In Bewegung

Martin Luther

Thomas Weiß

Ob er das wirklich so gesagt hat und ob mit Überzeugung in der kraftvollen Stimme oder einem kleinen Zittern darin, das weiß niemand (mehr) so genau: „Hier steh‘ ich nun. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen“. Sie wissen schon: Luther vor dem Reichstag, nicht bereit, seinen Thesen abzuschwören, mächtig unter Druck gesetzt von den sich da herumdrückenden Mächtigen. Indem ich aus der Tiefe meines gesammelten, kirchengeschichtlichen Halbwissens schöpfe, ich glaube: Er hat es nicht gesagt. Jedenfalls nicht so. Eher … dynamischer:
„Hier geh ich nun. Ich kann auch anders. Gott helfe mir! Amen.“ Sie merken den Unterschied, da kommt etwas in Bewegung.
 
Zugegeben: Kirchenhistorisch gesehen ist, was ich hier schreibe, ein wenig Humbug, aber der Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen: Luther wird gewusst haben, dass er einen Weg betritt und zu gehen hat, wenn er sich den Zumutungen von Kirche und Reichstag verweigert. Und er wird mit Bewusstsein gedacht haben: Es kann auch anders gehen, als die Kirche das vorschreibt und festzulegen gedenkt.
 
Seit Luther hat dieses „Ich“, das „auch anders“ kann und das zu seinem je eigenen Glauben, seinem Tun und Lassen befreit ist, Wert und Würde.
 
Natürlich braucht es ab und zu Stand-Punkte, gerade die Kirche braucht sie und hat sie im Lauf ihrer Geschichte auch immer wieder einmal formuliert: gegen die Nazi-Ideologie der sog. Deutschen Christen, gegen Krieg und Wiederbewaffnung, für die Öffnung nach Osteuropa, gegen die Apartheit, für „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“. Aber ein Bekenntnis-Stand hat nur Sinn, wenn ich mich (persönlich oder als Kirche) zugleich auf den Weg mache, um dem, was für mich feststeht, auch Leben zu geben, neue Wege aufzuzeigen, Schritte zu tun, Dinge zu verändern. Zum Stand-Punkt gehört die Dynamik – sonst führte das zum Still-Stand. Und das ist bei Luther wahrhaftig nicht der Fall gewesen.
 
Mich fordert diese Entdeckung – auch wenn sie geschichtlich inkorrekt ist – heraus, etwa auch unsere Diskussion um die Zukunft der Kirche (auch unserer Kirche) zu bedenken. Stimmen unsere Bilder, wenn wir von der „Kirche im Umbruch“ sprechen?
 
Das Wort Umbruch hat etwas Statisches, als würde ein Haus rückgebaut, hier und da renoviert, umgestaltet, aber im Großen und Ganzen bleibt‘s beim Alten. Umbruch kann auch Abbruch heißen – und so wird die Veränderung von Kirche bisweilen auch empfunden.
 
Muss nicht sein. Kirche bleibt nicht stehen, sondern macht sich auf den Weg; sie kann auch anders als überkommene Modelle es vorschreiben. Die Reformation hat eine Kirche geglaubt, die „semper reformanda“ sei – immer neu zu bedenken, zu glauben und zu entdecken. Mich macht das neugierig und wagemutig, Kirche kann versucht werden.
Haben Sie nicht Lust, da mitzumachen? Zukunftsangst hat da keinen Platz, unsere Fantasie ist gefragt, unsere Kreativität.
In meinem historisch fragwürdigen Vorschlag, was Luther damals hätte gesagt haben können, und der nicht unbegründeten Legende bleibt sich eines gleich: das „Gott helfe mir! Amen“. Er tut das, er hilft, das hat er zugesagt. So lassen sich doch mutige Schritte tun!