Reichweite Frieden

Jochen Kunath

Erdkugel mit Friedenstauben
„Reichweite Frieden“. So lautet das Motto der diesjährigen Friedensdekade, die mit diesem Sonntag beginnt und zehn Tage lang bis zum Buß- und Bettag in vielen Gemeinden unserer Landeskirche begangen wird. Das Motto und die Friedensdekade fragen nach der Reichweite des Friedens und knüpfen sprachlich bewusst an der Reichweite von Mittelstreckenraketen an, die in 80er Jahren Gegenstand friedenspolitischer Diskussionen waren.
 
Reichweite meint die Entfernung, in der jemand etwas gerade noch erreichen kann. Es meint den Aktionsradius und macht eine maximale Grenzaussage. Bis dahin und nicht weiter, noch nicht weiter. Reichweite hat es wohl immer mit dem Gedanken der Ausdehnung der Reichweite zu tun, mit dem weiter und mehr. Das kann sich auf die eigenen Arme beziehen oder auf die Medien und das Transportwesen unserer Gesellschaft oder eben auf Flugkörper und Raketen.
 
Reichweite Frieden lässt den Gedanken denken: Wie weit reicht unser Frieden, unsere Friedensbemühungen, unser Beten um und für den Frieden? Wann mag endlich mehr und überall Frieden werden? Das Motto „Reichweite Frieden“ erzählt von einer Sehnsucht und es spricht von Arbeit: der Friedensarbeit und es hat das Gefühl des Defizits und des Mangels im Rücken: So reicht es noch nicht. Macht mehr. Engagiert Euch.
 
Vielleicht ist Frieden aber keine Frage der Reichweite. Was liegt vor uns, wenn wir jenes berühmte Friedenszitat aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums hören: „und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ (Lukas 1, 79)? Liegt da der Weg des Friedens schon bereitet vor unseren Füßen und wir dürfen ihn mit unseren Füßen selbst beschreiten und gehen? Oder liegt da der Weg des Friedens nicht schon vor unseren Füßen und wir müssen ihn mit unseren eigenen Füßen erst bereiten und ebnen? Wenn wir von Gottes Liebe reden, von seiner Gnade, von seiner Weisheit, von seinem Gericht und auch von seinem Frieden, dann bereiten und machen wir das wohl nicht, indem wir davon reden und versuchen das unsere zu tun, sondern es ist darauf zu hoffen und darauf zu vertrauen: Gottes Liebe ist schon da. Gottes Gnade ist schon da. Gottes Gericht ist schon da. Gottes Frieden ist schon da. Gottes Frieden hat keine Reichweite. Höchstens: Er reicht so weit der Himmel geht und so weit die Wolken ziehen. Gottes Frieden reicht schon längst bis in alle Ecken und Ende, herrscht, wo er will, ist präsent.
 
Es ist für Menschen vielleicht nicht die Frage nach der Reichweite des Friedens, sondern sozusagen andersherum: Wo ist der Friede mir schon möglichst nahe? Nicht: wo endet er? Sondern: wo beginnt er? Bei mir und mit mir? Und bei „mir“ meint alle kollektiven „Mir“.
Bei der Verleihung des diesjährigen Preises des Freundeskreises unserer Evangelischen Akademie an den Theologen und Literaten Klaas Huizing vor gut zehn Tagen hat Huizing in meinen Ohren sinngemäß gesagt: Alles beginnt mit der Korrektur des Selbstbildes. Und: Wer nicht (mehr) bereit ist, sein Selbstbild irritieren zu lassen, der gerät in den Bereich der Sünde. Vielleicht – so denke ich - ist es im Blick auf unseren Frieden der Anfang: dass ich in meinem Selbstbild korrekturbereit bleibe und immer wieder bin. Vielleicht kommt mir dann der Friede ganz nahe, kein einfaches Nahesein, sondern eines im Ringen. Und vielleicht ist der Beginn des Unfriedens dort, wo Menschen sich nicht mehr irritieren lassen in ihrem Selbstbild, sondern es feststeht. Dann gerät man in den bitterbösen Spielraum der Sünde.
Das mit dem Selbstbild könnte man auch kollektiv verstehen und auf die Kirche als Gottes Abbild beziehen. Ist die Kirche noch irritierbar in ihrem Selbstbild? Befragt sie dies elementar kritisch?
 
Dem Motto der diesjährigen Friedensdekade ist noch ein Bibelvers zugesellt. Er ist für mich das, was mich meine kritische Selbstbefragung ertragen lässt, was mich vielleicht und von Anfang an immer wieder zu einem friedfertigen Menschen machen kann. Es ist eine Bitte des Vaterunsers, in der der betende Mensch zurücktritt von sich selbst, von all seinem Wollen und Füße ausrichten und gehen und Lebenswandern, sich bescheidet und einwilligt in den, der Frieden wirkt, Gott: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ (Matthäus 6, 10)
 
 
  

Pfarrer Dr. Jochen Kunath

Leitung Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt / Studienleiter Arbeitswelt und Wirtschaft Evangelischen Akademie