist mein Held, wenn es um technische Fragen geht, bei denen ich selbst nicht weiterkomme. Als er das nächste Mal vorbeischaut, führe ich ihm das seltsame Geräusch vor.
 
Er spitzt die Ohren und lauscht. Dann kommt das abschließende Urteil: es könnte der Druckminderer sein. Ich grinse ihn verzückt an. Michael schaut fragend zurück. So viel Verzückung angesichts gurgelnder und klappernder Wasserleitungen ist er offenbar nicht gewohnt.
Aber ganz ehrlich – DRUCKMINDERER! Ist das nicht ein herrliches Wort? Wäre das nicht toll, wenn wir alle solch einen Druckminderer eingebaut hätten? Ein Druckminderer, der den Ausknopf drückt und uns an Ort und Stelle einschlafen lässt, wenn das Mittagstief heranzieht? Ein Druckminderer, der Gelassenheit in die Herz- und Hirnleitungen spült, wenn der Tag uns Mühe macht? Ein Druckminderer - das möchte ich gern sein, als Pfarrerin und als Mitmensch – mich und andere so in die Gegenwart Gottes stellen, in sein Licht, in sein Wort, dass der Druck aufhört und Leichtigkeit einzieht.
 
Nur schade, dass das Wort nicht in der Bibel vorkommt. Ich stelle mir Jesus vor, wie er ein Gleichnis erzählt, in dem ein Druckminderer eine prominente Rolle spielt und so richtig glänzt. Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Druckminderer, der… So könnte das anfangen. Obwohl: kommt er nicht irgendwie doch vor, der Druckminderer? Jesus, begreife ich, war ein Druckminderer in Person, in Reinkultur sozusagen. Das lese ich auf jeder Seite des Evangeliums. Jesus lässt die Menschen an sich ran, er spricht zu ihnen vom Reich Gottes, er heilt an Leib und Seele und richtet auf. Wo Jesus ist, geht der Druck weg. Die Frage, ob es reicht und ob ich genüge. Die Angst vor der Zukunft. Sie wird fortgespült von Licht und Gewissheit, und die Zweifel gehen mit fort. Aufatmen ist dort, wo Jesus ist. Die Schultern lockern sich. Menschen richten sich auf und blicken in den Himmel. Er ist wundervoll blau und weit und unter seiner Weite bin ich lebendig.
 
Michael ist schon an der Tür, da dreht er sich noch mal um. Verschwörerisch raunt er mir zu:  Es könnte auch die Rückschlagklappe sein. Vor meinem inneren Auge taucht die riesige Hand Gottes auf. Beherzt gibt sie mir einen Schlag auf den Rücken, wenn ich verwirrt nach dem richtigen Weg suche und nordet mich so wieder ein. Sie klopft mir aufmunternd Mut auf die Schulter. Du meinst, so was wie der Heilige Geist? frage ich. Michaels Blick ist jetzt aufrichtig besorgt. Er sagt lieber nichts mehr.
 
  

Monika Lehmann-Etzelmüller

Dekanin im Evangelischen Kirchenbezirk Neckar-Bergstraße