Verstörend, ungewohnt, radikal! So lesen sich die Worte Jesu im Predigttext dieses Sonntags (Matthäus 10,34-39).
Von einem fundamentalistischen islamischen Geistlichen würden wir so eine Kampfansage vielleicht erwarten: Mit allem sollen wir brechen, was uns lieb und teuer ist, Vater, Mutter, Tochter, Sohn, die Familienbande durchtrennen und Jesus nachfolgen.
Wenn wir Jesus jemals als sensiblen, moralischen, friedvollen Mann des Glaubens verstanden haben, dann begegnen wir hier einem anderen Jesus. Scharf, schroff, provokant, entschlossen, schrecklich vereinfachend, jedenfalls so eindeutig, dass er uns aufregt.
Wir beginnen, uns zu rechtfertigen, Gründe zu suchen, warum wir das nicht so stehen lassen können. In der Tat: Das ist hart, fordert zum Widerspruch. Oder ist in diesen Worten Jesu noch etwas anderes zu finden als Härte und Schroffheit?
Kann gut sein: er legt er den Finger an eine wunde Stelle bei uns, wenn er uns fragt: seid ihr erkennbar als Christen, als Menschen, die meine Weggefährten sind? Nicht nur mit allen Frieden suchen und abgewogene Verlautbarungen von sich geben, zu denen alle nicken und die niemanden etwas abverlangen, weder den Mächtigen in Wirtschaft und Gesellschaft, noch den Politikern, noch dem so genannten kleinen Mann oder der kleinen Frau auf der Straße?
Wir haben es uns wunderbar eingerichtet in einem Christentum, das handzahm mitschwimmt mit den Zeitgenossen. Wie sollen sie sich an uns reiben? Die Ecken und Kanten der Botschaft Jesu sind unter uns abgeschliffen und glatt poliert. Wir wollen es uns nicht verderben mit Eltern, Geschwistern und Arbeitskolleginnen und den Verantwortungsträgern und -trägerinnen!
Wir profitieren vom Wohlstand in unserem Land. Und ist nicht durch sorgfältig abgewogenes Reden viel mehr Gutes zu erreichen? Wo ist die Grenze erreicht zum Schmeicheln, zum Verschweigen der Wahrheit, zum Anbiedern? Wo verraten wir unseren Herrn und Meister durch faule Kompromisse oder windelweiche Standpunkte?
Eine kleine Anekdote aus der Zeit des NS-Regimes soll dies verdeutlichen: Bei einem Geburtstagsempfang würdigt der linientreue Kommandeur den Jubilar mit folgenden Worten: ’Wir wissen alle, Herr Kamerad, dass sie Christ sind. Aber das macht nichts. Es fällt überhaupt nicht auf!’
Das macht nichts! Macht es wirklich nichts?
Es könnte uns beunruhigen, dass viele unserer Zeitgenossen mit einem achselzuckenden „Du bist Christ! Na und!“ reagieren und uns vielleicht in die Riege der Ewiggestrigen einordnen, so als wäre unser Glaube schräg und belanglos? Kein energisches Kopfschütteln! Kein Beginn eines Streits, sondern milde Gleichgültigkeit!
Sind wir in der Spur Jesu? Wie kann es sein: weder Zustimmung noch Ablehnung ernten wir als Christinnen und Christen? Wer Jesus und seinen Jüngern begegnete, war herausgefordert, so oder so, wütend, empört, erfreut, beglückt, doch nie gleichgültig.
Menschen sind erschreckend humorlos, wenn ihnen unbequeme Botschaften gesagt werden, die sie nicht hören wollen, die ihr Weltbild in Frage stellen.
Wenn da einer/eine anders lebt, entscheidet, denkt als die andern und dazu steht – da gibt es Ärger in Familie und Nachbarschaft.
‚Ich bin gekommen, die Menschen zu entzweien’.
Wenn wir versuchen, in Jesu Spur zu gehen, stoßen wir auf Unverständnis und Abwehr bei denen, die ihre eigenen Interessen verfolgen.
Sind wir als Kirche im Umbruch bereit, diese Brüche und Konflikte auszuhalten? Oder passen wir uns eher an? Spielen wir nach den Regeln einer Welt, die anders lebt, anders auftritt, anders redet, eine andere Zukunft erwartet als die Botschaft des Jesus von Nazareth? Oder gehen wir selbstbewusst und zuversichtlich auf Gottes Spuren zu den Menschen, die ausgegrenzt sind, arm, elend, vergessen?
Ich erlebe meine eigene Kirche eher auf Anpassungskurs: es sich mit niemanden verderben, es möglichst vielen recht machen wollen. Klare Worte möglichst nur intern sagen: etwa zum Umgang mit Asylanten in der Abschiebehaft oder mit Flüchtenden in Libyen, auf dem Mittelmeer, in der Sahara, auf dem Balkan, in Polen. Oder zu einer Gemeinschaft der Europäischen Länder, die sich abschottet nach Afrika hin und dafür viel Geld in die Hand nimmt, zu einem Welthandel, der ganze Länder verelenden lässt.
Wieso erinnern die Kirchen die eigene Gesellschaft und die Weltgemeinschaft so zaghaft, dass alle Politik darauf abzielen muss, Armut, Krankheit, Ungerechtigkeit und Unwissenheit zu lindern, auch und gerade dann, wenn es uns in den reicheren Ländern Verzicht abverlangt.
Und setzen wir die uns anvertrauten Mittel so ein, dass sie diesem Ziel dienen: einer Welt, einem Land, in dem es gerechter zugeht, in dem viele Menschen willkommen sind, in dem wir die Vielfalt aushalten und leben, den Zusammenhalt stärken?
Kirche darf sich nicht ins gesellschaftliche Abseits stellen, heißt es einleuchtend. Darf sie wirklich nicht? Wer verbietet ihr das? Und was wäre vielleicht das Gute daran?
Es könnte sein, dass wir dort wieder erkennbar würden und interessanter für unsere Zeitgenossen, so oder so. Jedenfalls aber wären wir in Tuchfühlung mit Jesus aus Nazareth und dem Gott der Bibel.
