Eichhörnchenjahr

Eichhörnchen

Monika Lehmann-Etzelmüller

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass dieses Jahr ein richtiges Eichhörnchenjahr ist?
 
Ich sehe viel mehr als die Jahre davor, wenn ich im Wald unterwegs bin. Im Garten ist auch eines eingezogen. Ich sehe es von Baum zu Baum springen. Wie Tarzan. Es wirbelt in der Hasel umher. Es sammelt Sonnenblumenkerne ein, misstrauisch beäugt von Spatzen und Meißen und vergräbt seine Schätze im Blumenbeet.
 
Manchmal sehe ich es aber auch nur einfach im Baum sitzen. Es wärmt sich an den sanften Sonnenstrahlen. Es scheint die Ohren zu spitzen, wenn die Glocke vom Turm der Peterskirche läutet und die Nachbarin Klavier spielt und auf die Stimmen, das Lachen und manchmal auch das Weinen in den Gärten zu lauschen.
 
Auf einer langen Wanderung sagte letzte Woche eine Freundin zu mir: „Jetzt sammeln wir die letzten Sonnenstrahlen. Vorrat für den Winter. Wie Frederik, die Maus“. Bestimmt kennen Sie die Maus Frederik aus dem Buch von Leo Lionni. Als der Winter lang wird und es an die letzten Vorräte geht, hat Frederik seinen Maushausgenossen zwar keine Nüsse zu bieten, aber ein Gedicht, das die Farben, die Wärme und die Schönheit des Sommers besingt. Frederik klingt ja auch mehr nach Dichter als Tarzan.
 
Ehrlich gesagt war mit dieser Frederik schon immer etwas suspekt. Zusammenwohnen wollte ich mit so einem nicht, der, wenn der letzte Vorratsschrank geöffnet wird, meine Sonnenblumenkerne auffrisst. Auch wenn er dabei Gedichte rezitiert.
 
Da gefällt mir das Eichhörnchen viel besser. Es sorgt mit Hingabe für das, was der Leib braucht. Und es sammelt die Sonnenstrahlen, das sanfte Fallen der Herbstblätter, die letzten Begegnungen unter dem Apfelbaum und die Musik.
 
Jesus hat oft Beispiele aus der Natur genutzt, wenn er ein Gleichnis erzählt hat. An dem Eichhörnchen hätte er bestimmt Gefallen gefunden. Ich kann ihn förmlich vor mir sehen, wie er neben dem Haselnussbaum auftaucht und sagt: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Eichhörnchen. Ohne müde zu werden sammelt es die Früchte des Sommers und klaut die Sonnenblumenkerne aus dem Vogelhaus. Es wird Winter; die Sonne hat nur noch wenig Wärme und das Licht wird weniger. Das Eichhörnchen aber fürchtet sich nicht. Es lebt von den Vorräten, die es angelegt hat. Es gräbt genug Nüsse aus, dass auch für die Spatzen etwas bleibt. Wenn es hinunter in den Garten schaut, sieht es den Sommer, der war und den Sommer, der kommt. Seid klug wie die Eichhörnchen. Sie sammeln Nahrung für das Wohl ihres Leibes und legen Vorräte an für den Hunger der Seele. Wenn alle an beidem satt werden, ist Gottes Reich nah“.
Oder so ähnlich.
 
Wäre das nicht das Programm, wenn das Licht weniger wird und die Nacht lang? Wenn die Stimmen, der Gesang und die Musik im Garten verstummt sind und das Leben in die Häuser umsiedelt? Gut sorgen für den Leib, gut essen, genug schlafen und sich wärmen? Gut sorgen für die Sehnsucht der Seele durch lange Gespräche, gemeinsames Singen und einen Blick, der keinen verliert?
 
Und wenn Sie nach bei diesem Vorhaben nun begeistert in die Hände klatschen, wie die Mäuse für Frederik, dann werde ich rot, verbeuge mich und sage bescheiden: „Danke - ihr lieben Eichhörnchengesichter!“.
 
  

Monika Lehmann-Etzelmüller

Dekanin im Evangelischen Kirchenbezirk Neckar-Bergstraße