Gott sei Dank gibt es die Kirche

Innenraum einer Kirche mit Kerzen und Kreuz

Urte Bejick

Wann waren Sie das letzte Mal von Herzen froh, dass es den Oberkirchenrat gibt?  Oder  besser: „die Kirche“?
Viel Kritik muss die alte Dame einstecken, dass sie an ihrer Sprache ersticke, zu fade und zu dick sei. Und ganz viele wissen, wie sie attraktiver werden könne, ja müsse! Viel Lärm um eine, die man sonst wenig beachtet, ja nicht unbedingt braucht. Denn auch religiös sind die Menschen mündig geworden: „Ich habe meine Spiritualität , da brauch‘ ich keine Kirche“.
 
Ja, die persönliche Spiritualität, die frei ist und resilient machen soll, ist ein hohes Gut. Aber manchmal kommt mir der Verdacht, ob ihre Hochschätzung nicht der neoliberalen Singularisierung entspringt, in der jeder Mensch selbst sein eigenes Risiko trägt, auch das eines wie immer gearteten Glaubens.
 
Und wenn der eigenen Spiritualität die Luft ausgeht? Auch der innere mystische Weg kann an den Abgrund führen. Die Spiritualität kann angefochten werden - durch eine furchtbare Krankheit, einen Verlust, die vielen Ungerechtigkeiten und Leiden weltweit oder einfach nur ein Herbstschaudern oder einen herzzerreißend blauen Tag.
 
Ich kann hier nur von mir sprechen: Aber ich bin froh, dass es noch Kirchen als Gebäude gibt, in die ich mich setzen kann. Ein Ort, an dem ich weinen kann und schweigen. Eine Kerze anzünden, weil beten nicht mehr geht.
Kirche heißt für mich: ich schaffe es nicht allein. Ich brauche Worte, Lieder, Zeichen, die voran gegangene Menschen über Jahrhunderte gejubelt, geseufzt, geflüstert haben. Ich brauche ihre Gebete, Gedichte und Geschichten, auch die lästerlichen.  Wenn ich kaum noch glauben kann, brauche ich andere, die für mich glauben. Ich brauche Rituale und Sakramente als bergende Form, wenn ich zu einem Inhalt nicht mehr fähig bin. Ich brauche Menschen, die mich mitschleppen durch die Wüste der Gottesferne, auch wenn sie das gar nicht wissen. Ich brauche die Kirche. Denn bei aller Kritik, bei allem gelegentlichen Verzweifeln und Zukunftsangst, was aus „der Kirche“ denn werden soll, sind wir als Kirche doch dies: Die Gemeinschaft der Lebenden und Toten, die Geschichten, Lieder und Brot teilt. Die Gemeinschaft, die Schuld und  Leid mitträgt. Die Schwache und Kranke nicht vergisst, sondern in ihre Mitte nimmt. Die Grenzen und Abgrenzungen überwinden will. Die Gemeinschaft derer, die Gott ersehnen und nicht einverstanden sind mit der Knechtschaft der ganzen Kreatur. Und die den fernen Gott auch nah erleben und erleben lassen in Dankbarkeit, Tatkraft, Ausgelassenheit  und Lob.
 
Das ist viel zu idealistisch, utopisch, da gibt es ganz andere Erfahrungen und das hat sich jetzt eine Theologin am Schreibtisch ausgedacht.  Stimmt, das habe ich  an meinem Schreibtisch so gedacht, aber auch schon anderswo - in einer kleinen Kapelle, am Krankenbett, im Gefängnisgottesdienst, in einem Seminar mit Konfliktberater:innen, bei einer Salbung im Altenpflegeheim oder einem ökumenischen Gottesdienst in einer Akademie. Da waren nicht nur gute Menschen, da war Kirche. Und deshalb, aufgrund dieser Erfahrungen, seufze, preise und danke ich: Gott sei Dank gibt es die Kirche!
 
  

Dr. Urte Bejick

Theologin/ Bereich Altenheimseelsorge, Abt. Seelsorge/ZfS