Ein alter Mann ist bei einer englischen Fernsehshow als Zuschauer eingeladen. Dort wird eine alte Geschichte über ihn erzählt: Als junger Mann hatte er 1938 mit dazu geholfen, dass über 660 jüdische Kinder aus der Tschechoslowakei nach England gebracht und so vor dem Holocaust gerettet wurden. 50 Jahre lang hatte er niemandem davon erzählt. Erst nachdem seine Frau eines Tages zufällig auf dem Dachboden ein altes Notizbuch, Fotos und Unterlagen entdeckt, kommt die Geschichte wieder ans Licht. In der Fernsehshow wird nun diese alte Geschichte erzählt. Und dann kommt der berührende Moment: Alle anderen Personen im Publikum erheben sich plötzlich und beklatschen den alten Herrn in der ersten Reihe. Es stellt sich heraus: All die Menschen im Publikum gehören zu den Kindern, die damals aus der Tschechoslowakei nach England gerettet wurden und die sich jetzt mehr als 50 Jahre später bei ihrem Retter bedanken (Das anschauenswerte, kurze Video zu dieser Geschichte findet sich im Netz unter: https://www.youtube.com/watch?v=9QqpfnfRlZw).
In diesen November-Tagen, in den denen wir am 9. November der Zerstörung der Synagogen und der Verfolgung der jüdischen Mitbürgerinnen und -bürger gedenken, in denen mit dem Buß- und Bettag die Friedensdekade beginnt, die noch bis zum letzten Sonntag des Kirchenjahres dauert und uns sensibilisiert für Unfrieden, Gewalt und Unterdrückung, in diesen Tagen der Nachdenklichkeit ist diese Geschichte eine berührende Ermutigung, dass es auch in düsteren Zeiten Hoffnung gibt. Und sie veranschaulicht für mich etwas, das sich mit dem Wochenspruch für diesen Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres verbindet. Dieser lautet: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ (2.Kor.5,10).
Die Vorstellung vom Gericht Gottes, die der Apostel Paulus hier kurz aufruft, provoziert bei vielen Menschen Widerstand. Sie wollen nicht hören von einem Gott, der die Menschen beurteilt nach ihren Taten und die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Sie wollen nicht hören von einem Gott, vor dem man sich fürchten muss, weil er mit ewiger Verdammnis bestrafen kann. Ich kann diesen Widerstand nachvollziehen. Aber mit dem Gericht Gottes verbindet sich auch noch anderes: Auch die unsichtbaren guten Taten kommen nun ans Licht und werden gewürdigt. So wie es dieser alte Mann in der Fernsehshow erlebt hat. Der Richterstuhl Christi steht auch dafür, dass all die an Kinderbetten durchwachten Nächte einmal bedankt werden, dass all die vielen Stunden und die Kraft und Nerven, die Menschen in Gemeinderäten und Ältestenkreisen für Gemeinwohl und Kirche aufgebracht haben, gewürdigt werden, dass die einem Obdachlosen zugesteckte Brezel, die anonyme Spende für ein diakonisches Projekt, der Besuch bei der kranken Nachbarin und vieles, vieles mehr, was an Gutem im Unsichtbaren und Verborgenen geschieht, einmal ans Licht kommt, offenbar wird. Und dann wird sich einer bedanken. Und dann wird auch deutlich werden: Nichts von dem, was da geschehen ist, was uns vielleicht so ganz selbstverständlich ist, dass wir darüber gar nicht mal sprechen, nichts von allen diesen Taten war umsonst. Wir werden dann sehen, welche Früchte diese guten Taten hatten, Früchte, die wir selbst vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen konnten. So wie dieser alte Mann in der Fernsehshow nun auf einmal die Menschen sieht, denen er das Leben gerettet hatte. Das Gericht Gottes macht auch deutlich, dass keine gute Tat, keine in Sorge um andere vergossene Träne, keine Fürbitte und kein gutes Wort umsonst ist, sondern dass alles wahrgenommen wird – zumindest bei Gott wahrgenommen wird. Und damit nicht einfach wirkungslos ist.
Vor dem Richterstuhl Christi werden auch unsere Unzulänglichkeiten und Fehler, unser Versagen und unsere Schuld offenbar werden. Wir werden dort nicht stehen und uns auf unsere guten Taten berufen können, wir werden nichts vorweisen können, was uns auszeichnet. Unsere Hände werden leer sein. Aber nachdem das klar ist, wird auch das Gute in unserem Leben sichtbar werden. Und weil es in jedem Leben auch irgendwo etwas Gutes gibt, und sei es auch nur ein kleines Fünkchen, wird niemand ohne Hoffnung vor den Richterstuhl Christi treten müssen. Denn Christus wird in seiner Güte und Gnade das Gute offenbar machen und würdigen. Deshalb ist die Vorstellung vom Richterstuhl Christi keine Sache, die Angst machen will, sondern die Hoffnung weckt – gerade auch in Zeiten, in denen wir uns ohnmächtig fühlen: Nichts an Gutem, das wir tun, wird ohne Wirkung bleiben; nichts Gutes wird umsonst getan.
Gebet
Manchmal fühle ich mich ohnmächtig,
habe das Gefühl: Ich kann nichts bewirken angesichts der Übermacht des Unheils.
Manchmal erscheint es mir sinnlos, mich zu engagieren,
denke, mein Einsatz ist wie das Ausschöpfen des Meeres mit einem Eimer.
Manchmal meine ich, alle Arbeit sei aussichtslos.
Aber dann will ich nicht niedergeschlagen verharren, sondern mich erinnern:
An den, der uns gelehrt hat, dass Gott auch auf die Spatzen achtet.
An den, der in den Tod gegangen ist ohne die Sicherheit, dass alles gut wird.
An den, der auferstanden ist und sitzt zur Rechten Gottes zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich will darauf vertrauen, dass Gott das Kleine und Geringe wertschätzt und bei ihm nichts Gutes vergeblich geschieht.
Dr. Matthias Kreplin
Oberkirchenrat / Leiter des Referats 1 "Verkündigung in Gemeinde und Gesellschaft"
